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Nach dem Konzert in München Was hat Helene Fischer, das andere nicht haben?

Von Ralf Döring | 23.08.2022, 10:44 Uhr

Vor ziemlich genau fünf Jahren ging Helene Fischer auf große Tournee. Schon damals war die Frage: Was macht ihren Ruhm aus? Die Antwort von damals stimmt heute noch: Sie verkörpert den deutschen Schlager.

Ein Jahr war Ruhe. Aber ab diesem Dienstag teilt sich die Welt wieder in zwei Teile: Die eine Hälfte vergöttert Helene Fischer. Der anderen ergreifen die Flucht, wenn sie nur an „Atemlos“ denken. Für die Fans endet eine lange Wartezeit, denn die Schlagergöttin startet eine Tour der Superlative, mit neuem Album und einer Show, für die Fischer mit dem Cirque du Soleil arbeitet. Fünf Tage hintereinander hat sie 2017 in Hannover die Tui-Arena mit jeweils 10 000 Besucherinnen und Besuchern gefüllt. Dann fünf Mal Hamburg, Barcleycard-Arena, jeweils 16 000 Plätze. Es folgten Dortmund, Köln, Leipzig. Zürich; 35 Konzerte bis Ende Oktober, dann noch einmal 34 Konzerte von Mitte Januar bis Mitte März 2018. Rund eine Millionen Menschen haben Helene Fischer im Zeitraum von September 2017 bis März 2018 live gesehen haben. Im Sommer 2018 folgte dann die Stadion-Tour mit weiteren 13 Konzerten. Dagegen sind die Stones eine Clubkapelle. Weiterlesen: Der Tourauftakt der Rolling Stones in Hamburg

Heile Welt und freie Liebe

Der Unterschied: Fischers Erfolg beschränkt sich auf den deutschsprachigen Raum, weil hier der Schlager wurzelt. Das bescherte ihm jahrzehntelang ungebrochenen Erfolg; dann kamen Pop und Rock aus England und den USA und hätten den deutschen Schlager fast untergepflügt. Unmerklich wie der Klimawandel ging das los; Anfang der 60-er Jahre kauderwelschten sich die Beatles mit „Komm, gib mir deine Hand“ und „Sie liebt dich“ in die deutschen Charts. Drei, vier Jahre später hatten sie diesen Kotau vor dem deutschen Publikum nicht mehr nötig: Da eroberten „Pretty Woman“ oder „Let‘s Spend A Night Together“ die Spitze. Und die Beatles sangen „All You Need Is Love“.

Da klang es fast wie ein biederer Gegenentwurf, wenn Roy Black mit „Ganz in Weiß“ die bürgerliche Ehe idealisierte oder Chris Roberts mit „Du kannst nicht immer 17 sein“ ein sonnendurchflutetes Glück proklamierte. Die heile Welt verschaffte dem Schlager ein rechtschaffenes Auskommen, doch gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts verschlechterte sich sein Zustand dramatisch. Um es mit Frank Zappa zu sagen: Er war nicht tot, aber er roch komisch. So komisch, dass sich ein paar Spaßvögel seiner bemächtigt haben: Dieter Thomas Kuhn, der Mann mit Schweineorgel und Brusthaartoupet war einer, die Frischzellenkur verpassten dem Schlager aber Stefan Raab und Guildo Horn. Und irgendwann kam Helene Fischer.

„Ich habe noch keinen schrägen Ton von ihr gehört“

Nun hat Fischer das Genre nicht neu erfunden, wohlgemerkt in Deutschland, Österreich, und der Schweiz. Hier hat sie ihm neue Dimensionen erschlossen: durch Professionalität und Können. Und das sagen Menschen, die wissen, wovon sie reden.

Wolf Kerschek ist so einer. Der Mann trägt eine Lockenpracht wie Albrecht Dürer und leitet den Fachbereich Jazz an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater. Er arbeitet regelmäßig mit der NDR Big Band, ist ausgewiesener Jazzer. Er arrangiert aber auch Schlager, für Roberto Blanco zum Beispiel, oder eben für Helene Fischer. Er versteht sich dabei als „Orchesterdienstleister“, und „ich arbeite mit künstlerischem Anspruch“. Arroganz ist ihm dabei fremd: Bekommt er einen neuen Song, versucht er „zu verstehen, was da passiert“, sagt er. Dann beginnt er zu schreiben - dem Genre entsprechend. „Natürlich kann ich da keinen schönen Kontrapunkt schreiben, und harmonische Finesse kann ich auch nicht verkaufen.“ Aber er weiß durch seine Arbeit, was ein guter Schlager ist und was nicht. Von wegen, das kann jeder: „Ob es funktioniert, ist doch die Frage.“ 

Jean Frankfurter weiß, was funktioniert. Der Frankfurter Komponist und Produzent liefert seit den Siebzigern zuverlässig Hits und zeichnet auch für einige von Fischers Erfolgen verantwortlich. Aber ein wesentliches Moment ist eben doch die Sängerin selbst. „Sie kann sehr, sehr gut singen“, sagt Kerschek, „ich habe noch keine schräge Note von ihr gehört.“ Weiterlesen: Wolf Kerschek beim Morgenland Festival Osnabrück

Die Wirkungsmechanik des Schlagers

Damit hat sie dem Schlager zu neuem Ansehen verholfen. Managerin Nina Ranwig - sie betreut unter anderem Semino Rossi - sagt, der Schlager sei „hoffähig“ geworden. „Bei Autogrammstunden sehe ich viele Ärzte, Psychologen, Firmenchefs“; eine Altersgrenze gebe es nicht. Sicher liegt das an der „Wirkungsmechanik“ der Musik, wie Kerschek das nennt: Das Publikum bekommt zu hören, was es kennt. Darüber rümpft er aber keineswegs die Nase. „Auch beim Klassikkonzert sagen sich die Menschen, ich kenne das schon, also mag ich es“. Und die Heile-Welt-Texte? Nun - auch wer bei Jazz, Rock und Klassik im Konzert oder vor dem Lautsprecher sitzt, entflieht der Welt. Der Schlager erhebt lediglich den Eskapismus zum konstituierenden Prinzip. 

Helene Fischer weiß das. „Lasst die Leute doch erst einmal ihre Helene sehen“, soll sie mal zu ihrem Team gesagt haben, als es um die Planung einer neuen Show ging: ihre Helene, das Gesamtkunstwerk. Dazu gehört ein Leben ohne Skandale, aber auch ein Leben ohne politische oder gesellschaftliche Standpunkte. Bei kritischen Menschen ruft das Misstrauen hervor. Ihren Fans wollen aber genau das: ihre Helene.

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