Zwei Wochen Übelkeit? : Seekrankheit: Warum auch Greta Thunberg besonders gefährdet ist

Greta Thunberg überquert den Atlantik per Hochseeyacht – vor Seekrankheit hat sie keine Angst.
Greta Thunberg überquert den Atlantik per Hochseeyacht – vor Seekrankheit hat sie keine Angst.

Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg hat bei ihrer Atlantik-Überquerung keine Angst vor zwei Wochen Spuckerei.

nnn.de von
14. August 2019, 15:12 Uhr

Kiel/Neustadt | An diesem Mittwoch startet die Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg ihre Atlantik-Überquerung. Dann bringt der Hamburger Profisegler Boris Herrmann sie mit seiner Hochseeyacht "Malizia" nach Amerika. Während der aktuellen Wetterlage ist diese Tour auch für Profi-Segler eine echte Herausforderung. Thunberg selbst nimmt es noch gelassen: "Dann werde ich mich eben zwei Wochen lang übergeben", sagte sie dem STERN.


Es seien nur zwei Wochen auf hoher See und an Bord gäbe es Medizin gegen Seekrankheit, sagte die 16-Jährige. Schlecht für Thunberg: Generell seien Jüngere eher von der Seekrankheit betroffen als Ältere, Frauen eher als Männer, sagte Andreas Koch vom Schifffahrtmedizinischen Institut der Marine. (Weiterlesen: Greta Thunberg nur eine "PR-Marionette"? Was über ihr Umfeld bekannt ist)

Hoffnung gegen Seekrankheit: Vitamin-C-Kaugummi

Mancher fühlt sich nur bleiern und antriebslos, andere spucken sich die Seele aus dem Leib und würden am liebsten über Bord gehen. Nicht nur Touristen, auch echte Seebären. Flottenarzt Koch sucht Gegenmittel, die nicht die Nebenwirkungen von Reisetabletten – den sogenannten Antihistaminika – haben. "Diese haben allesamt den Nachteil, dass sie etwas müde machen", sagt Koch. Die Nebenwirkungen einer Reisetablette sind mit vielen Aufgaben einer Schiffsbesatzung nicht vereinbar. Eine mögliche Lösung: Für Vitamin C zeigte eine Untersuchung, dass es die Symptome der Seekrankheit lindern kann, aber nicht müde macht. Deshalb starten die Marine-Mediziner im Herbst einen zweijährigen Versuch mit mehreren hundert Soldaten. Sie erhalten auf mehreren Fregatten Kaugummis mit hochdosiertem Vitamin C beziehungsweise ohne. "Vitamin C senkt den Histaminspiegel im Körper", sagte Koch.

Auch an Bord des Dreimasters "Gorch Fock" habe die Besatzung mit Vitamin-C-Präparaten Erfolge erzielt, sagt dessen Kommandant Brandt. Tests am Schifffahrtmedizinischen Institut der Marine in Neustadt an der Ostsee sind ebenfalls aussichtsreich verlaufen. „Im Herbst wollen wir herausfinden, ob sich die Ergebnisse unserer Laborversuche unter realen Bedingungen auf See bestätigen", sagt Wissenschaftler Koch.

Warum wir seekrank werden

Bei den Formen der Kinetose, zu denen die Reise- und die Seekrankheit gehören, "handelt es sich um keine Krankheit im engeren Sinne, sondern um eine im Grundsatz zunächst normale Reaktion auf einen Sinneskonflikt, die schwere Ausmaße annehmen kann", sagte Flottenarzt Koch. Niemand sei davor sicher: "Jeder Mensch kann seekrank werden – vorausgesetzt er hat ein funktionierendes Gleichgewichtsorgan." Selbst Fische könnten Symptome der Seekrankheit aufweisen. (Auch interessant: Lesen im Auto – Warum uns schlecht wird, und was dagegen hilft)

Andreas Koch, Leiter der Sektion Maritime Medizin des Institutes für Experimentelle Medizin der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und Abteilungsleiter am Schifffahrtmedizinischen Institut der Marine. Foto: dpa/Carsten Rehder
dpa/Carsten Rehder
Andreas Koch, Leiter der Sektion Maritime Medizin des Institutes für Experimentelle Medizin der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und Abteilungsleiter am Schifffahrtmedizinischen Institut der Marine. Foto: dpa/Carsten Rehder


Auslöser der Seekrankheit sei die Diskrepanz der Wahrnehmungen. Was Reisende in ihrer Kabine sehen und spüren, passt einfach nicht zu dem Bild, das sich ihnen beim Blick durch das Bullauge zeigt. Manche sind empfindlich für das kaum merkliche "Rollen" großer Kreuzfahrtschiffe. Ihr Körper schüttet Stresshormone wie Histamin aus. Zuviel davon führt zu Übelkeit und Erbrechen.

Was genau Seekrankheit auslöst, ist bei jedem Menschen anders. "Viele reagieren auf See auf das Rauf und Runter des Schiffs", sagt Koch. Generell seien langsame Bewegungen wesentlich problematischer als schnelle Vibrationen – beispielsweise leichte Rollbewegungen eines Kreuzfahrtschiffs. "Eine Welle alle fünf Sekunden, die fährt den Menschen in den Magen. Dafür sind die meisten anfällig."

Seekrankheit betrifft vor allem junge Frauen

Manchmal reiche es bereits, die Augen zu schließen beziehungsweise sich hinzulegen. Hilfreich könne sein, sich in Richtung der Schiffsbewegungen zu positionieren. Linderung könne auch Ingwer verschaffen. "Nach zwei, drei Tagen auf See hat sich der Körper meistens daran gewöhnt."

Seekrankheit auf Kreuzfahrtschiffen kaum ein Problem

Der internationale Kreuzfahrtverband Clia hält die Seekrankheit für "eigentlich kein großes Problem" für die Branche, wie Sprecher Helge Grammerstorf sagt. Alle großen Kreuzfahrtschiffe hätten Stabilisatoren. Diese hielten die Schiffe auch bei Seegang in ruhiger Position. "Bei unseren Kreuzfahrten versuchen wir immer, Seegebiete zu meiden, in denen wir Bewegungen auf dem Schiff erwarten", sagt Kapitän Kjell Holm von Tui Cruises.

Bei diesem Wellengang können auch erfahrene Seefahrer arge Probleme mit der Seekrankheit bekommen. Foto: dpa/Christian Charisius
dpa/Christian Charisius
Bei diesem Wellengang können auch erfahrene Seefahrer arge Probleme mit der Seekrankheit bekommen. Foto: dpa/Christian Charisius


Marineschiffe können Problemzonen nicht immer umfahren. "Es wurde über Situationen berichtet, in denen Schiffe bei wirklich extrem schwerer See bis zu 60 Prozent Ausfälle an Bord hatten", sagt Koch. "Es gab schon Situationen, wo Einsätze unterbrochen werden mussten." Es habe schlicht nicht mehr genügend einsatzfähiges Personal gegeben.

Der schlimmste Ort für Seekranke

"Die Brücke ist der schlimmste Ort auf einem Schiff für anfällige Besatzungsmitglieder", sagt Fregattenkapitän Bastian Fischborn. Er fuhr sieben Jahre auf einem knapp 60 Meter langen Minenjagdboot, die Hälfte der Zeit als Kommandant. Bei seinen Fahrten auch während eines Einsatzes für die UN-Friedensmission Unifil im Mittelmeer habe er oft die „schiere Macht des Wassers" gespürt. Bei Extremwetter sei es vorgekommen, dass „ein Drittel der Besatzung wegen Seekrankheit eingeschränkt war". Einige gewöhnten sich nie an die Gewalten auf einem relativ kleinen Schiff auf hoher See. "Ich habe schon erlebt, dass Seefahrerkarrieren daran gescheitert sind."

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