Schüsse auf Synagoge : Was wir über den Angriff in Halle wissen – und was nicht

Die Anteilnahme nach dem Anschlag auf eine jüdische Synagoge ist in Halle an der Saale groß.
Die Anteilnahme nach dem Anschlag auf eine jüdische Synagoge ist in Halle an der Saale groß.

Zwei Menschen sind in Halle an der Saale durch Schüsse getötet worden. Viele Fragen sind auch Stunden danach noch offen.

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09. Oktober 2019, 21:54 Uhr

Halle/Saale | Beim Angriff auf eine Synagoge und einen Döner-Imbiss hat ein mutmaßlicher Rechtsextremist in Halle/Saale zwei Menschen erschossen. Viele Fragen zu der Gewalttat sind noch ungeklärt.

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Was ist passiert?

Bei einem antisemitischen Angriff sind zwei Menschen in Halle/Saale erschossen worden. Außerdem wurden nach Angaben von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) mehrere Menschen verletzt. Ein rechtsextremistisches Motiv sei sehr wahrscheinlich. Die aktuelle Erkenntnislage erlaube es aber noch nicht, die Tat abschließend einzuordnen.

Ein schwer bewaffneter Täter hatte am Mittag versucht, in die Synagoge in Halle einzudringen. Er scheiterte jedoch. Er legte bei dem Angriff nach Informationen aus Sicherheitskreisen auch selbstgebastelte Sprengsätze vor der Synagoge ab. Es seien mehrere Schüsse gefallen. In dem Gotteshaus feierten zu dem Zeitpunkt Dutzende Menschen den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur.

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Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Halle, Max Privorozki, sagte, über die Kamera der Synagoge sei zu sehen gewesen, wie der Täter mit Stahlhelm und Gewehr versucht habe, die Türen aufzuschießen. Außerdem hätte der Täter versucht, das Tor des benachbarten jüdischen Friedhofs aufzuschießen, sagte Privorozki der "Stuttgarter Zeitung" und den "Stuttgarter Nachrichten".


Die beiden Todesopfer identifiziert

Ein Todesopfer wurde auf einer Straße in der Nähe der Synagoge in der Innenstadt gefunden. Die Frau wurde nach dpa-Informationen vor dem jüdischen Gotteshaus von den tödlichen Schüssen getroffen. Außerdem habe es einen männlichen Toten im oder an einem Döner-Imbiss gegeben. Die beiden Opfer sind mittlerweile identifiziert. Es handelt sich um eine 40 Jahre alte Frau aus Halle sowie einen 20 Jahre alten Mann aus Merseburg. Nach Augenzeugenberichten soll ein Mann in einem Kampfanzug mit einem Gewehr in den Döner-Laden geschossen und einen Besucher getötet haben. Der Imbiss befindet sich rund 600 Meter entfernt von der Synagoge.

Auch im rund 15 Kilometer entfernten Landsberg gab es Polizeiangaben zufolge Schüsse.

Kommentar: Wie traurig, wie dumm – und wie gefährlich

Im Universitätsklinikum Halle werden Angaben eines Sprechers zufolge zwei Verletzte behandelt. Dabei handele es sich um einen Mann und eine Frau. Beide hätten Schussverletzungen, seien aber außer Lebensgefahr.

Die Bundesanwaltschaft hat die Ermittlungen übernommen. Sie ermittelt wegen Mordes von besonderer Bedeutung.

Die Stadt Halle sprach am Nachmittag von einer "Amoklage". Erst am Abend gegen 18.15 Uhr hob die Polizei ihre Warnung vor einer akuten Gefährdungslage für die Bevölkerung auf.


Was über den mutmaßlichen Täter bekannt ist

Bei dem mutmaßlichen Täter soll es sich nach dpa-Informationen um den 27 Jahre alten Stephan B. handeln. Es soll deutscher Staatsangehöriger sein. Der Mann war den Behörden ersten Informationen zufolge bisher nicht als Teil der rechtsextremen Szene in Sachsen-Anhalt aufgefallen. Er soll mit seiner Mutter in einer Wohnung in Benndorf bei Eisleben gelebt haben.

Behörden gehen weiterhin von einem Einzeltäter aus

Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) geht weiterhin von einem Einzeltäter aus. "Ein zweiter Beschuldigter ist uns nicht bekannt, wir gehen davon aus, dass es ein Einzeltäter war, immer im juristischen Sinne", sagte er am Donnerstag auf Nachfrage bei einer Pressekonferenz in Halle.

Sowohl Stahlknecht als auch Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) wiesen darauf hin, dass nun ermittelt werde, ob Stephan B. in ein Umfeld oder Netzwerke eingebunden war. Wenn jemand in dem Umfang Sprengmittel besorgt und Waffen besessen habe, müsse man ausleuchten, mit wem der Mann Kontakt gehabt und wie er sich diese beschafft habe, sagte Seehofer. "Das muss man sauber unterscheiden von der Tatausführung."

Der mutmaßliche Täter sei "Stand jetzt" nicht nachrichtendienstlich oder staatsschutzmäßig in Erscheinung getreten. Es habe auch keine Ermittlungsverfahren gegen ihn gegeben, sagte Stahlknecht.

Der mutmaßliche Täter wurde am frühen Nachmittag festgenommen. Die Polizei hatte zuvor mitgeteilt, mehrere bewaffnete Täter seien mit einem Auto auf der Flucht. Medien hatten Fotos und Videos veröffentlicht, die aber nur einen maskierten Schützen zeigten. Auch Augenzeugen sprachen nur von einem Täter. Der mutmaßliche Täter setzte eine vermutlich im Selbstbau hergestellte Langwaffe, eine Pistole und Sprengsätze ein.

Nach dpa-Informationen deutet alles auf einen Einzeltäter hin. Er wurde am frühen Nachmittag festgenommen. Die Polizei hatte zuvor mitgeteilt, mehrere bewaffnete Täter seien mit einem Auto auf der Flucht. Medien hatten Fotos und Videos veröffentlicht, die aber nur einen maskierten Schützen zeigten. Auch Augenzeugen sprachen nur von einem Täter. Der mutmaßliche Täter setzte eine vermutlich im Selbstbau hergestellte Langwaffe, eine Pistole und Sprengsätze ein.

Mutmaßlicher Täter auf dem Weg nach Karlsruhe

Der mutmaßliche rechtsextremistische Todesschütze von Halle ist auf dem Weg zum Ermittlungsrichter beim Bundesgerichtshof. Er landete mit einem Hubschrauber in Karlsruhe, wie ein dpa-Fotograf am späten Nachmittag beobachtete. Die Bundesanwaltschaft wirft dem dringend Tatverdächtigen zweifachen Mord und versuchten Mord in neun Fällen vor.

Der 27-jährige Stephan B. war am Mittwoch festgenommen worden. Er hatte versucht, die Synagoge in Halle mit Waffengewalt zu stürmen. Nachdem es ihm nicht gelungen war, in das Gotteshaus einzudringen, soll er vor der Synagoge und anschließend in einem nahen Döner-Imbiss zwei Menschen erschossen haben.

Was wir nicht wissen

Der mutmaßliche Täter der Angriffe in Halle/Saale soll in den sozialen Netzwerken ein Bekennervideo hochgeladen haben. Das insgesamt knapp 36 Minuten lange Video liegt dpa vor. Bis zum Abend gab es keine Bestätigung der Behörden dafür, dass es sich bei dem Mann im Video um den Attentäter handelt. Zu sehen ist ein junger Mann mit kahlem Schädel in Kampfmontur.

In dem am Mittwoch verbreiteten Video ist zu sehen, wie offensichtlich in der Innenstadt von Halle geschossen wird. Unter anderem wird gezeigt, wie in einem Döner-Imbiss mehrfach auf einen Mann geschossen wird, der hinter einem Kühlschrank liegt. Die Aufnahmen stammen wohl von einer an einem Helm befestigten Kamera.

Der mutmaßliche Täter wollte nach Experteneinschätzung eine internationale rechte Internet-Subkultur erreichen. Zu diesem Ergebnis kommt der Extremismusforscher Matthias Quent mit Blick auf das Video, das die Tat zeigen soll. "Er spricht Englisch und er greift Verschwörungstheorien auf, zum Beispiel über die angeblich zerstörerische Macht des Judentums. Er äußert sich auch abwertend über Feminismus", sagte Quent. "Das sind Motive der weltweiten radikalen und populistischen Rechten."

Ein mögliches "Manifest" des Angreifers von Halle ist nach Angaben des auf die Überwachung extremistischer Websites spezialisierten US-Analyseunternehmens SITE Intelligence Group im Internet aufgetaucht. Die Ermittlungsbehörden haben das bisher nicht bestätigt. In dem PDF-Dokument würden Fotos von bei der Attacke verwendeten Waffen und Munition gezeigt, schrieb SITE-Chefin Rita Katz am Mittwoch im Kurzbotschaftendienst Twitter. Auch werde auf den Livestream der Tat verwiesen. Als Ziel der Attacke werde in dem Dokument genannt, so viele "Anti-Weiße" wie möglich zu töten, vorzugsweise Juden. Das Dokument sei anscheinend am 1. Oktober angefertigt worden, schrieb Katz weiter.

