Wo man billig eine Frau kaufen kann : Deutschland – das Bordell Europas?

Laut Statistik kommen die allermeisten Prostituierten aus Osteuropa und verdienen sehr wenig.
Laut Statistik kommen die allermeisten Prostituierten aus Osteuropa und verdienen sehr wenig.

Kritiker befürworten die Einführung des nordischen Modells, das Sexarbeit verbietet. Andere pochen auf die sexuelle Selbstbestimmung

von
03. März 2020, 20:00 Uhr

Rund 800 000 Frauen arbeiten in Deutschland als Prostituierte, so besagen Schätzungen. Allein in Berlin sollen es bis zu 8000 sein. Sex gegen Geld zu verkaufen, ist „das älteste Gewerbe der Welt“, wie es im Volksmund heißt. Um der Stigmatisierung der Frauen entgegenzuwirken, ist seit ein paar Jahren von „Sexarbeit“ die Rede. Also eine Arbeit wie jede andere? Kann nicht jeder mit seinem Körper machen, was er will?

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Leni Breymaier wird bei solchen Bemerkungen deutlich: „Das Recht, mit meinem Körper zu machen, was ich will, rechtfertigt nicht das Leid der vielen Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden.“ Die 59-Jährige weist daraufhin, dass laut Statistik die allermeisten Frauen aus Osteuropa kommen und sehr wenig verdienen.

In der Hauptstadt „geht das los bei zehn Euro“, sagt auch Barbara Eritt von der katholischen Beratungsstelle „In Via“ in Berlin. „Deutschland hat auf der Welt einen Ruf wie früher nur Thailand. Es wird dafür geworben, dass man hier 260 Stundenkilometer auf der Autobahn fahren und dann noch billig eine Frau kaufen kann“, sagt Breymaier und ihr Ton ist bitter. Die Bundesrepublik sei „das Bordell Europas. Sobald du 20 Euro auf den Tisch legst, kannst du einer Frau Gewalt antun soviel du willst.“

Dafür verantwortlich macht die Sozialdemokratin das Prostitutionsgesetz von 2002. Dieses hatte vor allem die Entstigmatisierung und den besseren Schutz der Frauen im Fokus, sei aber „krachend gescheitert“, sagt sie. Es gebe „keine hundert Frauen, die sozialversichert sind“. Auch das nachgeschobene Prostituiertenschutzgesetz von 2017, das etwa Anmelde- und Kondompflicht vorsieht, sei nur „eine Krücke“. Die meisten Frauen meldeten sich nicht an, weil sie durch eine amtliche Registrierung erst recht eine Stigmatisierung befürchten, oder weil sie aufgrund fehlender Sprach- und Kulturkenntnisse gar nicht darüber Bescheid wissen. Viele führten ein regelrechtes Nomadenleben, würden „alle drei Monate zu einem anderen Ort verfrachtet“, sagt auch Eritt, die seit 20 Jahren betroffene Frauen berät. In Berlin etwa sind aktuell 2132 Personen als Prostituierte gemeldet – bei geschätzten 8.000 Sexarbeiterinnen.

Deutschland Zielland des weltweiten Menschenhandels

Breymaier setzt sich deshalb für die Einführung des nordischen Modells ein, das es in Schweden seit rund 20 Jahren gibt und das mittlerweile etwa auch in Frankreich, Island, Kanada und Irland gilt. Kürzlich hat noch Israel nachgezogen. Dabei ist Sexarbeit verboten, aber nicht die Prostituierten werden kriminalisiert, sondern die Freier bestraft. Zudem werden Ausstiegsangebote geschaffen und bereits Schüler zum Thema aufgeklärt. „Auch Europol stellt fest, dass Deutschland wegen seiner liberalen Gesetzgebung Zielland des europäischen und weltweiten Menschenhandels ist“, betont Breymaier. „Die Europäische Kommission fordert uns ausdrücklich auf, Regelungen wie in Schweden einzuführen“. Seit die Prostitution legal ist, sei für die Polizei der Beweis von Menschenhandel noch schwieriger geworden.

Sozialpädagogin Eritt sieht ein Verbot der Sexarbeit trotzdem kritisch. Damit würden die Frauen in die Illegalität gedrängt und seien noch schwerer als bisher für Hilfsangebote erreichbar, vermutet sie. Ähnlich sieht es auch der Deutsche Frauenrat, der zudem auf das Recht der sexuellen Selbstbestimmung pocht. Ein Sexkaufverbot bedeute „die Bestrafung von einvernehmlichem Sex zwischen erwachsenen Menschen und ignoriert deren autonome Entscheidungen“, heißt es in einer Stellungnahme.

Doch ist der Sex einvernehmlich, nur weil es dafür Geld gibt? Die Karlsruher Traumatherapeutin Ingeborg Kraus, die sich für ein Verbot der Sexarbeit einsetzt, weist auf ihrer Homepage daraufhin, dass Frauen Sexarbeit psychisch und physisch nur aushalten können, wenn sie Drogen nehmen oder dissoziieren – das heißt, dass sich der Körper während des Geschlechtsverkehrs vom Geist abspaltet und Empfindungen geringer werden.

Inwieweit jemand wirklich freiwillig als Prostituierte arbeite, sei schwierig festzustellen, sagt auch Eritt und erklärt: „Wenn jemand sehr jung in dem Bereich angefangen hat, ist die Willensstärke, ,Nein‘ zu sagen, sehr wenig ausgeprägt. Die Frauen sind dann aufs Ja-Sagen konditioniert, aufs schnelle Geldverdienen.“

Im Bundestag hat Breymaier einen parlamentarischen Arbeitskreis zum Thema Sexkaufverbot initiiert. In ein paar Monaten will sie Bilanz ziehen.„Dann wird sich zeigen, ob und welche Initiativen wir starten“, sagt sie kämpferisch.

Für sie ist auch das Signal entscheidend, das von einem Verbot ausgehen würde: „Jungen Menschen zu vermitteln, dass es nicht richtig ist, dass man Frauen kauft.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen