Nach dem Anschlag in Halle : KZ-Überlebende über die dunkelste Zeit

Enkelin Elise Garibaldi (40) hat  „Rosen in einem verbotenen Garten“ geschrieben, auf dessen Cover ein Foto der jungen Inge abgebildet ist.

Enkelin Elise Garibaldi (40) hat  „Rosen in einem verbotenen Garten“ geschrieben, auf dessen Cover ein Foto der jungen Inge abgebildet ist.

Inge Berger überlebte den Holocaust im KZ Theresienstadt. Der Anschlag auf die Synagoge in Halle hat sie schwer erschüttert.

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10. Oktober 2019, 20:00 Uhr

Viele Stunden hatte Inge Berger in der Synagoge gebetet und der Toten des Holocaust und ihres verstorbenen Mannes gedacht. Es war Jom Kippur, der höchste jüdische Feiertag. Als Inge Berger in ihr Haus im New Yorker Stadtteil Queens zurückkehrte, klingelte ihr Telefon. „Hast Du schon von Halle gehört?“, fragte ihre Tochter Ruth. Kurz zuvor hatte dort ein Rechtsradikaler am jüdischen Versöhnungstag die Synagoge angegriffen und zwei Menschen erschossen. Seine Bluttat übertrug er live ins Internet.

Schreckliche Welt

Dabei machte er „die Juden“ unter anderem für Feminismus, rückgehende Geburtenzahlen und Masseneinwanderung verantwortlich und leugnete den Holocaust. Inge Berger hat den Holocaust im KZ überlebt, viele ihrer Familienmitglieder nicht. Der Terroranschlag von Halle hat die 95-Jährige schwer erschüttert. Überrascht hat er sie nicht.

„In was für einer schrecklichen Welt wir doch leben. Wir brauchten heute während unseres Gottesdienstes in New York auch Polizei, um uns zu beschützen. Nie und nirgends sind wir sicher“, sagt Inge Berger unter dem Eindruck des Anschlags von Halle. Sie denkt oft an Deutschland. Nicht nur, wenn ein antisemitischer Anschlag wie das Hassverbrechen von Halle es in die Nachrichten von CNN und New York Times schaffen.

Als Tochter eines Juden in Bremen geboren

Dabei trennen die alte Frau über 6000 Kilometer von ihrer Heimat, die sie vor über 64 Jahren verließ. Denkt Inge Berger an Deutschland, denkt sie an eine unbeschwerte frühe Kindheit, feierliche Gottesdienste in der Synagoge, aber vor allem an Nazi-Terror in der Reichspogromnacht und die Nachbarn, die plötzlich nichts mehr mit ihr zu tun haben wollten und nach Ende des Krieges sagten, dass sie keine Ahnung gehabt hätten, was Inge Berger und ihrer Familie während des Holocaust angetan worden war.

Inge Berger wurde 1924 als Tochter eines jüdischen Geschäftsmannes in Bremen geboren. Weil sie nach dem Krieg nicht mehr in dem Land leben wollte, das für den größten Zivilisationsbruch der Geschichte verantwortlich ist, wanderte sie 1955 nach New York aus. Schon vor Halle betrachtete sie den wieder erstarkenden Antisemitismus mit großer Sorge. „Ich habe den Eindruck, als finge alles noch mal von vorne an.

Wir, die Juden, sind immer diejenigen, die für alles verantwortlich gemacht werden. Wir sind immer der Sündenbock und der Prügelknabe. Wenn irgendetwas schief läuft, bekommen immer die Juden die Schuld.“

Geschichte darf sich nicht wiederholen

Inge Berger sitzt in ihrem Wohnzimmer im New Yorker Stadtteil Queens und spricht darüber, was sie während der Herrschaft der Nationalsozialisten erlebt hat und wie sie noch heute darunter leidet. Es strengt die 95-Jährige an, wühlt sie jedes Mal aufs Neue auf. Und doch will sie sprechen. Als eine der letzten verbliebenen Holocaust-Überlebenden möchte sie, dass ihre Geschichte gehört wird. Inge Berger möchte mahnen, damit sich die Geschichte nicht wiederholt.

