Eine furchtlose Frau : Nellie Bly recherchierte bevorzugt undercover

«Nellie Bly», die Biografie einer furchtlosen Frau und UndercoverJournalistin von Nicola Attadio. /Orell Füssli Verlag/dpa
«Nellie Bly», die Biografie einer furchtlosen Frau und UndercoverJournalistin von Nicola Attadio. /Orell Füssli Verlag/dpa

In Elizabeth Cochrans Kindheit deutete nichts darauf hin, dass sie sich mal aus ärmlichsten Verhältnissen herausarbeiten würde. Aber sie wurde die bedeutendste Journalistin ihrer Zeit - mit anderem Namen.

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14. Januar 2020, 14:18 Uhr

Elizabeth Cochran war eine ungewöhnliche Frau, selbstbewusst, klug, mutig und emanzipiert. Unter dem Namen Nellie Bly wurde sie Ende des 19. Jahrhunderts zu einer der herausragenden Journalistinnen der USA.

Ihr Leben und ihre Bedeutung für den Journalismus waren fast vergessen. Der in Rom lebende Autor und Radiomoderator Nicola Attadio wollte sich damit nicht abfinden. Er hat die lesenswerte «Biografie einer furchtlosen Frau und Undercover-Journalistin» über sie geschrieben, die gleichzeitig viel über die Geschichte der US-Medien erzählt und darüber, wie schwer es Frauen hatten, sich in einer Welt zu behaupten, von der Männer noch glaubten, sie gehöre allein ihnen.

Die 1864 geborene Elizabeth war der Liebling ihres Vaters Michael Cochran. Nachdem der Kaufmann aus Burrell in Pennsylvania gestorben war, lebte die Familie in bescheidenen Verhältnissen. Doch 1885 beeindruckte Elizabeth mit einem Leserbrief an den «Pittsburgh Dispatch» den Chefredakteur so sehr, dass er ihr das Angebot machte, für die Zeitung zu schreiben. Schon bald bekam sie eine feste Stelle und als Reporterin den Namen Nellie Bly. Sie schrieb undercover recherchierte Geschichten, Kolumnen und eine Reportagereihe über ihre fünfmonatige Reise durch Mexiko.

Im März 1887 machte sie sich auf den Weg nach New York. Mit der Hartnäckigkeit, die typisch für sie war, überzeugte sie den Chefredakteur der «World», sich in die Irrenanstalt auf Blackwell's Island einweisen zu lassen und eine Reportage für seine Zeitung darüber zu schreiben.

Es wurde ein packender Bericht über die erbärmlichen Zustände in der New Yorker Klinik für 1600 psychisch kranke Frauen. Danach recherchierte sie bald wieder undercover, als Kellnerin, Invalidin oder Prostituierte. Sie scheute keine heikle Themen wie Korruption und machte von sich reden mit ihrer Idee, um den Globus zu reisen - und zwar schneller als Phileas Fogg, der Held aus Jules Vernes Roman «In 80 Tagen um die Welt».

Mit 25 Jahren brach sie im November 1889 zu ihrer Reise mit dem Schiff von New York nach Großbritannien auf. Sie war im Jemen und in Malaysia, in Hongkong und in Japan und schaffte es, Phileas Fogg alt aussehen zu lassen: Nach 72 Tagen, sechs Stunden und elf Minuten war sie zurück, inzwischen bekannt wie ein Popstar und genauso umjubelt.

1895 heiratete sie einen reichen Stahlunternehmer, der fast 40 Jahre älter war als sie. Als er 1904 starb, erbte sie den Betrieb mit 1500 Beschäftigten, der allerdings durch Bilanzfälschungen krimineller Mitarbeiter ruiniert wurde. Und so fand Nellie Bly zurück zum Journalismus, ihrer eigentlichen Bestimmung. Nach 17 Jahren Unterbrechung begann sie, wieder zu schreiben.

Im Herbst 1914 gehörte sie zu den nur vier Journalisten, die eine Akkreditierung für die Berichterstattung an der Ostfront hatten, wo im Ersten Weltkrieg so brutal gekämpft wurde wie in Flandern und Frankreich. Und auch hier beeindruckte sie als Frau, die berichtete, was ihr wichtig war.

Nellie Bly starb 1922 an einer Lungenentzündung.

- Nicola Attadio: Nellie Bly, Die Biografie einer furchtlosen Frau und Undercover-Journalistin, Orell Füssli Verlag, Zürich, 214 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-280-05715-5.

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