Heute vor 75 Jahren : Die Befreiung von Auschwitz

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Unvorbereitet auf das Ausmaß des Grauens: Vor 75 Jahren erreichte die Rote Armee das größte NS-Konzentrationslager.

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27. Januar 2020, 05:00 Uhr

Auschwitz ist zum Synonym für den Zivilisationsbruch der Schoah geworden, des nationalsozialistischen Massenmords an sechs Millionen Menschen. Mehr als eine Million Männer, Frauen und Kinder wurden in Auschwitz getötet, vor allem Juden, aber auch Sinti und Roma, sowjetische Kriegsgefangene und andere Verfolgte des NS-Regimes. Die Verbrechen, die dort begangen wurden, überschreiten „die Grenzen alles Fassbaren“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Dezember bei einem Besuch in Auschwitz. Vor 75 Jahren, am 27. Januar 1945, befreite die Rote Armee das größte der NS-Konzentrationslager.

Seit Mitte Januar 1945 rückte die Rote Armee zügig in Richtung Krakau und des 50 Kilometer westlich in Schlesien gelegenen Vernichtungslagers Auschwitz vor. Am 27. Januar gegen neun Uhr erreichten die ersten sowjetischen Soldaten das KZ Auschwitz-Monowitz.

Rotarmisten geschockt vom Grauen

Die Rotarmisten waren völlig unvorbereitet auf das sich ihnen bietende Grauen mit Bergen von Leichen. Sie verteilten Brot an die ausgemergelten und zu Tode erschöpften Häftlinge. Insgesamt konnten mehr als 7000 Menschen befreit werden: 1200 im Stammlager, 5800 in Birkenau, davon 4000 Frauen. Trotz der sofort einsetzenden medizinischen Betreuung verloren noch Hunderte ausgezehrte Opfer in den folgenden Wochen ihr Leben.

Die SS versuchte noch bis zuletzt, die Beweise für ihre Verbrechen zu vernichten. Bis Januar 1945 wurde etwa die Hälfte der Gefangenen aus Auschwitz in andere Konzentrationslager weiter im Westen gebracht, Zehntausende auf Todesmärsche getrieben.

Dokumente gingen in Flammen auf, Raubgut wurde abtransportiert. In der Nacht zum 26. Januar sprengten die Truppen das letzte funktionsfähige Krematorium in Auschwitz-Birkenau. Doch nicht alle Spuren der jahrelang verübten Verbrechen konnten beseitigt werden.

Ab 1940 errichteten die Deutschen im besetzten Polen, bewusst fern der Reichsgrenzen, Vernichtungslager: Chelmno, Belzec, Sobibor, Treblinka, Majdanek und Auschwitz-Birkenau. Mit Güterzügen transportierte man die Juden, später auch Kriegsgefangene, Roma und Oppositionelle aus ganz Europa in diese Tötungslager.

Wer nicht arbeiten konnte, musste sterben

Der spätere Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel (1928–2016) beschrieb seine Ankunft als 15-Jähriger so: „Wir sprangen auf den Bahnsteig hinunter [...]. Vor uns Flammen. In der Luft ein Geruch von verbrannten Fleisch. Es musste Mitternacht sein. Wir waren da. In Birkenau.“

Direkt nach der Ankunft der Güterzüge teilten die SS-Wachleute noch auf der Rampe die Menschen in zwei Gruppen ein. Ein kleiner Teil derjenigen, die kräftig und jung genug waren, wurde zur Zwangsarbeit geschickt. Wer zu schwach zum Arbeiten war wie Alte, Kranke, Frauen und Kinder, wurde direkt in die Gaskammern gebracht und getötet. Die Zwangsarbeiter mussten Schwerstarbeit verrichten, lebten in überfüllten Baracken, wurden brutal misshandelt und schikaniert, erhielten völlig mangelhafte Ernährung. Die meisten starben nach kurzer Zeit.

 Auschwitz wurde für die Nazis zum wichtigsten Ort des organisierten Massenmords an den Juden, der 1942 auf der Wannsee-Konferenz formell beschlossen worden war. Allein hier wurden rund 1,1 Millionen Menschen ermordet, darunter etwa eine Million Juden. Es kamen 70.000 Polen, 21.000 Roma, 14.000 sowjetische Kriegsgefangene sowie 10.000 Tschechen, Belarussen und Opfer anderer Herkunft um. In Auschwitz sind in den Gaskammern, durch Giftinjektionen, durch Erschießungen sowie durch schwerste Arbeit und Krankheit insgesamt mehr Menschen getötet worden als in jedem anderen NS-Lager.

Elie Wiesel verlor in der Schoah seine Eltern und seine kleine Schwester. Seine Erinnerungen an Buchenwald und Auschwitz, 1958 unter dem Titel „Die Nacht“ veröffentlicht, enden mit den Sätzen: „Aus dem Spiegel blickte mich ein Leichnam an. Sein Blick verlässt mich nicht mehr.“

Gigantisches Lagersystem

Der Befehl, in Auschwitz ein KZ zu errichten, kam am 27. April 1940 von SS-Chef Heinrich Himmler. Ursprünglich war nur ein Arbeitslager für politische Gefangene aus Polen geplant, das sogenannte Stammlager. Zweiter und größter Teil des Lagerkomplexes war das drei Kilometer entfernte und ab 1941 aus dem Boden gestampfte Auschwitz II-Birkenau.

Auschwitz III, auch Buna genannt, wurde 1942 als Nebenlager vom deutschen Konzern IG Farbenindustrie AG neben den Buna-Werken in Monowitz gebaut. Insgesamt entstanden über die Jahre 47 Nebenlager und Außenkommandos, um Bergwerke, Industrieanlagen und landwirtschaftliche Betriebe mit Arbeitssklaven zu versorgen.

Ab Herbst 1941 entstand mit dem Außenlager Birkenau das größte aller NS-Vernichtungslager. In Auschwitz wurde die Tötungsmaschine mit höchstem technischen Aufwand und kalter Systematik betrieben. Im Frühjahr 1942 wurde die erste Gaskammer fertig, später gab es in sechs verschiedenen Gebäuden Gaskammern. Zur Ermordung wurde das Gift Zyklon B eingesetzt, erstmals getestet im Herbst 1941 in Auschwitz. Die Leichen der Ermordeten wurden in fünf Krematorien sowie Verbrennungsgruben verbrannt.

In seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag sagte Wiesel am 27. Januar 2000: „Bis zum Ende der Zeiten wird Auschwitz Teil Ihrer Geschichte sein, so wie es Teil der meinigen sein wird.“

Der 27. Januar ist heute der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

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