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Kornea- und Gewebebank in Schwerin : „Jedes Auge ist wie ein kleiner Schatz“

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Aus der Onlineredaktion

In der Schweriner Gewebebank werden unter anderem Hornhäute präpariert

Manchem läuft ein Schauer über den Rücken, wenn Kerstin Bruhns von ihrer Arbeit erzählt. Sie leitet die Kornea- und Gewebebank in Schwerin, in der unter anderem Augenhornhäute Verstorbener für eine Transplantation aufbereitet werden. Meist paarweise werden dort Augäpfel aus ganz Deutschland angeliefert – in wärmeisolierenden Boxen, denn zu hohe Temperaturen könnten, ebenso wie Minusgrade, die empfindlichen Gewebe zerstören.

„Im Reinraum unter OP-Bedingungen präparieren wir dann die Hornhäute“, erklärt die medizinisch-technische Assistentin, die von Anfang an – also schon mehr als zehn Jahre – in der Schweriner Gewebebank arbeitet. Weil parallel dazu noch diverse Blutuntersuchungen liefen, würde jedes einzelne Auge separat desinfiziert und mit Präzisionsinstrumenten bearbeitet.

Fragen und Antworten Gewebespende

Welches Gewebe kann gespendet werden?

Körpergewebe ist äußerst vielfältig und daher bei der Behandlung verschiedener Arten von Erkrankungen und Verletzungen einsetzbar. Man unterscheidet zwischen körpereigener Spende, also von einer Patientin oder einem Patienten selbst, und dem Gewebe einer fremden, verstorbenen oder auch lebenden Person.

Folgende  Gewebe  können transplantiert  werden:

>Augenhornhaut
>Blutgefäße
>Haut
>Herzklappen
>Sehnen und Bänder
>Knochen
>Eihaut der Fruchtblase (Amnion)

Wer kann spenden und was muss beachtet werden?

Es muss grundsätzlich eine mündliche oder schriftliche Einwilligung (zum Beispiel Organspendeausweis) des spendenden Menschen vorliegen. Für alle Arten von Gewebe gilt: Es dürfen keine medizinischen Gründe (Krankheiten oder Infektionen) gegen eine Gewebespende sprechen. Diese variieren je nach Gewebeart. Hornhaut kann jeder Mensch spenden, unabhängig vom Alter oder vorangegangenen Erkrankungen, zum Beispiel Krebs. Die Kosten für die Entnahme übernimmt die Krankenkasse der Empfängerin oder des Empfängers. Knochen können (von Lebenden und Verstorbenen) ein Leben lang, Sehnen und Bänder bis zum Alter von 65 Jahren gespendet werden. Für eine Hautspende gilt eine Obergrenze von 75 Jahren. Bei einer Amnionspende willigt die Schwangere bei einem geplanten Kaiserschnitt vor der Geburt schriftlich ein. Spenden sind grundsätzlich anonym.

Wie werden die Transplantate zugeteilt?

Nicht alle Betroffenen erhalten sofort das notwendige Transplantat, weil es nicht genügend Gewebespenderinnen und Gewebespender gibt. Die Patientinnen und Patienten kommen dann auf die Wartelisten, zum Beispiel der Deutschen Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG) oder von Unikliniken, die Gewebebanken haben. Denn in Deutschland gibt es im Gegensatz zur Organtransplantation keine bundesweite Liste aller wartenden Menschen. Und es existieren, anders als bei Organen, auch keine Zuteilungskriterien der Transplantate. Die DGFG hat eigene Richtlinien entwickelt.

Dabei sind Dringlichkeit, Erfolgsaussicht für eine Genesung nach der Transplantation und Chancengleichheit (Wer wartet wie lange auf ein Transplantat?) ausschlaggebend.

 

Das dauere lange, und weil sie in dieser Zeit allein sei, rede sie manchmal mit den Präparaten, gesteht Kerstin Bruhns mit einem Augenzwinkern. Den Menschen, von dem die Augen stammen, müsse sie dabei ausblenden. „Meist geht das auch, nur bei Kindern habe ich damit Schwierigkeiten.“

„Jedes Auge, das kommt, ist wie ein kleiner Schatz“, betont die Leiterin der Gewebebank. Denn der Spender oder seine Angehörigen hätten sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, nach ihrem Tod anderen zu helfen, ihr Augenlicht zu behalten.

