Vier Hamburger Wissenschaftler : "Sie rüttelten am Taxi und riefen 'Virus'" – Forscherteam sitzt in Kamerun fest

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Professorin Raija Kramer (vorne) harrt mit ihren Studenten seit Tagen in einem Hotel aus, weil Kamerun niemanden mehr ausreisen lässt.
Professorin Raija Kramer (vorne) harrt mit ihren Studenten seit Tagen in einem Hotel aus, weil Kamerun niemanden mehr ausreisen lässt.

Die Afrikanistik-Professorin Raija Kramer schildert unserer Redaktion ihre zermürbende Situation.

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26. März 2020, 12:33 Uhr

Jaunde/Hamburg | Die Nerven liegen blank. Eine Hamburger Forschergruppe sitzt seit einer Woche in Kamerun fest. Die vier Wissenschaftler harren mit anderen Gestrandeten in einem Hotel aus, in dem langsam die Stimmung kippt. "Gestern hat es eine unschöne Szene gegeben, meine Studenten wurden angegangen", berichtet Raija Kramer unserer Redaktion. Sie ist Professorin am Hamburger Asien-Afrika-Institut und erforscht die Sprachkultur im Norden des Landes. Sie kennt Kamerun. Immer wieder war die 42-Jährige für Forschungsprojekte in das zentralafrikanische Land gereist, diesmal mit einer Doktorandin und zwei Studenten.

Die Corona-Krise platzte mitten in ihre Forschungsreise. Am 13. März habe die Universität Hamburg alle Dienstreisen untersagt. Doch weil einer der Studenten an Fieber erkrankte, verschoben sie die Rückreise aus Nord-Kamerun um drei Tage. Doch dann wurde die Lage brenzlig. Als sie Unruhen vor der Polizeistation gegenüber ihres Cafés bemerkten, zogen sie sich in ein weiteres Café zurück, berichtet Kramer. Dann seien Schüsse gefallen. "Wir hörten Sirenen und man roch Tränengas. Wir haben uns dann in der Küche verbarrikadiert und sind dort den ganzen Tag geblieben."

Das Team schaffte es in die Hauptstadt Jaunde. Doch eine Ausreise war nicht mehr möglich: "Wir haben kein Zugticket bekommen", sagt Kramer. Kamerun schottete sich ab – alle Flüge und Zugverbindungen wurden annulliert. Kramer und ihr Team saßen fest.

Zuflucht im Hilton Hotel in der Hauptstadt Jaunde


Die vier Hamburger quartierten sich in das Hilton Hotel in Jaunde ein, das die Deutsche Botschaft als sicher eingestuft hat. Dabei lösten sie einen Aufruhr aus, da Europäer das Coronavirus in Kamerun einschleppten. "Die Leute rüttelten am Taxi und riefen 'Virus' und 'Corona' – sowas macht natürlich Angst", sagt Kramer. Gleichzeitig äußert sie Verständnis für die Kameruner, die wegen ihres labilen Gesundheitssystems verheerende Folgen durch die Corona-Pandemie fürchten.

Kamerun

Hintergrund

Kamerun ist ein autoritär regiertes Land in Zentralafrika, in dem es immer wieder zu Gewaltausbrüchen kommt. Im Norden terrorisiert die islamistische Miliz Boko Haram das Land. Rund 25 Millionen Menschen leben in Kamerun. Aktuell sind 66 Sars-Cov-2-Infizierte im Land gemeldet. Ein Tourist aus Italien starb daran.


Zermürbende Ungewissheit über möglichen Ausreisetermin

Zu viert belegen die Hamburger Linguisten nun ein Doppelzimmer. Wie lange noch, das ist die Frage, die an Kramers Nerven zehrt. Die Rückholflüge der Bundesregierung starten zunächst aus typischen Touristenländern, zu denen Kamerun nicht gehört. Das Auswärtige Amt steht nach eigenen Angaben im Kontakt mit den lokalen Behörden, um Landegenehmigungen für Flugzeuge in Kamerun zu erhalten. Auch die Hamburger Senatskanzlei setzt sich für eine Heimkehr der Forschergruppe ein.

Wenigstens muss sie sich nicht um die Kosten von mehreren hundert Euro die Nacht sorgen: Das Zimmer werde "zu Botschaftskonditionen" gebucht und ihr Arbeitgeber, die Universität Hamburg, hat eine Kostenübernahme versprochen. Kramer sagt, sie könne dennoch kaum schlafen.


Am meisten belaste Kramer "die gewaltige Verunsicherung wegen der Unkenntnis darüber, wann wir hier raus können." Mittlerweile werde auch in Kamerun über eine Ausgangssperre debattiert und in ihrem Hotel droht die Lage zu eskalieren. Dort halten sich laut Kramer noch andere Gestrandete auf, die ihre Studenten "angegangen" hätten, sodass Sicherheitskräfte eingreifen mussten. "Ich habe als akademische Führungskraft Personalverantwortung", betont Kramer, die sich stark um das Wohl ihrer Studenten sorgt. "Ich muss gucken, dass sie nicht die Hoffnung verlieren."


Am Mittwoch erwartete das Team erneut Besuch von einer Botschaftsmitarbeiterin. Sie sei schon einmal vorbeigekommen, um über die Bemühungen für die Ausreise der Hamburger zu berichten. Auch diesmal gab es keine offiziellen Neuigkeiten für die vier Gestrandeten. Kramer sagt, sie wisse den Einsatz zu schätzen: "Ich bin dankbar dafür, aber es war bisher auch wie eine Nullaussage für uns." Sie sehnt sich ein Datum herbei. Einen Termin für die Rückkehr nach Hamburg zu ihrem Mann und ihren zwei Kindern.

Update: Kramer erreichte am Donnerstag die Nachricht, die Rückholaktion laufe an und einen Tag später steht fest: Am Wochenende kann die Forschergruppe endlich heimkehren.

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