Sie war neun Jahre alt, als Hitler die Macht ergriff und schon bald sollte ihre bis dahin glückliche Kindheit enden. In der Schule war Inge plötzlich ein Mensch zweiter Klasse. Die antisemitischen Worte des Schulleiters verfingen bei Inges Mitschülerinnen. Am 9. November 1938 schlug die Ausgrenzung in offenen Hass und brachiale Gewalt um. Als in der Reichspogromnacht in ganz Deutschland Synagogen brannten und Wohnungen und Geschäfte von Juden gestürmt, geplündert und zerstört wurden, gingen die SA-Männer in Bremen besonders brutal vor.

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SA-Männer brachten Vater nach Sachsenhausen

Fünf Menschen jüdischen Glaubens wurden in ihren Wohnungen getötet. Auch Inge Bergers Familie wurden von den Nazis heimgesucht. Es war noch dunkel, als die SA-Männer mit Fäusten gegen die Tür des Hauses von Inge Bergers Familie trommelten. „Sie haben meinen Vater zur Seite gestoßen und gleich angefangen, alles, was nicht niet- und nagelfest war, zu zertrümmern. Es war furchtbar!“, berichtet Inge Berger. Ihren Vater nahmen die SA-Männer an jenem Morgen mit, fünf Wochen später kehrte er ausgemergelt aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen zurück.

Als ihr Haus in Bremen beschlagnahmt wurde, zog Inges Familie in ein sogenanntes Judenhaus. Dort feierte Inge Berger mit den anderen Bewohnern den sechsten Geburtstag des kleinen Rolf. Von diesem Tag an musste Rolf wie jeder Jude in der Öffentlichkeit den gelben Stern tragen. Für den Jungen war der Aufnäher das schönste Geschenk. Endlich gehörte er zu den Großen! Doch: „Der sechste Geburtstag war sein letzter“, berichtet Inge Berger. Bevor er sieben Jahre alt wurde, starb Rolf in einem Vernichtungslager bei Minsk.

Ins KZ Theresienstadt deportiert

Das Kriegsende erlebte Inge Berger im KZ Theresienstadt in der heutigen Tschechischen Republik. Dorthin war sie mit ihren Eltern und ihrer Großmutter am 23. Juli 1942 deportiert wurden. Zwei Wochen später starb dort ihre geliebte Oma.

Allem Leid zum Trotz wird Theresienstadt für Inge Berger auch immer mit einer schönen Erinnerung verbunden bleiben. Im Konzentrationslager traf sie den tschechischen Juden Schmuel Berger. Es war Liebe auf den ersten Blick und Liebe für ein Leben lang. „Das erste Mal sah ich ihn bei einem Gottesdienst an Jom Kippur. Ich dachte mir: Das ist einer der zum Gottesdienst gegangen ist, das kann kein schlechter Mensch sein“, sagt Inge Berger über den Mann, den sie knapp fünf Jahre nach der ersten Begegnung im Konzentrationslager in Bremen heiratete – und mit dem sie später nach New York auswandern sollte.

Alle News zu Halle im Liveblog.

Hintergrund: Enkelin schreibt Buch über Inge Berger
Die Lebensgeschichte von Inge  Berger ist in einem Buch nachzulesen. Ihre Enkelin Elise Garibaldi (40) hat  „Rosen in einem verbotenen Garten“ geschrieben, auf dessen Cover ein Foto der jungen Inge abgebildet ist. Im Mittelpunkt des Buches steht die Liebesgeschichte zwischen Inge und Schmuel Berger und nicht die Politik. Elise Garibaldi erklärt: „Wir konzentrieren uns zu oft auf Zahlen und Fakten und vergessen die Menschen, die dahinterstehen. Doch die Menschlichkeit strahlt manchmal in der Dunkelheit am hellsten.“ Und sie sagt:  „Um in Theresienstadt zu überleben, musste man körperlich, mental und spirituell stark sein. Meine Oma fand ihre Quelle der Stärke in Schmuel Berger. Er war der Grund, warum sie niemals aufgegeben hat, der Grund, warum sie überleben wollte.“


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