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Aus für alte Kohlekraftwerke? : Stromkunde wird von „Kosten-Tsunami“ überrollt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Energieökonomin Kemfert fordert das Aus von alten Kohlekraftwerken

Der Strompreis steigt und steigt. Über die Hintergründe sprach unser Korrespondent Andreas Herholz mit Claudia Kemfert, Energieökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Claudia Kemfert , Energieökonomin
Claudia Kemfert , Energieökonomin

Frau Kemfert, der Strompreis steigt und steigt. Wo liegen die Ursachen dafür, dass die Verbraucher immer tiefer in die Tasche greifen müssen?
Jedenfalls liegt das nicht an den erneuerbarem Energien. Das ist ein Mythos, der allzu gern von Gegnern der Energiewende verbreitet wird. In Wahrheit sinken nämlich die Kosten erneuerbarer Energien kontinuierlich. Diese Kostensenkungen kommen nur nicht beim Verbraucher an. Schuld daran sind Wirtschaft und Politik, die viel zu lange am früheren Energiesystem festhalten. Kohlestrom verursacht Umwelt- und Klimaschäden, die Atomenergie gigantische Kosten für Rückbau der Kraftwerke und Lagerung des Atommülls. Dieser Kosten-Tsunami wird heimlich von den Stromkunden bezahlt und der Energiewende untergeschoben. Auf diese Weise machen die Konzerne der fossilen Welt weiterhin Gewinne mit konventioneller Energie. Zu Lasten der Stromkunden.

Die Chefs der Energiekonzerne, aber auch Wirtschaftspolitiker der Union machen die Energiewende für die Kostenexplosion verantwortlich, warnen vor einem „finanziellen Desaster“ und fordern Korrekturen. Läuft die Energiewende aus dem Ruder?
Die wahre Kostenexplosion kommt nicht von der Energiewende, sondern von der Nicht-Energiewende! Wir haben noch immer viele Atom- und Kohlekraftwerke am Netz, die wir eigentlich gar nicht mehr brauchen. Das führt zu einem Überschuss im Stromangebot, was die Strompreise an der Börse sinken lässt, weswegen im selben Maß die EEG-Umlage steigt. Das müsste eigentlich zu stabilen Strompreisen für die Endverbraucher führen. Das Problem: Die Energiekonzerne geben die sinkenden Börsenpreise nicht an die Endkunden weiter; stattdessen schlagen sie sogar noch Forderungen oben drauf. So müssen die Verbraucher auch noch einen überdimensionierten Netzausbau für überflüssige Atomkraftwerke und inzwischen sogar „Abwrackprämien“ für alte Kohlekraftwerke bezahlen.

Ist es nicht Zeit, die Stromsteuer zu senken?
Es ist Zeit, sich endlich von alten Kohlekraftwerken zu verabschieden und den überdimensionierten Netzausbau samt Traumrenditen für Netzbetreiber abzuschaffen. Würde man keine Abwrackprämie für alte Kohlekraftwerke finanzieren, würde der Strompreis ganz schnell sinken.

Was können die Stromverbraucher tun, damit ihre Kosten nicht weiter nach oben gehen?
Vor allem nicht jammern, sondern handeln. Wer vergleicht, findet schnell günstigere Angebote. Oftmals bieten reine Ökostrom-Anbieter gute Preise und machen auch transparent, wie sich der Strompreis zusammensetzt. Und manchmal ist es ganz einfach: Wer Strom spart, spart Geld.

Müsste nicht auch die Industrie stärker an den Kosten beteiligt werden?
Man könnte damit anfangen, die Ausnahmen für die Industrie zu beenden. Stattdessen wird eine wachsende Zahl von Industriekunden bevorzugt, etwa indem sie keine EEG-Umlage oder Netzentgelte zahlen müssen. Das sind inzwischen etwa 3000 Unternehmen. Was diese weniger bezahlen, bezahlen die restlichen Stromkunden mehr. Die gesamten Vergünstigungen der Industrie machen mittlerweile 17 Milliarden Euro pro Jahr aus. Absurderweise werden ausgerechnet Betriebe mit hohem Stromverbrauch an dieser Stelle bevorzugt. Das führt dazu, dass die Unternehmen bewusst Energie verschwenden, um die Ausnahmeregelung beanspruchen zu können. Also: Wenn schon Ausnahmen, dann nur für Industrieunternehmen, die wirklich im internationalen Wettbewerb stehen – und die nachweislich Fortschritte beim Energiesparen machen.

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erstellt am 19.Apr.2017 | 20:45 Uhr

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