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Norddeutsche Neueste Nachrichten

27. Mai 2016 | 12:10 Uhr

Gedenken : Angehörige trauern gemeinsam

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Die Ombudsfrau der Bundesregierung organisiert ein Treffen der Familien der NSU-Opfer in Rostock.

Als Mustafa Turgut gestern am Neudierkower Weg eintrifft, ist er sichtlich berührt. Sein Blick wirkt benommen, seine Körperhaltung wacklig. Er steht an genau dem Ort, an dem sein Bruder Mehmet am 25. Februar 2004 mit Schüssen in Hals, Nacken und Kopf ermordet wurde. Die Täter: Mitglieder des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU).

„Ich war gerade neun Jahre alt, als mein Bruder ermordet wurde“, erzählt er. Was dort, fern von seiner Heimat Türkei geschah, war für ihn nicht greifbar. „Meine Eltern haben sehr lange und intensiv getrauert“, erinnert sich Turgut. Für ihn selbst sei es schmerzhaft, den Ort zu besuchen, der tiefe Wunden bei seiner Familie hinterlassen hat. Dennoch ist er gekommen – dieses Mal gemeinsam mit Familienangehörigen von anderen NSU-Opfern. Prof. Barbara John, Ombudsfrau der Bundesregierung, hat die Reise initiiert. Besucht werden dabei die Orte des Gedenkens – so wie das Mahnmal, das an Mehmet Turgut erinnert. Im Februar 2014 wurde ihm im Neudierkower Weg ein Denkmal gesetzt. Turgut hatte dort in einem Imbiss gearbeitet, als Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt ihre Kugeln auf ihn abfeuerten.

Das Mahnmal zeigt zwei Bänke, die parallel, aber versetzt voneinander stehen. Sie sollen einen Dialog anregen, zum Verweilen und Erinnern einladen. Inschriften auf den Bänken verweisen auf das schockierende Schicksal, das Mehmet Turgut widerfahren ist.

„Dass an den Tatorten Denkmäler gesetzt wurden, zeigt den Familien, dass man Verantwortung übernommen hat“, sagt John. Zudem biete der Besuch den Opfer-Angehörigen eine Möglichkeit sich auszutauschen. Der Tenor unter den Hinterbliebenen sei dabei eindeutig: „Sie wollen keine Opfer mehr sein. Sie mussten nicht nur den Verlust eines geliebten Menschen ertragen, sondern haben auch gesellschaftliche Isolation erfahren. Nun fordern sie nichts weiter als Gerechtigkeit für das, was passiert ist“, erklärt John.

Einer der Angehörigen ist Osman Tasköprü. Er verlor seinen Bruder Süleyman am 27. Juni 2001. „Ich will, dass die Leute bestraft werden, die für den Tod meines Bruders verantwortlich sind. Nicht nur Beate Zschäpe, sondern auch die Hintermänner der Terrorzelle sollen zur Verantwortung gezogen werden“, so Tasköprü.

Ebenso wie Mehmet Turgut wurde Süleyman Tasköprü durch drei Schüsse getötet. „Wir führten einen Obst- und Gemüsehandel, ein Familienbetrieb. Ich wollte den Laden zwei Monate vor der Tat verkaufen, aber Süleyman weigerte sich. Er könne die Geschäfte übernehmen, sagte er“, so Osman Tasköprü. „Diese Tat, diese drei Kopfschüsse, hätten uns alle treffen können. Ich hatte lange Schuldgefühle und fiel drei Jahre in ein tiefes Loch. Nur mein kleiner Sohne konnte mich da wieder rausholen.“

Dass die Familien nun die Chance bekommen haben sich zu treffen, erfüllt Osman mit tiefer Dankbarkeit: „Keine Gedenktafel kann unsere Schmerzen lindern, aber der Austausch kann dabei helfen.“

Der NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht in München ist derweil noch lange nicht beendet. Auf das Konto der Terror-Gruppe gehen mehr als ein Dutzend Banküberfälle, unter anderem in Stralsund, ein Bombenanschlag, ein Nagelbombenattentat sowie neun Morde an Kleinunternehmern mit Migrationshintergrund. Der erste Mord wurde im Jahr 2000 begangen. Erst seit November 2011 werden die Verbrechen dem Nationalsozialistischen Untergrund zugeordnet. Die Neonazis Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die im selben Jahr Suizid begangen, stehen unter Mordverdacht. Zschäpe hat sich der Polizei gestellt und wurde als mutmaßliches NSU-Mitglied angeklagt. Der Prozess begann im Mai 2013. Doch die Angeklagte schweigt.

 

 

 

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erstellt am 27.Okt.2014 | 23:00 Uhr

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