Die Welt von einer anderen Seite : Tierisch was los im Herbst

Bis zu zehn Eicheln kann der Eichelhäher in seinem Kehlsack transportieren und trägt dazu häufig auch noch eine im Schnabel.
Bis zu zehn Eicheln kann der Eichelhäher in seinem Kehlsack transportieren und trägt dazu häufig auch noch eine im Schnabel.

Schietwetter und Sonne im stetigen Wechsel. Wer sich jetzt trotzdem hinauswagt in die Natur, der erlebt die Tierwelt von einer ganz anderen Seite

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09. November 2019, 16:00 Uhr

Anfang November. Die falsche Jahreszeit für einen Spaziergang durch die Natur? Egal, die frische Luft kann nicht schaden. Rein in die warmen Klamotten, das Fernglas um den Hals, und los geht’s. Über die Wiesen wabert gespenstisch der Nebel. Endlich kämpft sich die Sonne hervor und taucht das Land in leuchtende Farben. Ein schmaler Pfad führt mich hinein in den Wald. Langsam und lautlos taumeln die Blätter zu Boden, unter den Schuhen raschelt das trockene Laub. Allerorten recken Pilze ihre glänzenden Hüte empor. Der feuchte Herbst hat sie in Massen aus dem Boden gelockt.

Nach einer halben Stunde erreiche ich den versteckten Tümpel. Im warmen Licht schimmert sein Wasser wie flüssiges Gold. Indianersommer: Gelb, rot und braun leuchten die Bäume am Ufer. Weiter draußen dümpeln ein paar Enten und Gänse. Ihre Kielwellen malen glitzernde Linien in das spiegelnde Nass. Ganz in der Nähe, am flachen Ufer, lauert reglos ein Graureiher.

Überall am Boden üppige Pracht: Eicheln, Bucheckern, Haselnüsse und Kastanien, in Massen, wie es sie lange nicht mehr gab. Über die knorrigen Äste einer uralten Eiche huscht ein roter Kobold mit buschigem Schweif. Das Eichhörnchen ist unterwegs, um Vorräte für die kalte Jahreszeit zu sammeln. Blitzschnell huscht der schwindelfreie Irrwisch kopfüber an der rauen Rinde nach unten, packt sich eine Eichel und verschwindet im Unterholz.

Zarter Abendgesang

Auch ein Eichelhäher schaut vorbei und bedient sich am reich gedeckten Tisch. Als er mich entdeckt, krächzt er erbost und flattert genervt davon. Nebenan, unter den ausladenden Ästen eines Haselstrauchs, lugt mit schwarzen Knopfaugen eine Waldmaus durchs Laub. Schließlich wagt sie sich ins Freie. Zitternd, vorsichtig, misstrauisch, sie weiß sehr wohl, dass irgendwo der Bussard lauert. Jetzt muss es schnell gehen: Mit ihren scharfen Zähnchen packt sich die Maus eine Nuss und verschwindet. Zur Vorratskammer in ihrem Bau ist es sicher nicht weit.

Hinter den letzten Bäumen öffnet sich das offene Grünland. Am Wegrand, im stacheligen Gestrüpp der Hundsrosen, leuchten die kläglichen Reste der Hagebutten. Zeternd machen sich ein paar Wacholderdrosseln aus dem Staub. Tagelang haben sie sich an den nahrhaften roten Früchten gütlich getan. Ein Sprung Rehe steht wie versteinert am Rand eines Grabens. Die Tiere beäugen misstrauisch den Fuchs, der ganz in ihrer Nähe vorbeischleicht. Aber Reineke hat mit den Rehen rein gar nichts am Hut – ihm steht der Sinn nach Mäusen. Auch ein Wiesel huscht auf der Suche nach Beute durchs nasse Gras. Sein weißes Winterfell wird es erst in den kommenden Wochen anlegen. Als ich ins Dorf zurückkehre, dämmert es bereits. Ein Rotkehlchen begrüßt mich mit seinem zarten, perlenden Abendgesang.

Und dann höre ich ein paar gellende Pfiffe: Der Steinkauz ist wieder da. Seit Monaten habe ich die kleine Eule nicht mehr gehört. Von wegen „nix los“ in der Natur. Die Tierwelt ist zwar unauffälliger geworden – aber verstummt ist sie nicht.     



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