In Kiel in Haft : Fall „Maddie“: Verdächtiger Deutsche wegen Kinderpornographie verurteilt

Kate und Gerry McCann bei einer Pressekonferenz 2011.
Kate und Gerry McCann bei einer Pressekonferenz 2011.

Im Jahr 2007 verschwand die damals dreijährige Madeleine McCann. Jetzt gibt es neue Ermittlungen gegen einen Deutschen.

von
04. Juni 2020, 08:16 Uhr

Wiesbaden | Die Staatsanwaltschaft Braunschweig geht davon aus, dass die vor rund 13 Jahren in Portugal verschwundene dreijährige Madeleine "Maddie" McCann tot ist. Die Ermittlungen gegen einen 43-jährigen Deutschen würden wegen Mordverdachts geführt. "Wir gehen davon aus, dass das Mädchen tot ist", sagte der Sprecher der Behörde, Hans Christian Wolters, am Donnerstag vor Journalisten in Braunschweig.

Chronologie: Seit 13 Jahren verschwunden: Der mysteriöse Fall Maddie McCann

Derzeit verbüßt der Verdächtige eine Haftstrafe in Kiel. Er ist im September 2017 wegen Besitzes von Kinderpornografie und sexuellen Missbrauchs eines Kindes vom Landgericht Braunschweig verurteilt worden. Das bestätigte am Donnerstag Thomas Klinge, Sprecher der Staatsanwaltschaft Hannover, die für alle Fälle in Niedersachsen mit Bezug zu Kinder- und Jugendpornografie zuständig ist. Der Mann habe eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten erhalten, die er bereits verbüßt habe, sagte der Sprecher. Die Ermittlungen in diesem Fall hätten bereits 2014 begonnen. Einzelheiten zu dem Verfahren wollte Klinge nicht nennen.

Bereits im Oktober 2011 verurteilte ihn das Amtsgericht im schleswig-holsteinischen Niebüll wegen "Handeltreibens mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge" zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten. Die Strafe wurde zunächst zur Bewährung ausgesetzt. Später wurde die Bewährung widerrufen. Der Verdächtige landete im Gefängnis.

In Braunschweig war der Verdächtige im Dezember 2019 wegen der Vergewaltigung einer 72-jährigen Amerikanerin verurteilt worden.

Sehen Sie auch im Video: Deutscher unter Mordverdacht im Fall "Maddie"


Weiterlesen: Leitungen überlastet: Fall Maddie McCann bei „Aktenzeichen XY“

Fall Maddie: Eltern standen selbst unter Verdacht

Maddie verschwand am 3. Mai 2007 aus einer Appartementanlage im portugiesischen Praia da Luz. Die Eltern waren zu der Zeit in einem nahe gelegenen Restaurant essen. Die Ermittler waren von einer Entführung ausgegangen. Zeitweise standen auch die Eltern selbst unter Verdacht. Nach Angaben des Bundeskriminalamts (BKA) lebte der Beschuldigte zwischen 1995 und 2007 regelmäßig an der Algarve unter anderem einige Jahre in einem Haus zwischen Lagos und Praia da Luz. "Nach hier vorliegenden Erkenntnissen ging er in dieser Zeit im Raum Lagos mehreren Gelegenheitsjobs, unter anderem in der Gastronomie, nach", teilte das BKA mit.

_202006032104_full.jpeg
Luis Forra/LUSA FILE/dpa


Beschuldigter Deutscher wegen Vergewaltigung verurteilt

Nach Informationen der "Braunschweiger Zeitung" (Donnerstagsausgabe) handelt es sich bei dem nun Beschuldigten um einen Mann, der 2019 vom Landgericht Braunschweig wegen Vergewaltigung einer damals 72-jährigen Amerikanerin verurteilt worden sei. Der Mann soll die Tat in demselben portugiesischen Ort begangen haben, in dem rund anderthalb Jahre später die kleine Maddie verschwunden sei.

Im Dezember 2019 sei der Mann vor dem Braunschweiger Landgericht zu einer siebenjährigen Freiheitsstrafe verurteilt worden, berichtet die "Braunschweiger Zeitung". Das Urteil sei bislang nicht rechtskräftig. Der Angeklagte werfe der Justiz Rechtsfehler im Auslieferungsverfahren vor.

Entscheidender Hinweis bei "Aktenzeichen XY... ungelöst"

Der Fall Maddie war am Mittwochabend – wie schon früher – Thema in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY... ungelöst". Auf die Spur des nun Verdächtigen kamen die Ermittler nach eigenen Angaben durch einen Hinweis nach der ZDF-Sendung zum Fall im Oktober 2013. "Die damaligen Informationen reichten nicht für Ermittlungen aus und schon gar nicht für eine Festnahme", sagte BKA-Ermittler Christian Hoppe in der Sendung. Auch ein weiterer Hinweis auf den Tatverdächtigen im Jahr 2017 habe noch nicht gereicht.

"Und die Informationen, die wir im Rahmen unserer Ermittlungen gewinnen können, führen uns immer mehr zu der Überzeugung, dass es sich bei dem Tatverdächtigen um den Täter handeln könnte", fügte der leitende Kriminaldirektor beim BKA hinzu. Bei der Behörde wurde ein Hinweisportal BKA eingerichtet und für Hinweise zur Aufklärung der Tat eine Belohnung von 10.000 Euro ausgesetzt.

