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Güstrower Anzeiger

25. Februar 2017 | 16:51 Uhr

Tödlicher Unfall in Krakow: Bewährung : Eine Tragödie, die vermeidbar gewesen wäre

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Verursacher der fahrlässigen Tötung schuldig gesprochen. Mildes Urteil und offene Fragen.

Zu einer Geldstrafe von 180 Tagessätzen á 10 Euro, zu zahlen unter dem Vorbehalt einer zweijährigen Nichtbewährung, verurteilte ein Schöffengericht am Güstrower Amtsgericht den Verursacher eines Verkehrsunfalls, der sich am 14. August 2015 in Krakow am See zugetragen hatte. Das Gericht sprach André F. (27) aus L. bei Güstrow der fahrlässigen Tötung zweier Menschen schuldig. Ein weiterer Insasse des von ihm gesteuerten Autos trägt bis heute an seinen schweren Verletzungen.

Das „milde Urteil“, so die Vorsitzende Richterin am Landgericht Barbara Bäuerle-Graf, folgt den gleichlautenden Anträgen von Staatsanwältin Tanja Bittins und Verteidiger Ulf Blase. Anders als Anklägerin und Rechtsbeistand wertete das Gericht dennoch F.s Verschulden nicht als „Augenblicksversagen“, wie es „jedermann treffen“ könne, was Rechtsanwalt Blase ausführte. Vielmehr habe F. in jenem Moment des Geschehens eine Entscheidung getroffen – die falsche, was die schwerwiegenden Folgen hatte.

Der Dekra-Sachverständige Dirk Hartwig war zu dem Schluss gekommen, dass F. den Unfall hätte noch vermeiden können, als er sich mit dem Auto bereits auf der Kreuzung zwischen Ernst-Thälmann-Straße und damaliger Bundesstraße 103 befand. Auf die war F. laut Gutachten des Diplomingenieurs langsam gefahren, was eine Zeugin gestern untermauerte. Die Zeugin bekräftigte auch Aussagen bisheriger Zeugen sowie des Straßenbauamtes, dass die Ampel aus war, als der Unfall gegen 20.08 Uhr passierte. So blieb es bei der Feststellung, dass F. einen Vorfahrtsfehler beging, ohne den der Unfall nicht passiert wäre. Und dennoch: Hätte F. dann, als er schon auf der Kreuzung war und einen von rechts auf der Hauptstraße herannahenden Lkw sah, voll gebremst, wäre es nicht zur Kollision gekommen, führte der Gutachter aus. Doch F. entschied sich, das laut Zeugin vielleicht schon stehende Auto zu beschleunigen. Ohne diesen falschen Entschluss, so der Gutachter, hätte die mit 57 bis 63 km/h überhöhte Geschwindigkeit des Lkw keine Rolle gespielt. In seiner Wahrnehmungsfähigkeit beeinträchtigt war F. offenbar nicht, eine Blutprobe vom Folgetag stellte 0,00 Promille Blutalkohol fest.

Die Schuld von André F., der Vorfahrtsfehler, ist für das Gericht unbestritten. An den emotionalen Folgen des Geschehens, am Tod zweier Freunde werde F. sein Leben lang zu tragen haben, führte die Richterin in der Urteilsbegründung aus. Hinzu kommen die erheblichen Verfahrenskosten für den seit dem Unfall von Hartz IV lebenden gelernten Hauswirtschafter. Dass gegen F. keine Vorstrafen oder Eintragungen beim Kraftfahrtbundesamt registriert sind, habe bei der Urteilsfindung eine Rolle gespielt.

Das Urteil gegen André F. ist bereits rechtskräftig.

Möglicherweise noch kein Ende hat die Tragödie für den beteiligten Lkw-Fahrer. Der nämlich hätte, entgegen dem vorläufigen Gutachten des Sachverständigen, sehr wohl den Unfall verhindern können, hätte er die nötige Aufmerksamkeit walten lassen. Dies ergab sich aus der Beweisaufnahme. Warum er laut Berechnungen des Gutachters erst 1,9 bis 2,2 Sekunden nach der Kollision gebremst hatte, obwohl er den Pkw doch hätte sehen müssen, was also seine Aufmerksamkeit beeinträchtigt hatte, blieb im Verfahren gegen F. unbeantwortet. Am ersten Verhandlungstag hatte der als Zeuge befragte Lkw-Fahrer eine abenteuerliche Version entwickelt. Der Sachverständige stellte jedoch klar: Innerhalb von maximal zweieinhalb Sekunden während einer Gefahrenbremsung per Handy einen Notruf abzusenden sei „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ nicht möglich. Der Lkw-Fahrer hatte das so erklärt, als Zeugen ihn nach dem Aufprall mit Handy in der Hand vorfanden. Die Staatsanwaltschaft prüft jetzt, ob sie ein Verfahren gegen den Lkw-Fahrer einleitet.

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erstellt am 16.Feb.2017 | 20:45 Uhr

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