Ein Angebot des medienhaus nord

Hintergrund Fliehen, wenn der Arzt kommt

Von roth | 10.03.2015, 21:15 Uhr

In zwei Jahren sechs Ausbrüche bei begleiteten Ausgängen aus dem Strafvollzug und aus der Forensik

Die Flucht des zwei Meter großen Häftlings aus der Hals-Nasen-Ohren-Klinik Rostock ist kein Einzelfall. Immer wieder konnten Gefangene in MV vor allem bei Arztbesuchen türmen. „2013 und 2014 mussten wir vier Entweichungen bei begleiteten Ausgängen aus dem Strafvollzug und zwei aus der Forensik registrieren“, sagte gestern ein Sprecher des Justizministeriums. In drei der sechs Fälle nutzten die Delinquenten Arztbesuche zur Flucht.

So geschehen im August 2014. Ein wegen Diebstahls verurteilter 25-jähriger Häftling der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bützow war seinen Bewachern entkommen, als er zu einer ärztlichen Untersuchung von der JVA in ein Bützower Krankenhaus überführt werden sollte. Der Mann aus Vorpommern riss sich los und lief. Das Durchschwimmen der Warnow gelang mit Handschellen allerdings nicht. Nach sechs Stunden wurde er festgenommen. Ein Großaufgebot der Polizei mit elf Streifenwagen, einem Hubschrauber und Spürhunden war im Einsatz.

Erfolgreicher war im März 2014 ein verurteilter Betrüger. Bei einem Besuch in der Rostocker Uni-Chirurgie war der Bützower Häftling seinen Begleitern während eines Gangs zur Toilette entwischt. Zwei Wochen später wurde der 48-Jährige im österreichischen Strass (Zillertal) festgenommen. Auf die Frage, warum er ausgerechnet ins Zillertal geflohen sei, soll der Betrüger geantwortet haben, dass er dort ein Hotel kaufen wollte.

Im September 2013 glückte einem 37-jährigen Häftling beim Besuch einer Rostocker Zahnklinik die Flucht. Der wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung in der forensischen Klinik in Rostock untergebrachte Mann war seinen Bewachern mit angelegten Handfesseln davongelaufen. Die Polizei fahndete mit 130 Beamten, acht Hundeführern und einem Hubschrauber nach dem 37-Jährigen. Nach acht Stunden entdeckten sie den Geflüchteten beim Rostocker Hauptbahnhof zwischen Hecken.

Damals habe man in der Forensik Konsequenzen aus der Flucht gezogen, hieß es gestern aus der Anstaltsleitung. „Wir haben die Beteiligten disziplinarisch geahndet. Unsere Anweisungen sind präziser geworden, vor allem, was die Fesselung betrifft“, sagte gestern Harald Ahrendt, Sicherheitschef in der Forensik. Dennoch konnte am Montag erneut ein Häftling der Forensik beim Arztbesuch fliehen.