15-Jährige in U-Haft : Dreijähriger in Detmold getötet: Halbschwester hinterließ Botschaft aus Blut

In diesem Mehrfamilienhaus in Detmold soll eine 15-Jährige ihren Halbbruder getötet haben.
In diesem Mehrfamilienhaus in Detmold soll eine 15-Jährige ihren Halbbruder getötet haben.

"Es wird davon ausgegangen, dass das Opfer zum Zeitpunkt der Tatbegehung schlief", hieß es in der Mitteilung.

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08. November 2019, 16:29 Uhr

Detmold | Sie soll ihren schlafenden Halbbruder mit 28 Messerstichen umgebracht haben: Eine 15-Jährige aus Detmold sitzt nach dem gewaltsamen Tod des dreijährigen Jungen wegen Mordes in Untersuchungshaft. Sie habe ausgesagt, dass sie sich selbst für die Täterin halte – zugleich berufe sie sich aber auf Erinnerungslücken, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft am Freitag mit.

Wie die "Bild"-Zeitung berichtet, habe das Mädchen nach der Tat die Klingen mehrerer Messer in das Blut ihres Bruders getaucht und in englischer Sprache eine Botschaft an die Wand geschrieben. Das habe die Staatsanwaltschaft bestätigt, ohne weitere Details zu nennen.

"Tiefe Abneigung gegen den Halbbruder"

Das Motiv vermuten die Ermittler in einem schwierigen familiären Umfeld der 15-Jährigen. Sie habe "eine tiefe Abneigung gegen den Halbbruder entwickelt", schrieben die Behörden. Einen konkreten Anlass für die Tat habe sie in den Vernehmungen nicht genannt.

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Der Haftrichter sei bei seiner Entscheidung am Freitag davon ausgegangen, dass die 15-Jährige die Tat aus niedrigen Beweggründen und Heimtücke verübt habe. 28 Messerstiche zählten Gerichtsmediziner bei der Obduktion des Dreijährigen. "Es wird davon ausgegangen, dass das Opfer zum Zeitpunkt der Tatbegehung schlief", teilten die Ermittler mit.


Bei der Kripo arbeitet eine 15-köpfige Mordkommission an dem Fall. Angehörige hatten die Leiche des dreijährigen Jungen am Mittwoch gegen 21.00 Uhr in der Wohnung der Familie gefunden und die Polizei alarmiert. Die Behörden hatten daraufhin eine Fahndung eingeleitet, Streifenbeamte, Diensthunde und ein Hubschrauber waren im Einsatz.

Halbschwester wurde in Lemgo gefasst

Die Halbschwester des Opfers war die ganze Nacht auf der Flucht. Erst am Donnerstagmorgen, nachdem die Behörden ein Foto von ihr veröffentlicht und um Hinweise aus der Bevölkerung gebeten hatten, gab ein Zeuge im benachbarten Lemgo den entscheidenden Tipp. Als ein Beamter die 15-Jährige festnahm, habe sie keinen Widerstand geleistet und sei in "ruhiger Verfassung" gewesen, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Mit 15 Jahren ist die junge Frau vom Gesetz her strafmündig. Ein Gutachter müsse nun prüfen, ob sie schuldfähig ist und wie er ihre geistige Entwicklung einschätzt. Sie sollte für die Untersuchungshaft im Jugendgefängnis in Iserlohn untergebracht werden. Bei einer Anklage würde ein Prozess wegen des Alters unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführt. Das Jugendgerichtsgesetz (JGG) sieht bei Mord eine Höchststrafe von zehn Jahren vor. Zur Nationalität der dringend tatverdächtigen 15-Jährigen machten Polizei und Staatsanwaltschaft keine Angaben – ihre Familie sei polnischstämmig.

Die Stadt Detmold im Kreis Lippe teilte auf Anfrage mit, dass es für das Jugendamt keine Anhaltspunkte gegeben habe, dass das Kindeswohl des Dreijährigen gefährdet sein könnte.

Experten warnen vor voreiligen Schlüssen

Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur warnen Experten derweil vor vorschnellen Schlüssen. Dass jemand seine Wut nicht unter Kontrolle habe, liege immer in einen Mix an Gründen, sagt etwa Mareike Schüler-Springorum, Ärztliche Direktorin des LWL-Therapiezentrums für Forensische Psychiatrie Marsberg in Nordrhein-Westfalen. "Das ist ein komplexes Zusammenspiel."

Die Psychologische Psychotherapeutin Gisela Dreyer aus Bonn sagt: "Wut ist das intensivste und am schwierigsten zu kontrollierende Gefühl." Selbst Erwachsenen falle die Kontrolle darüber schwer. "Kontrolle der Wut gelingt allein über Selbstreflexion und über Sprache", meint Dreyer. Defizite bei diesen Punkten würden zum Problem.

Die beiden Expertinnen Schüler-Springorum und Dreyer betonen übereinstimmend, dass zu dem Detmolder Fall bislang zu wenig bekannt sei, um sich konkret zu äußern. Ihre Einschätzungen beziehen sich daher allgemein auf das Wutgefühl aus Experten-Sicht.

Jeder gehe anders mit Wut um

Schüler-Springorum, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, sagt: "Jeder von uns geht damit anders um. Bei dem einen muss schon viel passieren, bevor er wütend wird. Der andere geht wie das berühmte HB-Männchen sofort in die Luft. Das ist eine Frage der Impulskontrolle." Die Impulskontrolle müsse sich erst langsam entwickeln. "Bei einem Baby ist sie nicht vorhanden. Und auch Kleinkinder können im Supermarkt noch den berühmten Wutausbruch bekommen und sich auf den Boden werfen", sagt Schüler-Springorum.

Die Wissenschaft wisse, dass sich Hirnareale bei Jugendlichen zu unterschiedlichen Zeiten entwickeln. Areale für die Verhaltens- und somit Impulskontrolle reiften relativ spät, Areale wie das Belohnungszentrum relativ früh. "Das führt bei Jugendlichen zu Disharmonien in der Entwicklung. Eltern von Pubertierenden können das bestätigen", erklärt Schüler-Springorum.

"Bei Wut als Auslöser für Gewalt ist die Frage, warum sie sich so massiv entwickelt? War niemand da für den Betroffenen? Wie schaut das Familiensystem aus? Kann der Jugendliche Lösungsstrategien für sich entwickeln? Wie schaut seine soziale Kompetenz aus? Wie geht er mit Kritik um?", zählt die Fachärztin auf.

"Kann der Täter Unrecht überhaupt verstehen?"

Bei jugendlichen Straftätern müssten Experten verschiedene Punkte klären: "Kann der Täter Unrecht überhaupt verstehen? Kann er sein Handeln steuern? Liegt eine psychische Störung vor?", sagt Schüler-Springorum. Außerdem müsse ein Gutachter prüfen, wie der Jugendliche mit Gefühlen umgeht, wie mit Frust oder Stress mit den Eltern. Das Lernumfeld in der Schule sei ebenfalls zu beleuchten.

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