In der Abfrage am Ende von „Aktenzeichen XY“, fasst Alfred Hettmer die ersten Ergebnisse zusammen. Obwohl allein beim BKA rund 30 Ermittler die Anrufe entgegennehmen, sind die Leitungen offenbar überlastet. Die Polizei bittet Zuschauer daher, es später noch einmal zu versuchen, falls sie nicht durchdringen konnten. Hettmer: „Jeder Hinweis ist wichtig.“ Zur Bewertung der bislang eingegangenen Anrufe konnte der Kommissar noch nichts sagen.

Ermittler legten Augenmerk auf zwei Fahrzeuge

Wie Scotland Yard am Mittwochabend mitteilte, trug der Mann zur Tatzeit kurzes, blondes Haar und war etwa 1,80 Meter groß. Besonderes Augenmerk lenkten die britischen Ermittler auf zwei Fahrzeuge und zwei Telefonnummern, die der Verdächtige benutzt haben soll. Es geht um einen Caravan vom Typ VW T3 Westfalia mit portugiesischem Nummernschild, in dem der Mann zeitweise gewohnt haben soll, und einen Jaguar, Model XJR 6, mit einem deutschen Kennzeichen.

Am Tag nach Maddies Verschwinden sei der Jaguar auf einen neuen Halter umgemeldet worden. An dem Abend, als Maddie verschwand, soll der Verdächtige einen Anruf erhalten haben unter der Nummer +351 912 730 680 mit portugiesischer Ländervorwahl. Der Anruf wurde in der Region um Praia de Luz entgegengenommen. "Ermittler glauben, dass die Person, die diesen Anruf getätigt hat, ein höchst wichtiger Zeuge ist, und rufen sie dazu auf, in Kontakt zu treten", hieß es in der Scotland-Yard-Mitteilung. Die Nummer des Anrufers laute +351 916 510 683.

Das Mädchen verschwand aus einer Apartmentanlage, während die Eltern zu Abend aßen.
imago images/Granata Images
Das Mädchen verschwand aus einer Apartmentanlage, während die Eltern zu Abend aßen.


Die Erkenntnisse seien das Ergebnis einer jahrelangen Zusammenarbeit, der britischen, deutschen und portugiesischen Polizei, hieß es weiter. "Nach dem 10. Jahrestag erhielt die Metropolitan Police Informationen über einen deutschen Mann, der sich bekanntermaßen in und um Praia de Luz aufhielt. Wir haben mit Kollegen in Deutschland und Portugal zusammengearbeitet und dieser Mann ist ein Verdächtiger im Verschwinden von Madeleine", sagte Detective Chief Inspector Mark Cranwell der Mitteilung zufolge. Scotland Yars betonte jedoch, dass es sich weiterhin um einen Vermisstenfall handle.

Ex-Nachbarin beschreibt Verdächtigen als "agressiv"

Die "Braunschweiger Zeitung" schreibt mit Blick auf den Gerichtsprozess, dass der in einem schlichten grauen Shirt und etwas zu großer Jeans gekleidete Mann intelligent gewirkt habe. Deutsche Zeugen aus portugiesischer Zeit hätten ihn als Glücksritter beschrieben, "der versucht hat, was auszustrahlen, aber auch nicht auf großen Zampano gemacht hat".

Eine frühere Nachbarin aus Portugal beschrieb den Verdächtigen als aggressiv. "Er war immer ein bisschen wütend, ist die Straße schnell hoch und runter gefahren und eines Tages, so um 2006, verschwand er ohne ein Wort", berichtete die Frau dem britischen Sender Sky News. Etwa ein halbes Jahr nach dem Verschwinden des Mannes sei sie gebeten worden, beim Aufräumen der Unterkunft zu helfen, berichtete die Frau. "Es war eklig." Überall hätten beschädigte Sachen wie Computer gelegen. In einem Müllbeutel seien Perücken und seltsame Kleidungsstücke - möglicherweise für Kostümierungen - gewesen.

Maddies Eltern: "Werden niemals Hoffnung aufgeben"

Madeleines Eltern hatten sich mit teils emotionalen Aufrufen immer wieder an die Öffentlichkeit gewandt, um Informationen über den Verbleib ihrer Tochter zu erhalten. "Alles, was wir je wollten, ist sie zu finden, die Wahrheit ans Licht zu bringen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen", heißt es in einem Statement der Eltern in der Scotland-Yard-Mitteilung. "Wir werden niemals die Hoffnung aufgeben, Madeleine lebend zu finden, aber was auch immer herauskommen sollte, wir müssen es wissen, weil wir Frieden finden müssen."

Die Hoffnung, ihre Tochter lebend zu finden, hatten die Eltern nie aufgegeben, wie Mutter Kate McCann auch in einem BBC-Interview zum 10. Jahrestag von Maddies Verschwindens 2017 gesagt hatte. Sie kaufe noch immer Geschenke für ihre Tochter an Weihnachten und zum Geburtstag.

Madeleines Eltern Kate und Gerry McCann.
imago stock&people
Madeleines Eltern Kate und Gerry McCann.


Die neuen Erkenntnisse lösten am Donnerstag ein großes mediales Interesse an den Ermittlungen in Braunschweig aus. Für eine Statement der Staatsanwaltschaft am Donnerstagmittag meldeten sich so viele internationale Reporter an, dass es mindestens einmal wiederholt werden soll, wie ein Behördensprecher am Donnerstagmorgen sagte. Die Sendung "Aktenzeichen XY...ungelöst" zog am Mittwochabend die meisten Zuschauer an. 5,22 Millionen sahen um 20.15 Uhr die Sendung im ZDF, das entspricht einem Marktanteil von 17,8 Prozent.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen