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Unterwegs mit dem Wünschewagen Fahrgast voraus: Mit dem Trike an den Ostseestrand

Von Karin Koslik | 25.11.2022, 16:21 Uhr

Früher waren Moped- und Motorradfahrten die große Leidenschaft von Stefan Thießen. Das Gefühl des Fahrtwindes im Gesicht wollte der schwer kranke Schweriner unbedingt noch einmal erleben. Die Celtic Biker aus Wismar und drei Ehrenamtler des ASB erfüllten ihm diesen Wunsch.

Wer in Schwerin in der Hamburger Allee zu Hause ist, hat nie wirklich Ruhe. Tag und Nacht ist Betrieb auf der vierspurigen Straße. Stefan Thießen, seine Frau Christin und Sohn Leon, die dort zu Hause sind, haben sich an den Geräuschpegel längst gewöhnt. Zumal es auf der Rückseite des Hauses herrlich still ist. „Von unserer Wohnung schauen wir direkt auf den Wald“, erzählt die Ehefrau.

An diesem Sonntagvormittag, dem letzten im Oktober, sitzt ihr Mann indes vor dem Haus in seinem Rollstuhl und lauscht den Straßengeräuschen. „Gleich müssen sie kommen“, sagt der 58-Jährige, und auch wenn die Krebserkrankung ihn schon schwer gezeichnet hat, zieht ein Lächeln über sein Gesicht. Sogar scherzen kann er: „Wie würden Terroristen an einem Tag wie heute sagen? - Bombenwetter!“

Tatsächlich strahlt die Sonne mit einer Kraft vom Himmel, die um diese Jahreszeit mehr als ungewöhnlich ist. Und ungewöhnlich ist auch, was sich nur Minuten später auf der Hamburger Allee abspielt. Motorräder rollen heran, nicht nur ein Dutzend, nicht zwei, nicht drei: 87 Maschinen unterschiedlichster Hersteller sind es, die schließlich vor dem Block halten, in dem Familie Thießen zu Hause ist. Kurz zuvor hat dort auch der ASB-Wünschewagen Halt gemacht – denn an diesem Tag soll ein Herzenswunsch des Schweriners in Erfüllung geben. Er möchte noch einmal das Gefühl genießen, auf einem möglichst schnellen Zweirad zu sitzen, und Leon soll dieses Gefühl auch kennenlernen.

Erinnerungen an Simson S 50 und 350er Jawa

Früher, so erzählt der ehemalige Berufssoldat, sei er nämlich unwahrscheinlich gern mit Moped oder Motorrad unterwegs gewesen: erst mit einem Simson SR 2, dann mit einem S 50-Kleinkraftrad und schließlich mit einer 350er Jawa. „Da war man schon wer“, schwärmt er den Wünschewagen-Ehrenamtlern Gundi Stoffel, Maren Burmeister und Maik Eutin vor – und erzählt von einer Freundin, die er einst auf dem Motorrad mitgenommen hatte und die Schuhe mit Korksohle trug. „Es war ihr zu unbequem, die Füße auf die Fußrasten zu stellen, also stellte sie sie auf den Auspuff.“ Nach einer bedeutungsschweren Pause fährt Stefan Thießen fort: „Die waren dann gut durch.“

Damit heute auch im übertragenen Sinne nichts anbrennt, müssen Vater und Sohn zuerst einmal Helme aufprobieren. Selbst an Hauben zum Unterziehen haben die Celtic Biker gedacht – schließlich ist es nicht das erste Mal, dass der Wismarer Motorradclub das Wünschewagenteam unterstützt. Im Oktober 2020 halfen sie schon einmal dabei, den Wunsch nach einer Motorradtour zu erfüllen. „Und wir spenden einen Teil unserer Mitgliedsbeiträge für das Projekt“, erklärt Stefan Ritzkowski, der den Club vor drei Jahren zusammen mit seiner Frau Anica gegründet hat. Es sei Ehrensache für die Biker, auch diesmal wieder ihr Bestes zu geben.

Damit die Ausfahrt für Stefan Thießen ordentlich etwas hermacht, hatte der Wismarer Club mit seinen gerade mal sieben Mitgliedern über die sozialen Netzwerke um Mitfahrer geworben. Das klappe eigentlich immer, dass aber letztlich so viele kamen, habe sie dann doch selbst überrascht, gesteht Anica Ritzkowski. Zum Glück ist aber alles generalstabsmäßig geplant: Bereits am Vortag seien einige von ihnen die ganze Strecke einmal abgefahren, erzählt die junge Frau, schließlich ging es nicht nur um den für den Fahrgast attraktivsten Weg nach Wohlenberg an die Ostsee. Es musste auch geklärt werden, wo Helfer Kreuzungen und Auffahrten absperren sollten, damit der Motorradkonvoi ungehindert – und ungetrennt – passieren konnte. Eine Aufgabe, die letztlich Blocker aus Schwerin übernahmen.

In der Hamburger Allee staut sich unterdessen der Verkehr. Und die Zahl der Schaulustigen auf den Bürgersteigen und in den weit geöffneten Fenstern der umliegenden Blöcke dürfte die der zwei- und dreirädrigen Maschinen um einiges übersteigen, als der Konvoi langsam losrollt.

Wünschewagen fährt am Schluss der hunderte Meter langen Kolonne

Der Wünschewagenbesatzung bleibt bei alldem kaum noch etwas zu tun. Zusammen mit dem Trike, auf dem Stefan Thießen Platz nimmt, und der Beiwagenmaschine für den Sohn bildet der umgebaute Krankenwagen den Abschluss der hunderte Meter langen Kolonne, die sich am Schloss vorbei durch Schwerin und dann über Lübstorf, Gressow und Prosken auf die Ostsee zubewegt. „Wahnsinn, wie die das alles organisiert haben“, sagt Gundi Stoffel, die auf dem Beifahrersitz Platz genommen hat. Maik Eutin hat am Steuer dagegen ordentlich zu tun – in einer Kolonne zu fahren ist alles andere als einfach, bestätigen ihm später auch die Biker. Dafür haben die beiden Frauen und er aus dem Wünschewagen den besten Blick auf das Geschehen: auf entgegenkommende Autos, die blinken oder deren Fahrer winken, auf Menschen, die in den Dörfern in ihren Vorgärten stehen und die Handys zücken, um den Konvoi zu fotografieren oder zu filmen.

Dann taucht die Ostsee auf, und an der Wohlenberger Wieck schließlich noch eine ganz besondere Überraschung: Die Klützer Feuerwehr hat die Zufahrt zur Mole aufgeschlossen und wartet dort mit ein Drehleiterfahrzeug, aus dessen Korb Stefan Thießen – wenn er denn will – über die Ostsee schauen kann.

Und natürlich will er. Während selbst einige der coolen Biker offenkundigen Respekt vor den bis zu 30 Metern zeigten, die es hinaufgehen könnte, winkt der Schweriner ab: „Das ist doch gar nichts. Ich war mal Falschirmjäger...“ Zwar braucht er Hilfe, um aus dem Rollstuhl, in dem er inzwischen wieder sitzt, in den Korb zu gelangen. Doch dort steht er mit Leon an seiner Seite minutenlang ganz allein und lässt den Blick über das Meer schweifen.

Niemand drängt ihn, der Tag seiner Wünschefahrt gehört immer ganz allein dem Fahrgast. Und der möchte auch weiterhin statt des umgebauten Kleinbusses das Trike nutzen. Diesmal ist die Strecke nur kurz, im nahegelegenen „Feriendorf an der Ostsee“ warten belegte Brötchen und Getränke, auch darum haben sich die Celtic Biker im Vorfeld gekümmert. Stefan Thießen isst und trinkt nur wenig, dann steht er auf und geht zwar ganz langsam, aber ohne seine Gehhilfen zu einem Stehtisch. „Ich bedanke mich, ich danke euch allen, die ihr meinen Herzenswunsch wahr werden lassen habt“, sagt er, so laut er kann. So mancher muss da eine Träne verdrücken.

Dass es auch den Bikern ein Herzenswunsch ist zu helfen, bekommen im Anschluss die drei Ehrenamtler zu spüren. „Wo habt ihr denn eure Spendenbüchse?“, werden sie immer wieder gefragt. Tatsächlich gibt es solch eine Büchse an Bord aber gar nicht, etliche Geldscheine werden deshalb erst einmal in der Mappe mit den medizinischen Unterlagen des Fahrgastes verstaut.

Dessen Kräfte schwinden nun sichtlich. Doch als Wünschewagen-Ehrenamtlerin Maren Burmeister, die als Ärztin in den Schweriner Helios Kliniken arbeitet, ihn fragt, ob er sich tatsächlich auch noch den Rückweg auf dem Trike zutraut, winkt Stefan Thießen ab. Natürlich will er diesen Tag bis zuletzt auf der schnittigen Maschine auskosten. Verstohlen schluckt er eine Schmerztablette, dann lässt er sich wieder auf den Beifahrersitz helfen.

Die Kolonne, die ihn zurück nach Schwerin begleitet, ist deutlich kürzer als die, die morgens von dort aus gestartet war. Biker, die in Rostock und entlang der Ostseeküste zu Hause sind, verabschieden sich. Maschinen mit Schweriner, Parchimer, Lübzer, Hagenower und Prignitzer Kennzeichen geben Stefan Thießen dagegen auch auf dem Heimweg Geleit.

In der Hamburger Allee in Schwerin wartet Christin Thießen schon auf das Knattern der Motoren, das die Rückkehr der Ostsee-Fahrer ankündigt. Vorsichtig legt sie ihrem Mann eine wärmende Decke um. Der ist jetzt wirklich am Ende seiner Kräfte – und strahlt doch mit der Sonne um die Wette. Von den Erinnerungen an diesen Tag, so versichert er dem Wünschewagen-Team zum Abschied, wird er noch lange zehren.

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