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Panorama

25. Juni 2016 | 17:58 Uhr

15 Jahre Wikipedia : Ein Leben ohne Wikipedia? Undenkbar

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Weltweites Online-Lexikon feiert heute seinen 15. Geburtstag. Jonas Rogowski, Wikipedianer aus Rostock, möchte Möglichkeiten der Enzyklopädie nicht missen

Ein Treffen mit der britischen Rockband Motörhead? – Wikipedia macht’s möglich. So zumindest für den Rostocker Jonas Rogowski, der als Autor beim weltweiten Online-Nachschlagewerk Akkreditierung und Kameraausrüstung bekam und hinter die Bühne des Metal-Festivals in Wacken durfte. Nachdem die Band das Konzert wegen des schlechten Gesundheitszustands ihres kürzlich verstorbenen Frontmanns Lemmy Kilmister abbrechen musste, erlebte der 25-Jährige die Band im Backstage-Bereich, wechselte einige Worte mit Gitarrist Philip Campbell. „Ein intimer und schöner Moment, an den ich vor allem nach dem Tod von Lemmy gerne erinnere. Ohne Wikipedia-Akkreditierung zur Vervollständigung der Datenbank wäre das wohl nur schwer möglich gewesen“, sagt Jonas Rogowski.

Heute feiert das Online-Lexikon seinen 15. Geburtstag – doch was war eigentlich davor? Die schweren Nachschlagewerke wie Der Große Brockhaus wirken wie aus einer anderen Zeit. Dutzendfach stehen die schweren Bände auch im Regal des Berliner Deutschland-Büros von Wikimedia, dem Verein, der sich hinter Wikipedia verbirgt. Fast schon Ironie des Schicksals, schließlich ist das Online-Nachschlagewerk maßgeblich daran beteiligt, dass traditionelle Lexika kaum noch eine Rolle spielen. Deren Niedergang kam schnell, fast so schnell wie der Siegeszug von Wikipedia. Heute vor 15 Jahren wurde die digitale Enzyklopädie gegründet, steht im Jahr 2016 aber auch vor großen Herausforderungen.

Rückblick: Am 15. Januar 2001 rief der US-Amerikaner Jimmy Wales gemeinsam mit dem Programmierer Larry Sanger Wikipedia ins Leben. Die Besonderheit: Durch eine spezielle Software entstand ein frei verfügbares System, das es jedem Nutzer ermöglicht, Websites anzulegen und zu bearbeiten. Einen Monat später standen 600 Artikel online, nach einem Jahr waren es schon über 20 000 – zur Überraschung der Gründer. Die hatten sich zwischenzeitlich überworfen, Sanger zog sich zurück. Was bleibt, ist der Erfolg. Genau 15 Jahre später ist Wikipedia eines der Vorzeigeprojekte im Internet, geschaffen von Freiwilligen. Heute gibt es 37 Millionen Beiträge in knapp 300 Sprachen. Kurz nach der englischen Version, im März 2001, ging auch die deutschsprachige Wikipedia-Ausgabe an den Start. Allein sie wird eine Milliarde Mal im Jahr aufgerufen.

Am Online-Lexikon beteiligt ist Jonas Rogowski. Seit Ende 2011 gehört der Student zur Gruppe der Wikimedianer – jener Nutzer, die Beiträge einstellen und bearbeiten. „Ich habe damals durch Zufall Ralf Roletschek, der schon seit den deutschen Wikipedia-Anfängen dabei ist, kennengelernt. Er gab den Anstoß, meine Bilder anderen zur Verfügung zu stellen“, sagt er. Mehr als vier Jahre später hat der Politik- und Geschichtsstudent rund 1300 Fotos hochgeladen und etliche Beiträge korrigiert. Sein Steckenpferd: Metal-Bands und Denkmalfotografie. „Ich lade hauptsächlich Fotos von Festival-Besuchen hoch. Auf Radtouren durch die Umgebung vervollständige ich auch Denkmallisten mit Fotos zur entsprechenden Sehenswürdigkeit. Das Gute an Wikipedia ist ja, dass jeder mitmachen kann.“

Mit rund 1,9 Millionen Artikeln steht die deutsche Wikipedia-Seite übrigens auf Rang drei – nach der englischen und der schwedischen Ausgabe des Online-Nachschlagewerks. „Wir waren in Deutschland schon immer sehr stark“, sagt Website-Gründer Wales. Das freiwillige Engagement und der Wille, Gutes zu leisten, seien hier besonders ausgeprägt. Finanziert wird das Lexikon nach wie vor ohne Werbung, was in Zukunft auch so bleiben soll. Die globale Plattform trägt sich allein durch Spenden – und das ziemlich gut. Bei der jüngsten Sammelaktion der Wikimedia Deutschland kamen 8,6 Millionen Euro zusammen. Finanziert werden damit Technik und Kameraausrüstung.

Davon hat auch Jonas Rogowski bereits profitiert. Für Festivals hat der 25-Jährige schon häufiger eine Leihausrüstung zum Fotografieren genutzt. Der Vorteil: Das Zubehör wird im gesamten deutschsprachigen Raum verschickt und ist versichert. „So ist man aber auch in einer gewissen Bringschuld, gute Bilder abzuliefern“, sagt der Student. Bisher sei ihm das aber stets gelungen, fügt er mit einem Schmunzeln an. Neben einer gewissen Affinität für die Fotografie hat sich der Rostocker in den letzten Jahren zahlreiche Kniffe angeeignet und Spaß an jener Tätigkeit gefunden, die er selbst als „Neben-Hobby“ bezeichnet.

Was durch die Beteiligung zahlreicher Freiwilliger einfach klingt, birgt auch Probleme: Eine sinkende Zahl der Schreiber, eine Spendensumme, die immer höher geschraubt wird oder der niedrige Frauenanteil, der laut Gründer Jimmy Wales nur bei 16 Prozent liegt, sind nur Beispiele. Auch Jonas Rogowski ist sich dieser Herausforderungen bewusst: „Ich sehe das 15-jährige Bestehen daher als große Chance, auf diese Probleme aufmerksam zu machen und Lösungen zu finden“, sagt der Student. Wie kann man die Community offener gestalten und neue Leute für Wikipedia begeistern? „Ich sehe eine offene Konfrontation mit den eigenen Baustellen als sinnvoll an“, sagt er.

Wegdenken möchte sich der Rostocker Wikipedia nicht mehr: „Es gibt weltweit schließlich nichts Vergleichbares, den Brockhaus wird wohl kaum noch jemand aus dem Regal holen.“

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erstellt am 15.Jan.2016 | 12:00 Uhr

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