Neues Buch : Wann ist ein Mann ein Mann?

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Das Geschlechterverhältnis wird komplizierter, sagt Erfolgsautor Jan Weiler. Sein neues Buch ist ein weiterer Beitrag zu einer hitzigen Debatte.

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09. Oktober 2019, 20:00 Uhr

Der alte weiße Mann ist inzwischen eine kulturelle Größe. Soziologen arbeiten sich an dem Begriff ab - und auch die Literatur. Im März erschien „Alte weiße Männer: Ein Schlichtungsversuch“ von Sophie Passmann. Und Thomas Gottschalk kommt in seiner neuen Biografie „Herbstbunt“ nicht ohne folgende Analyse aus: Der „,ältere heterosexuelle weiße Mann‘, eine Spezies, der ich mich zurechne“, sei „mittlerweile das einzige lebende Wesen (...), das keinerlei Artenschutz für sich reklamieren kann“.

Jetzt leistet auch Bestseller-Autor Jan Weiler einen literarischen Beitrag zur Debatte. Er greift die Sorge von Gottschalk und anderen alten weißen Männern auf und hat mit „Kühn hat Hunger“ ein Buch geschrieben, das zwischen liebevollem Verständnis für den in einer Welt der stärker werdenden Frauen verunsicherten Kommissar Kühn und bitterböser Abrechnung mit brutalen Frauenhassern wechselt.

Es hat sich viel verändert

Die Frage nach dem Verhältnis der Geschlechter sei für einige Männer „eine große Überforderung“, sagt Weiler. „Ich habe letzte Woche auf Facebook einen Ausschnitt aus einer alten Folge ,TV Total‘ mit Stefan Raab gesehen. Da ist eine Weltmeisterin im Kickern zu Gast und Raab fragt sie, ob sie bei jedem Seitenwechsel Prosecco trinken. Das war damals schon ein blöder Witz.

Aber wenn man den heute machen würde, müsste man damit rechnen, richtig angepfiffen zu werden. Das hat sich unglaublich geändert, und es ist für Leute, die in den 40ern oder in den 50ern sind, ganz schwierig.“

Eine Neuverhandlung von Geschlecht

Anderes Beispiel: Gillette. Im Januar sorgte ein neuer Rasierer-Werbespot für Schlagzeilen. Mehr als 32 Millionen Aufrufe hat der Clip inzwischen bei Youtube, weil er so ganz anders ist als die bisherigen Werbefilmchen. „Es ging viel zu lange so“, heißt es darin zu sexistischen Bildern aus alter Werbung oder 90er-Jahre-Musikvideos. Und: „Etwas hat sich entscheidend geändert.“ Schließlich wird ein Vater gezeigt, der seinem Sohn sagt, dass es uncool ist, sich zu prügeln. Ein Mann erklärt seinem Kumpel, dass es uncool ist, einer Frau hinterher zu pfeifen. Rund 800 000 Usern gefällt das – mehr als 1,5 Millionen nicht.

„Was wir im Moment beobachten, ist eine Neuverhandlung von Geschlecht“, sagt Katja Sabisch, Professorin für Gender Studies an der Ruhr-Universität Bochum. „Auf der einen Seite haben wir zwar soziale Tatbestände wie das Hausfrau-Ernährer-Modell, die sich beharrlich zeigen. Auf der anderen Seite haben wir aber durch MeToo eine gesellschaftliche Debatte, in der Geschlecht zum Teil neu vermessen wird.“

Die große Frage sei: „Wie müssen Männer heute eigentlich sein?“ Und auf diese Herbert-Grönemeyer-Frage „Wann ist ein Mann ein Mann?“ gibt es nach wie vor sehr unterschiedliche Antworten, wie nicht nur die sehr gespaltenen Reaktionen auf das Gillette-Video zeigen.

Gegenbewegung zum Feminismus

Feminismus habe inzwischen zwar nicht mehr einen ganz so schlechten Ruf, gleichzeitig gebe es aber etwas, was Sabisch Backlash nennt – eine Gegenbewegung. „Es gibt den Wunsch zu einer Rückkehr zu einem Geschlechterbild der 1950er Jahre“ – vor allem gefordert von eben jenem „weißen, alten Mann“.

„Das ist ja inzwischen zu einer Metapher geworden, zu einem Kollektivsymbol. Dabei geht es um nichts anderes als Privilegien, um die Männer fürchten, um Besitzstandswahrung“, sagt Sabisch. Dabei sei es doch eigentlich wünschenswert, dass man darüber rede, wenn Ressourcen und Privilegien ungerecht verteilt sind. „Warum ist Geschlechtergleichheit so ein Problem? Aus wissenschaftlicher Sicht ist das total spannend.“

Es gibt regelrechte Frauenhasser

Menschen – meist Männer – einer besonders radikalen Ausprägung dieser Glaubensrichtung findet man gerne in konservativen bis rechten Gruppierungen auf der ganzen Welt. Brasiliens umstrittener Präsident Jair Bolsonaro betonte beispielsweise in seiner Rede zur Amtseinführung, er werde die „Gender-Ideologie bekämpfen“. Sein ebenso umstrittener US-Kollege Donald Trump gratulierte ihm nicht nur zum neuen Amt, sondern auch zu einer „großartigen Rede zur Amtseinführung“, wie er damals twitterte. „Die USA sind bei Ihnen!“

Eine gefährliche Entwicklung, meint Autor Weiler: „Es gibt regelrechte Frauenhasser. Und die werden auch noch ständig von außen bestätigt. Schauen Sie sich nur Donald Trump an. Der Mann ist über 70 und schafft es nicht, respektvoll über Frauen zu reden.“

Kirche tut sich schwer mit einer neuen Definition

Auch die katholische Kirche tut sich schwer mit einer neuen Definition von Geschlechterverhältnissen – nachzulesen in einem Dokument der vatikanischen Bildungskongregation für die katholische Lehre mit dem Titel „Als Mann und Frau schuf er sie“. Die Gender-Theorie sei eine „Ideologie, die den Unterschied (...) in der Natur eines Mannes und einer Frau leugnet und eine Gesellschaft ohne geschlechtliche Unterschiede vorsieht und somit die anthropologische Grundlage der Familie eliminiert“, heißt es darin.

„In der Diskussion um Maria 2.0 zeigt sich das ja auch sehr drastisch“, sagt Gender-Forscherin Sabisch und spricht von „toxischer Maskulinität: sehr rückwärtsgewandt, sehr biologieorientiert“.

Buchtipp:
Jan Weiler: „Kühn hat Hunger“, Piper München, 416 Seiten, EAN 978-3-492-05876-6

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Weiterlesen: Jan Weiler und die «Enteierung der Männer»

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