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Ludwigsluster Tageblatt

17. Januar 2017 | 07:49 Uhr

Anschläge in Deutschland? : Anthrax-Alarm an mehreren Gerichten - auch Ludwigslust betroffen

vom

Weißes Pulver in mehreren Gerichtsgebäuden löst Polizei-Einsätze aus. Amtsgericht in Ludwigslust evakuiert.

Sie tragen weiße Schutzanzüge mit Kapuze, dazu Mundschutz. Zunächst ist es nicht ausgeschlossen, dass die Frauen und Männer Opfer eines hinterhältigen Anschlags geworden sein könnten.

In der Poststelle des Ludwigsluster Amtsgerichts am späten Mittwochvormittag: Ein Mitarbeiter öffnet einen an das Gericht adressierten Brief. Dabei rieselt ein weißes Pulver aus dem Umschlag, der daraufhin sofort wieder geschlossen wird. Minuten später ist die erste Polizeistreife vor Ort, auch die alarmierte Ludwigsluster Feuerwehr rückt an. Der Zugang zum Gericht wird umgehend gesperrt, niemand mehr darf das Gebäude betreten oder verlassen. Wenig später riegeln Polizisten auch die zum Justizgebäude führende Straße ab.

Milzbrand (Anthrax) gilt als biologische Waffe. So löste zum Beispiel eine Reihe von Briefsendungen mit Milzbranderregern nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 nicht nur in den USA Ängste aus.  Symptome des Milzbrands sind zum Beispiel Fieber, Schwellung und Verfärbung der Milz und ein allgemeiner Kräfteverfall. Die Krankheit kann  bei rechtzeitiger Anwendung mit Antibiotika bekämpft werden. Auch beim G8-Gipfel in Heiligendamm 2007 sorgte der Fund eines Beutels mit weißem Pulver außerhalb des Sicherheitszauns für Aufregung.  In einem Bekennerschreiben wurde behauptet, es  handle es sich um Anthrax. Bei  einer Analyse stellte sich jedoch heraus, dass es Mehl war.

Bundesweit löst weißes Pulver am Mittwoch in Gerichten Alarm und Großeinsätze aus. Nach Funden rücken Rettungskräfte in Erfurt und Gera (Thüringen), in Chemnitz (Sachsen), Eisleben (Sachsen-Anhalt) sowie in Coburg (Bayern) aus. Auch im Bundesverfassungsgericht gibt es einen Fund – wahrscheinlich Puderzucker. Die Hintergründe waren zunächst unklar.

Verdächtiger Fund in Coburg: Dort wurde das Justizgebäude wegen eines Briefs geräumt.

Verdächtiger Fund in Coburg: Dort wurde das Justizgebäude wegen eines Briefs geräumt.

Foto: Frank Wunderatsch

Weil der Verdacht eines Anschlags – möglicherweise mit einem biologischen Kampfstoff – besteht, werden in Ludwigslust weitere Kräfte angefordert. Feuerwehr-Einsatzleiter Bodo Thees: „Im Einsatz sind neben den freiwilligen Feuerwehren aus Ludwigslust und Groß Laasch auch Kräfte der Wehren aus Parchim und Boizenburg.“ Die Parchimer Kameraden rücken mit der Gefahrguteinheit, die Boizenburger mit einem Dekontaminationszug an. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich 47 Personen im Gebäude, die es zunächst nicht verlassen konnten. Am Nachmittag betritt ein Spezialtrupp mit Schutzausrüstung das Gericht, stellt den verdächtigen Umschlag sicher und dekontaminiert die Poststelle.

Sieben Personen, die sich in der Poststelle aufgehalten haben, wurden zunächst isoliert. Gilbert Küchler, Leiter des Polizeihauptreviers Ludwigslust: „Dabei handelt es sich um drei Mitarbeiter des Gerichts und vier Polizeibeamte: neben den Streifenbeamten auch zwei Kollegen des Kriminaldauerdienstes, die ebenfalls alarmiert worden sind.“

Einsatzkräfte haben zwei Personen in weißen Schutzanzügen zum Dekontaminationszelt gebracht.

Einsatzkräfte haben zwei Personen in weißen Schutzanzügen zum Dekontaminationszelt gebracht.

Foto: Andreas Münchow

Feuerwehrleute haben inzwischen vor dem Gerichtsgebäude ein Dekontaminationszelt aufgebaut. Kurz vor 15 Uhr werden die sieben betroffenen Frauen und Männer von dem Spezialtrupp aus dem Gebäude zum Zelt geführt – alle tragen die weiße Schutzkleidung. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich immer noch zahlreiche weitere Personen im Gericht, die es aus Sicherheitsgründen zunächst nicht verlassen dürfen. Vor dem Zelt ziehen die sieben Frauen und Männer sowohl den Schutzanzug als auch die darunter befindliche Kleidung aus.

Die Betroffenen müssen dann Hände und Gesicht gründlich reinigen, erhalten neue Kleidung. Fred Klinge von der Teileinheit Alt Jabel des Katastrophenschutzes: „Wir sind angefordert worden und haben Trainingsanzüge, Unterwäsche, Socken und Turnschuhe, die für Notfälle stets bereitliegen, als Ersatz gebracht.“ Die eigentliche und eventuell kontaminierte Kleidung wird vor dem Zelt in blauen Plastikbeuteln verstaut. Wann die Kleidung zurückgegeben wird, hängt laut Revierleiter Gilbert Küchler vom Ergebnis der weiteren Untersuchungen ab.

„Der Umschlag mit dem Pulver“, so Bodo Thees, „wird in einem Spezialbehälter nach Berlin gebracht, wo die Substanz im Robert-Koch-Institut untersucht wird.“ Wie Polizeisprecher Klaus Wiechmann am Abend sagte, hatte eine Ärztin die sieben Personen untersucht und entschieden, dass zunächst keine Einweisung in eine Klinik notwendig ist. „Die sieben Betroffenen haben auch nicht über Unwohlsein geklagt“, so Klaus Wiechmann. Am Abend konnten dann auch die noch im Gebäude befindlichen Personen, nachdem sie sich gründlich gewaschen hatten, das Gerichtsgebäude verlassen.

Ingrid Bressel (l.) und Mandy Rambow sorgten für heiße Getränke. Foto: muen
Ingrid Bressel (l.) und Mandy Rambow sorgten für heiße Getränke. Foto: muen

Extra: Friseurinnen haben Mitleid

„Die armen Jungs müssen doch frieren. Wir müssen ihnen helfen“, meinte  Friseurin Ingrid Bressel vom Salon „Haarmonie“, als sie  aus dem Fenster des Geschäfts  blickte und die zahlreichen Feuerwehrleute sah. Der Salon befindet sich genau gegenüber des Ludwigsluster Gerichtsgebäudes. Kurzerhand beschlossen sie und ihre Kollegin Mandy Rambow, für die Kameraden Kaffee zu kochen.

Weil mit der Zufahrt zum Gericht auch der Friseursalon der beiden Frauen nicht mehr zu erreichen war, hatten sie ihren für den Nachmittag angemeldeten Kunden telefonisch abgesagt und neue Termine vereinbart. Dafür gab’s für die Feuerwehrleute türkischen Kaffee. Reichte  natürlich nicht.

„Da muss unser Bürgermeister helfen, auf den ist Verlass“, sagte Ingrid Bressel spontan, rief im Büro von Reinhard Mach an und fragte ihn, ob er nicht helfen kann. Was Mach auch tat. Nach einem Anruf im Landratsamt wurde den Feuerwehrleuten aus der dortigen Kantine ein Behälter mit heißem Tee gebracht.

<p>Feuerwehrleute beraten das weitere Vorgehen.</p>

Feuerwehrleute beraten das weitere Vorgehen.

Foto: Münchow
 

Hintergrund: Zunächst kein Terrorverdacht

Giftalarm zeitgleich in mehreren Bundesländern - das könnte angesichts jüngster Ereignisse einen Terrorverdacht nahelegen. Doch Sicherheitskreise bestritten am Mittwoch auf Anfrage unserer Redaktion derartige Bewertungen. Definitiv waren die Vorfälle noch kein Fall für das Gemeinsame Terrorabwehrzentrum in Berlin, nicht einmal für den polizeilichen Staatsschutz, hieß es.

Die Staatsanwaltschaft Schwerin wurde laut Oberstaatsanwältin Claudia Lange von der Polizei um rechtliche Bewertung und Einordnung des Ludwigsluster Vorfalls gebeten. Solange keine neuen Erkenntnisse vorlägen, werde zunächst wegen Vortäuschens einer Straftat ermittelt. Sollte sich das in Ludwigslust gefundene weiße Pulver als gefährlich erweisen, könne sich die Bewertung jedoch schlagartig ändern, betonte Lange. 

Dass zeitgleich in sechs Bundesländern ähnliche Vorfälle gegen sicherheitsrelevante Einrichtungen passierten, wirkte wie eine konzertierte Aktion, die auch ein Testlauf für schwerwiegendere Attacken sein könne, räumten Sicherheitskreise ein. Andererseits gebe es solche Attacken aus verschiedensten Motiven „häufiger als man denkt, ohne dass es publik wird“, so ein hochrangiger Fachmann.

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erstellt am 11.Jan.2017 | 15:55 Uhr

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