Die genaue Zahl der Opfer ist nicht bekannt, ebenso wie die Identität der Getöteten und der Verletzten.

Ob die vor der Synagoge getötete Frau und der beim Döner-Imbiss erschossene Mann zufällig zu Opfern wurden oder vom Täter gezielt angegriffen wurden, ist noch unklar.

Zu den Umständen der Flucht und der Festnahme des mutmaßlichen Täters gab es zunächst keine offiziellen Angaben. Offen blieb zunächst auch, wie der Täter zu seinen Waffen kam.

Im etwa 15 Kilometer von Halle entfernten Landsberg (Saalekreis) haben am Mittwochabend Polizisten Häuser durchsucht. In der Nacht zu Donnerstag hat der Großteil der Polizisten den Einsatzort dort verlassen. Ob der Einsatz in dem aus nur wenigen Häusern bestehenden Dorf damit beendet ist, wollten Polizisten vor Ort nicht mitteilen. Kurz nach den Angriffen vom Mittwoch in Halle war das kleine Örtchen abgeriegelt worden. Mehrere Häuser sollen durchsucht worden sein.

Welche Reaktionen gibt es?

Bundesinnenminister Horst Seehofer: "Dieses brutale Verbrechen gestern ist eine Schande für unser ganzes Land. Bei unserer Geschichte darf so etwas in Deutschland eigentlich nicht passieren. "

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) zeigte sich entsetzt über die Tat. "Es wurden durch sie nicht nur Menschen aus unserer Mitte gerissen, sie ist auch ein feiger Anschlag auf das friedliche Zusammenleben in unserem Land." Er kehrte von einer Konferenz in Brüssel vorzeitig zurück.

Regierungssprecher Steffen Seibert sagte in Berlin, die Bundesregierung hoffe, dass der Täter oder die Täter schnell gefasst würden. Die Gedanken gingen "an die Freunde und die Familien der Todesopfer", sagte er.

Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) sagte: "Wir haben es in Halle mit Rechtsterrorismus und Antisemitismus zu tun." Er forderte, alle in Deutschland müssten jetzt zusammenhalten. "Das macht uns stark, Hass und Abgrenzung zurückzuweisen." Die Tat in Halle verletze "das Sicherheitsgefühl von uns allen" – das Gefühl, friedlich eine Synagoge zu besuchen oder einen Döner essen zu gehen.

Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer sagte dem "Tagesspiegel": "Ein solcher Angriff am höchsten jüdischen Feiertag ist ein Alarmzeichen, das niemanden in Deutschland unberührt lassen kann." Die Tat mache sie traurig und wütend.

Der Grünen-Politiker Cem Özdemir twitterte: "Schreckliche Nachrichten aus Halle, heute am jüdischen Versöhnungstag Jom Kippur. Ich bin erschüttert & traurig." Allen Verletzten und Angehörigen wünschte er viel Kraft und dankte den Einsatzkräften.


Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch schrieb auf Twitter: "Am höchsten jüdischen Feiertag ein Anschlag auf jüdisches Leben in Deutschland – ekelhaft! Antisemitismus darf in unserer Gesellschaft keinen Millimeter Platz haben.


Christian Lindner (FDP) schrieb: "Der antisemitische Terror in #Halle und #Landsberg bestürzt mich. Wir sind in Gedanken bei den Opfern. In Wahrheit galt der Angriff uns allen, denn die Friedfertigkeit und Offenheit unserer Gesellschaft wird so zerstört."


Aus dem Ausland kamen ebenfalls bestürzte Reaktionen. Das Europaparlament legte eine Schweigeminute für die Opfer ein. In Gedanken sei man bei Deutschland, der deutschen Polizei und bei der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, sagte Parlamentspräsident David Sassoli. Auch UN-Generalsekretär António Guterres bewertete den Vorfall als "eine weitere tragische Demonstration von Antisemitismus".

Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu nannte die Attacken "am heiligsten Tag für unser Volk" einen "weiteren Ausdruck für Antisemitismus in Europa". Er fügte hinzu: "Ich fordere die Behörden in Deutschland auf, weiterhin entschlossen gegen das Phänomen des Antisemitismus vorzugehen."

Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron hat sich betroffen über den Angriff eines mutmaßlichen Rechtsextremisten in Halle gezeigt. "Die antisemitische Attacke von Halle ist ein Schock", schrieb Macron in der Nacht auf Donnerstag im Kurzbotschaftendienst Twitter. "Wir verurteilen sie scharf."

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