Anders als bei Spenderorganen ist nicht der Hirn-, sondern der klinische Tod das ausschlaggebende Kriterium bei einer Gewebeentnahme, erklärt der Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG), Martin Börgel. Ausschlusskriterien gibt es wenige. Und es gibt einen weiteren wichtigen Unterschied zur Organspende: Der Zeitdruck ist geringer, Gewebeentnahmen sind bis zu 72 Stunden nach Todeseintritt möglich.

Dadurch ist die Zahl potenzieller Spender sehr, sehr viel größer als bei der Organspende. Gleich ist beiden aber, dass ohne Einwilligung nichts geht. „Inzwischen haben immer mehr Menschen einen Organspendeausweis, auf dem sie auch ihre Position zur Gewebespende dokumentieren können“, so Martin Börgel. Gebe es keinen Organspendeausweis, würden die Angehörigen gefragt. „Diese Gespräche sind ergebnisoffen, schließlich muss der Angehörige dauerhaft mit der Entscheidung leben, die er getroffen hat“, betont der DGFG-Geschäftsführer.

Ganz viel hänge davon ab, welche Einstellung in einer Klinik zur Organ- und Gewebespende vorherrsche. „Sind die Mitarbeiter dafür aufgeschlossen, sind es auch Patienten und Angehörige.“ Generell sei die Spendenbereitschaft in Ostdeutschland spürbar höher als im Westen.

Mittlerweile ist die Zahl der Gewebespenden so hoch, dass die Wartezeit zum Beispiel auf ein Augenhornhaut-Transplantat in den vergangenen zehn Jahren von mehr als sechs Monaten auf wenige Wochen zurückgegangen ist, so Börgel. Die fünf im Netzwerk der DGFG mitarbeitenden Gewebebanken aus Mecklenburg-Vorpommern hätten daran einen nicht unerheblichen Anteil.

Die Schweriner Bank hebt Börgel aber noch aus einem anderen Grund hervor: Sie ist diejenige im DGFG-Netzwerk, die die meisten Amnion-Präparate bereitstellt. „Die Amnionmembran ist die innere Eihaut der Plazenta“, erklärt Börgel. Verwendung findet sie unter anderem bei der Behandlung der Hornhautoberfläche, wo sie durch ihre antientzündliche Wirkung die Wundheilung positiv beeinflusst. Bisher werden die Präparate dort mit einigen winzigen Stichen befestigt. Eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe unter dem Dach der DGFG hat nun aber einen speziellen Clip entwickelt, in dem die Amnion-Membran wie eine Kontaktlinse auf die Augenoberfläche gelegt werden kann. „Wir erwarten noch in diesem Jahr die Zulassung“, so der Geschäftsführer. Hergestellt werden sollen die neuartigen Clips dann für ganz Deutschland in Schwerin.

Aufbereitete Gewebespenden können – je nach Art – mehrere Wochen oder sogar Jahre gelagert werden. Ob ein Hornhaut-Präparat dazu geeignet ist, untersucht Kerstin Bruhns noch im Reinraum. Unter dem Mikroskop ermittelt sie die Zellenzahl, die Rückschlüsse auf die Qualität der gewonnenen Hornhäute zulässt. Schließlich kommen die Präparate bei 37 Grad Celsius in einer Kulturlösung in den Brutschrank. Auch hier wird regelmäßig die Qualität kontrolliert. Anhand mikrobiologischer Proben wird ermittelt, ob trotz aller Vorsicht ein Zersetzungsprozess eingesetzt hat. In diesem gar nicht so seltenen Fall wäre das Präparat unbrauchbar. 70 Prozent der gespendeten Hornhäute aus Schwerin wie aus ganz Mecklenburg-Vorpommern können aber letztlich transplantiert werden – diese Rate liegt weit über dem Durchschnitt vergleichbarer Banken, erklärt DGFG-Geschäftsführer Börgel. Die gemeinnützige Gesellschaft koordiniert auch, welche Spende letztlich wohin in Deutschland geht. Meist sind es Menschen mit einer angeborenen oder erworbenen Erkrankung der Hornhaut, die so vor dem Erblinden gerettet werden können. Auch Menschen, die sich die Augen verletzt oder verätzt haben, kommen als Empfänger in Frage. Eine Typisierung, also die Übereinstimmung von Gewebemerkmalen, ist zumindest bei der Ersttransplantation in der Regel nicht erforderlich. Auch aus diesem Grund sind Gewebetransplantationen seltener mit medizinischen Komplikationen verbunden als Organtransplantationen, wie Börgel betont.

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erstellt am 20.Mär.2017 | 11:45 Uhr

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