Rückgabe vereinbart : Cape-Cross-Säule: «Markantes Zeichen» oder «Ablenkung»?

Andreas B.D. Guibeb, Botschafter der Republik Namibia, vor der Säule von Cape Cross, 1,1 Tonnen schwer.
Andreas B.D. Guibeb, Botschafter der Republik Namibia, vor der Säule von Cape Cross, 1,1 Tonnen schwer.

Ein wichtiges Symbol des deutschen Kolonialismus geht zurück nach Namibia. Doch in Museen stapeln sich weiter Objekte zweifelhafter Herkunft. Experten geht die Restitution deutlich zu langsam.

nnn.de von
17. Mai 2019, 17:31 Uhr

Deutschland gibt mit der aus dem heutigen Namibia stammenden Säule von Cape Cross ein bekanntes Kolonialobjekt zurück an das afrikanische Land.

Die Rückgabe der Kreuzsäule ist aus Sicht der Bundesregierung ein «markantes Zeichen» in der anhaltenden Diskussion um die Restitution von Kolonialobjekten. «Das ist eine zukunftsweisende und wichtige Entscheidung», sagte Kulturstaatsministerin Monika Grütters am Freitag im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Der Hamburger Historiker Jürgen Zimmerer fordert mehr Tempo und eine offene Diskussion.

«Die Annäherung an Namibia findet sehr sichtbar und deutlich statt», sagte die CDU-Politikerin Grütters. Viel zu lang sei die Auseinandersetzung mit der Kolonialzeit Deutschlands ein «blinder Fleck» gewesen. Für Grütters ist die im August geplante Restitution ein «deutliches Signal, dass wir Worten auch Taten folgen lassen wollen».

Das Kuratorium des Museums hatte am Donnerstag einem Vorschlag von Museumspräsident Raphael Gross zugestimmt, die Säule an Namibia zurückzugeben. Die 1,1 Tonnen schwere Säule aus Kalkstein wurde Ende des 19. Jahrhunderts aus der damaligen Kolonie Deutsch-Südwest-Afrika ins Kaiserreich gebracht.

Der Botschafter der Republik Namibia, Andreas Guibeb, sieht in der Rückgabe einen «deutlichen Fortschritt», mit dem das Kapitel nicht beendet sei. «Das Original der Säule ist untrennbar verbunden mit der Geschichte Namibias», sagte Guibeb in Berlin. Die Aufarbeitung des Kolonialismus erlaube es seinem Land, die Zukunft anzugehen.

Auch Namibias Kulturministerin Katrina Hanse-Himarwa begrüßte die Rückgabe. «Das bedeutet für Namibia viel», sagte die Ministerin in Windhuk. Die Rückgabe markiere eine «wichtige Zeit in der Beziehung und Geschichte der beiden Länder». Das Kreuz könne jedoch keinesfalls einen Endpunkt der historischen Aufarbeitung darstellen. «Das Keuz ist nur eines der Kunstwerke, und das bedeutet, dass Deutschland bereit ist, die Schandtaten der Vergangenheit anzuerkennen. Es braucht eine Entschuldigung, Rückgaben und Wiedergutmachung, um eine gemeinsame Kultur der Erinnerung für unsere gemeinsame Geschichte und Zukunft zu finden», sagte Hanse-Himarwa.

Museumschef Gross bezeichnete die Rückgabe als «Ausdruck der Distanzierung von Unrecht». Einstellungen und Sichtweisen überdauerten die Kolonialherrschaft zum Teil bis heute.

Kolonialismus-Experte Zimmerer forderte eine öffentliche Debatte über Kolonialobjekte in Deutschland. «Die Rückgabe ist eine gute Sache», sagte er der dpa. Gleichzeitig schränkte er ein: «Hier wird von den Defiziten der tatsächlichen Aufarbeitung abgelenkt.»

Zimmerer erinnerte auch an den Völkermord: «Deutschland und Namibia verhandeln seit Jahren über die Anerkennung des Genozids an den Herero und Nama, ohne dass es hier einen Erfolg gibt.»

Das deutsche Kaiserreich hielt von 1884 bis 1915 weite Gebiete des heutigen Namibias besetzt. Die Kolonialherren schlugen Aufstände der Volksgruppen der Herero und Nama zwischen 1904 und 1908 brutal nieder. Sie töteten Historikern zufolge etwa 65.000 der 80.000 Herero und mindestens 10.000 der 20.000 Nama.

Grütters verwies auf laufende Gespräche zwischen Namibia und Deutschland. Botschafter Guibeb sprach von Fortschritten und großer Offenheit in den Gesprächen.

Zimmerer kritisierte zudem Pläne, im Humboldt Forum umstrittene Benin-Bronzen aus Nigeria zu zeigen. «Dazu gibt es kein Wort von der Bundesregierung.» Grütters sagte, im Fall von Rückgaben sollten Leerstellen in der Präsentation die Debatte thematisieren.

Historiker Zimmerer: «Durch die Ablenkung wird der Erfolg nur ein ganz kleiner Erfolg, weil über die großen Themenkomplexe Genozid an den Herero und Nama und Raubobjekte im Humboldt Forum, vor allem die Benin-Bronzen, ja nicht öffentlich diskutiert wird.» Er vermisst einen «wirklichen Dialog» zwischen Europa und Herkunftsländern. «Europäische Museen sagen einfach: «Restitution gibt es nicht.» Das ist wie «Friss oder stirb». Das ist eigentlich ein Echo kolonialer Machtverhältnisse.»

Zimmerer forderte offene Diskussionen: «Wir brauchen eine breite Debatte in Deutschland, wie wir uns dazu stellen, dass unsere Museen voller gestohlener Objekte sind.» Intransparent lasse sich das Problem nicht lösen.

Die namibische Rückgabeforderung war aktuell der einzige offizielle Wunsch auf Restitution an die Bundesregierung. Im Februar hatte Baden-Württemberg eine Peitsche und eine Bibel aus dem Linden-Museum Stuttgart an Namibia zurückgegeben.

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