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Kreidesegler-Wrack Geschichtsforschung unter Wasser

Von Hannes Stepputat | 03.06.2017, 16:00 Uhr

In der Ostsee vor Mecklenburg-Vorpommern liegt eine ganze versunkene Kulturlandschaft

Die Sonne brennt auf die Ostsee vor Kühlungsborn, es weht eine steife Brise aus Nordwest. Das Forschungsschiff „Goor II“ schaukelt auf den Wellen. Der ehemalige 16-Meter-Fischkutter ist auf dem Weg zum Wrack eines Holzseglers, der acht Seemeilen (rund 14 Kilometer) vor dem Kurort sank. An Bord der „Goor II“: ein Team von Tauchern des Rostocker Vereins Gesellschaft für Schiffsarchäologie (GfS). Unter der Leitung von Martin Siegel wollen die acht Taucher den Zustand des Wracks prüfen, Bauteile sichern und das alte Holz vor weiterem Zerfall schützen.

Es handelt sich wahrscheinlich um die Überreste des dänischen Kreideseglers „Sigrid“, der 1926 bei Torpedoübungen der deutschen Marine getroffen und versenkt worden sein soll, sagt Siegel. „Wir versuchen auch herauszufinden, ob das wirklich stimmt“, erklärt der Tauchleiter. Klar ist, dass es ein etwa 20 Meter langer Lastensegler aus Holz ist, der in 25 Metern Tiefe auf dem Ostseeboden liegt und bei seinem Untergang Kreide geladen hatte – daher lautet der Arbeitstitel Kreidesegler.

1800 Fundstellen gibt es laut Landesarchäologe Detlef Jantzen in der Ostsee vor Mecklenburg-Vorpommern. Darunter sind mittelalterliche Segelschiffe ebenso wie abgestürzte Flugzeuge aus dem Krieg und heute überflutete steinzeitliche Siedlungsplätze. Ausdrücklich lobt er die Arbeit, die Ehrenamtliche wie die Taucher der GfS bei der Sicherung der Fundstellen leisten: „Das ist ganz großartige Unterstützung.“

Die „Goor II“ hat nach etwa einer Stunde Fahrt die Position erreicht und ankert. Im Achterwasser haben sich einige Möwen niedergelassen. Mit einem Schlauchboot fahren die Taucher in Teams zur Fundstelle, die mit einer orangenen Boje markiert wurde. 20 Minuten können sie am Meeresgrund bleiben.

„Wir bleiben aus Sicherheitsgründen in der Nullzeit“, erklärt Siegel. Darunter verstehen Taucher die Zeit, die sie in einer bestimmten Tiefe verbringen können, ohne dass die Stickstoffanreicherung im Blut kritische Werte erreicht und beim Auftauchen längere Dekompressionsstopps notwendig macht. „Wir führen teils schwere Arbeiten unter Wasser durch, deshalb gehen wir auf Nummer sicher und legen noch zwei Sicherheits-Stopps beim Aufstieg ein“, sagt er.

Nach dem Tauchgang müssen die Hobby-Archäologen drei Stunden warten, bis sie erneut ins Wasser dürfen. Doch wegen des Windes konnten die Taucher erst verspätet auslaufen, so dass es diesmal bei einem Tauchgang pro Team bleibt. „Scheiß Wetterprognosen momentan“, schimpft der Leiter.

Bei einer Sicht von nicht einmal zwei Metern bringen die Taucher ein Maßband zum Wrack und verschrauben lose Planken, damit sie nicht von der Strömung weggetrieben werden. „Stürme, Strömung oder Fischernetze können das Wrack beschädigen“, erklärt Siegel. Am Wrack wurde deshalb ein Sammelplatz eingerichtet, an dem lose Planken und andere Funde katalogisiert und vertäut werden. Am Ende müsse das Amt für Kultur und Denkmalpflege entscheiden, ob die Funde dort gelassen oder in einem Nassholzdepot vor der Insel Rügen gelagert werden, erklärt er.

Nur ein Bruchteil wird geborgen: „Das ist ein denkmalpflegerischer Grundsatz: Es wird nur geborgen, was unumgänglich raus muss, etwa wegen Bauarbeiten“, sagt Archäologe Jantzen. Gerade organisches Material sei im Wasser gut vor Luftsauerstoff geschützt, erklärt Siegel. Was im Meer bleibt, decken die Taucher mit Geotextilien ab, um es vor der eingeschleppten Schiffsbohrmuschel zu schützen, die sich an Holz festsetzt und es mit hoher Geschwindigkeit zerfrisst.