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Wirtschaft Bald Riesen-Kreuzliner aus MV

Von Thomas Schwandt | 28.12.2017, 20:45 Uhr

MV Werften suchen lokale Zulieferer für die Global Class. In jedes einzelne Kreuzfahrtschiff werden zehn Millionen Teile verbaut

Der Mitte vorigen Jahres gebildete Schiffbauverbund „MV Werften“ mit den Produktionsstandorten Wismar, Warnemünde und Stralsund hat ein ambitioniertes Neubauprogramm für Kreuzfahrtschiffe aufgelegt. Bisher stehen neun vom Investor und Werfteneigner Genting Hong Kong bestellte Cruise Liner im Auftragsbuch. Um die Projekte bis 2021 realisieren zu können, bedarf es vielfältiger Zulieferungen. 70 Prozent aller Baukomponenten und -leistungen werden eingekauft.

Thomas Schwandt sprach mit Axel Rothe, Vice President Procurement and Logistics von „MV Werften“.

Sie planen, ab 2018 Kreuzfahrtschiffe bis zu einer Größe von 204 000 BRZ (Bruttoraumzahl) zu bauen. Welche Herausforderungen stellt das an die Zulieferfirmen?
Rothe: Wir müssen zunächst die richtigen Lieferanten finden. Denn nur mit der Vergabe größerer Auftragspakete werden wir in der Lage sein, unsere anspruchsvollen Ziele zu erreichen. Ein großes Kreuzfahrtschiff verschlingt Unmengen an Dienstleistungen und Produkten. Die aufgerufenen Volumina sind für viele Lieferanten problematisch. Sie können aber die Herausforderungen in Größe, Komplexität und Zeitlimit bewältigen, wenn sie mit anderen Branchenfirmen kooperieren und Allianzen schmieden.

Die Komplexität von Kreuzfahrtschiffen weicht erheblich von der Ausrüstung bei Containerschiffen ab. Was bedeutet das für Zulieferungen?
In unseren größten Schiffstyp, der Global Class, werden etwa zehn Millionen Teile verbaut. Die Bandbreite reicht von kompletten Hotel- und Gastronomieeinrichtungen über Müllentsorgungs- und Abgasreinigungssysteme, Entertainment-Equipment, Stromerzeugungsaggregate bis hin zu Navigations- und Antriebstechnik. Im Grunde entsteht eine Kleinstadt. Größte Aufgabe für alle Beteiligten ist es, die Dimensionen und die notwendigen logistischen und technologischen Prozesse zu beherrschen.

Die lokale Nähe zu Zulieferern bedeutet kurze Wege. Ist die Branche in MV der Aufgabe gewachsen?
Mein Eindruck ist, nachdem wir vor Monaten auf einer Informationstour offensiv unser Neubauprogramm vorgestellt haben, die Zulieferer im Land kommen Schritt für Schritt voran, den Kreuzfahrtschiffbau als Chance zu sehen und Lösungen zu finden. In der ersten Phase bringen wir die Grundprozesse für den Serienschiffbau in Gang. Dabei setzen wir auf langfristige Partnerschaften mit den Zulieferern und erwarten von ihnen Anregungen, wie wir künftig gemeinsam Schiffe schneller und effizienter bauen können. Aktuell haben wir Aufträge in Höhe von 400 Millionen Euro ausgelöst.

Ambitioniert ist auch das enge zeitliche Fenster, in dem der Bau von Cruise Linern in MV etabliert werden soll. Wie können potenzielle Zulieferer dieses Tempo mitgehen können?
Als Werft konzentrieren wir uns auf unsere Kernkompetenz. Wir halten möglichst viel Arbeit vom Schiff fern und koordinieren die Zulieferungen. In enger Abstimmung mit unseren Partnern entwickeln wir vor allem logistische Konzepte, um mit kurzen Wegen und komplexen Zuliefermodulen wenig Lagerbestände und Kosten zu erzeugen. Zudem gilt es, neue Kapazitäten zu erschließen und aufzubauen. Die Branche war bisher auf Stahlbauteile und Maschinen fokussiert. Bei den Kreuzlinern sind zusätzlich sehr viele Zulieferungen für Hotellerie und Gastronomie gefragt.

Wie sehr ist der Bau von Kreuzfahrtschiffen in MV eine Chance für den ganzen Norden, sich im globalen Wettbewerb zu behaupten?
Um international bestehen zu können, ist der Blick über Norddeutschland hinaus zu weiten. Nordeuropäische Netzwerke, insbesondere im Ostseeraum, ermöglichen es, spezielle Leistungen dort zu platzieren, wo sie am effizientesten und schnellsten erbracht werden können. Der Kreuzfahrtschiffbau ist ein Wachstumsmarkt, wo die Zulieferkapazitäten knapp werden und sich der Druck auf die Ressourcen erhöht.