Nach Festnahme : Messerangriffe in Nürnberg: Verdächtiger schweigt weiterhin

Roman Fertinger, Polizeipräsident des Polizeipräsidiums Mittelfranken, äußerte sich am Sonntag zur Tat.
Roman Fertinger, Polizeipräsident des Polizeipräsidiums Mittelfranken, äußerte sich am Sonntag zur Tat.

Der Verdächtige sei bereits mehrfach verurteilt worden. Die Polizei sucht nach einer weiteren wichtigen Zeugin.

nnn.de von
16. Dezember 2018, 13:05 Uhr

Nürnberg | Nach der Festnahme des mutmaßlichen Messerstechers von Nürnberg wertet die Polizei weiter Hinweise zu dem Fall aus. Mehr als 200 seien bisher eingegangen, sagte eine Sprecherin am Montag. Details nannte sie nicht. Der 38 Jahre alte Tatverdächtige schweigt immer noch zu den Vorwürfen, wie die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth auf Anfrage erklärte. Der Deutsche soll am vergangenen Donnerstag drei Frauen im Alter von 26, 34 und 56 Jahren niedergestochen haben. Alle drei Opfer wurden am Oberkörper schwer verletzt – zwei der Frauen waren zeitweise in Lebensgefahr.

Die Polizei sucht nun nach einer möglichen Zeugin, die in der Nähe eines Tatorts im Stadtteil St. Johannis mit einem Hund unterwegs war und etwas gesehen haben könnte. Von ihr erhofften sich die Beamten nützliche Hinweise, sagte die Polizeisprecherin.

Der laut Staatsanwaltschaft gebürtig aus Sachsen-Anhalt stammende Mann – zuvor hieß es fälschlicherweise, er sei gebürtiger Thüringer – sitzt seit vergangenem Freitag wegen Diebstahls in Untersuchungshaft. Er hatte versucht, in einem Geschäft ein Käsemesser zu stehlen

Als Jugendlicher wegen Vergewaltigung verurteilt

Wie Oberstaatsanwältin Antje Gabriels-Gorsolke sagte, war der Verdächtige der Polizei bereits bekannt. 18 Mal wurde der Mann insgesamt bereits verurteilt, als Jugendlicher unter anderem wegen Vergewaltigung. Vorwiegend gehe es aber um Diebstahl, Drogendelikte, Brandstiftung, Betrug und Beleidigung. Es sei "ein Spaziergang quer durchs Strafgesetzbuch", so die Anklägerin.

Zuletzt wurde der Mann 2015 zu einer Freiheitsstrafe verurteilt, die letzte Verurteilung aus Nürnberg stammt aus dem Jahr 2005. Aktuell habe er nicht mehr unter Bewährung gestanden.

Opfer mussten notoperiert werden

Der 38-Jährige soll am Donnerstagabend drei Frauen im Alter von 26, 34 und 56 Jahren in kurzen Abständen binnen drei Stunden niedergestochen haben. Laut Polizei kannte er die Frauen nicht. Seitdem sitzt er nun in Untersuchungshaft. Die Frauen erlitten teils lebensgefährliche Verletzungen am Oberkörper und mussten notoperiert werden. Sie sind aber inzwischen außer Lebensgefahr.

Zwei Tage nach den Taten waren sie ihm über einen DNA-Abgleich auf die Spur gekommen. Weil alle Opfer auf dem Nachhauseweg von den Angriffen völlig überrascht wurden, geht die Anklagebehörde in allen drei Fällen von versuchtem Mord aus.

Sonderkommission und Profiler eingesetzt

Zur Aufklärung der Tat war eine Sonderkommission mit 40 Beamten eingerichtet worden. Auch sogenannte Profiler wurden dafür eingeschaltet. Diese Fallanalytiker erstellen anhand der Begehungsweise der Taten ein Profil des Täters. Polizeipräsident Roman Fertinger hatte am Freitag davon gesprochen, dass man "einige Personen im Fokus" habe.

Die Ermittler waren rasch davon ausgegangen, dass es sich in allen Fällen um denselben Täter handelte. Der geringe zeitliche und örtliche Abstand und das immer gleiche Vorgehen hatte diese Vermutung gestärkt; später wiesen auch die Täterbeschreibungen der drei Frauen in diese Richtung. Im Stadtteil St. Johannis, wo die Tatorte lagen, hatten die Angriffe neben Entsetzen bei einigen auch Verunsicherung ausgelöst.

Letzte Meldeadresse in Berlin

Etwa zwei Stunden vor dem ersten der drei Angriffe hatte der 38-Jährige versucht, in einem Nürnberger Kaufhaus ein anderes Messer mit einer gebogenen Klinge zu stehlen. Dies war nicht die Tatwaffe. Woher er diese hatte, ist bisher unklar. Bei diesem versuchten Diebstahl wurde der Mann gestellt, und die Polizei nahm seine Personalien auf. Die letzte Meldeadresse des gebürtigen Thüringers war demnach in Berlin. Es habe sich aber herausgestellt, dass die nicht mehr aktuell ist, sagte Fertinger. Für die meisten seiner bisherigen Straftaten wurde der Mann laut Staatsanwaltschaft im Osten Deutschlands verurteilt.

Der 38-Jährige habe sich seit etwa einer Woche in Nürnberg aufgehalten, sagte der Leitende Kriminaldirektor Thilo Bachman. "Er hat nach bisherigen Erkenntnissen keine festen Ankerpunkte." Nun müsse ermittelt werden, warum er nach Nürnberg gekommen sei. Bereits in den Jahren 2005 und 2009 habe er sich in der Region aufgehalten – allerdings nie für längere Zeit. Die Frage sei auch, ob der Mann für ähnliche weitere Taten bundesweit verantwortlich sei, sagte Bachmann. Das Puzzle, das sich den Ermittlern bislang zeige, habe "eine Kontur, aber noch lange kein klares Bild".

Etwa 200 Hinweise aus der Bevölkerung

Die Anklagebehörde will auch "zeitnah" Haftbefehl wegen versuchten Mordes in drei Fällen beantragen. Weil der Mann schon in U-Haft sitze, gebe es erst einmal keinen Grund zur Eile, sagte eine Sprecherin. Der Haftantrag werde höchstwahrscheinlich noch diese Woche gestellt.

Die Polizei dankte der Bevölkerung für die etwa 200 Hinweise, die bisher eingegangen sind. "Diese haben unsere Ermittlungen durchaus angereichert", sagte Bachmann.

Nur wenige Stunden nach den Taten konnten zwei Streifenpolizisten den Verdächtigen dingfest machen. "Hut ab vor den beiden Beamten, die den richtigen Riecher hatten", sagte Gabriels-Gorsolke dazu. Er bitte um Nachsicht, dass die Polizei sich mit der Information zur vorläufigen Festnahme zurückgehalten habe, sagte Fertinger: "Wir wollten sicher sein, dass wir den Richtigen haben."

Seehofer gratuliert

"Ich kann der bayerischen Polizei nur gratulieren zu diesem schnellen Fahndungserfolg", sagte Bundesinnenminister Horst Seehofer vor dem CSU-Vorstand in München. Auch wenn Polizeipräsenz ein Hauptbeitrag zur inneren Sicherheit sei, könne niemand die Menschen total schützen. "Das kann niemand auf dieser Erde. Aber wir können das Menschenmögliche tun", sagte der CSU-Chef.


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