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Glaubensfrage O Tannenbaum, o Tannenbaum

Von Redaktion svz.de | 23.12.2017, 16:00 Uhr

Ob echte Nadeln, aus Plastik oder sogar aus Federn: Der richtige Baum ist fast schon eine Glaubensfrage

Ein echter Baum ist ein Muss

Ein Baum aus Plastik? Aus Pappe? Oder gar aus Federn? Nicht mit mir. Echt muss er sein, der Christ- oder Weihnachtsbaum. Egal ob Nordmanntanne oder Blaufichte, ob selbst geschlagen oder gekauft – ein echter Baum gehört zum Weihnachtsfest einfach dazu. Jedes Jahr freue ich mich auf ein Neues, über die Feiertage zu den Schwiegereltern zu fahren und den Weihnachtsbaum zu begutachten. Mal sehr buschig, mal etwas kahler, schief, gerade, mal etwas kleiner und dann doch wieder riesengroß, mal leuchtend grün, dann wieder etwas gräulich – jedes Jahr sieht die „Tanne“ anders aus. Und doch ist sie jedes Jahr auf ihre eigene Art und Weise wunderschön. Es ist halt unser Weihnachtsbaum. Ein grünes Stück Plastik aus dem Keller dagegen sieht immer gleich aus – wie langweilig. Außerdem bietet ein echter Baum jedes Mal eine Menge Gesprächsstoff. Bei Feuerzangenbowle , selbstverständlich selbst gemacht, und Punsch lachen sich die einen über den etwas schiefen Wuchs selbst ein wenig krumm, die anderen ärgern sich, dass sie das Malheur beim Kauf nicht selbst bemerkt und einen anderen Baum ausgewählt haben. Eine Mischung aus Besinnlichkeit und Trubel – für meine „angeheiratete“ Familie gehört das irgendwie zum guten Ton. Wie der Tannenbaum dann geschmückt werden soll, welche Spitze am besten zum guten Stück passt und ob Lametta noch zeitgemäß ist, das ist dann am Ende noch einmal ein ganz anderes Thema – dieses „Fass“ machen wir jetzt lieber nicht auf. Im nächsten Jahr kommt übrigens die gesamte Familie erstmals zu uns nach Hause, ins neue Haus. Ein Baum aus Plastik oder die Federvariante wird dann garantiert nicht im Wohnzimmer stehen. Ohne einen echten Weihnachtsbaum wäre Weihnachten nämlich nicht Weihnachten – zumindest für mich. Hagen Bischof

Früher war mehr Lametta

Tatsächlich bin ich immer noch ein bisschen enttäuscht, wenn ich zu Weihnachten das Wohnzimmer meiner Eltern betrete und der Baum ohne den vertrauten Silberglanz der Kindertage erstrahlt. Das Schmücken der Tanne war eine heilige Angelegenheit. Die schweren Aluminiumfäden kamen im Westpaket und wurden einzeln und mit Akribie auf dem Grün verteilt. Irgendwann im Januar wurden sie dann genauso sorgsam wieder eingesammelt und bis zum nächsten Fest auf dem Boden verstaut, wo sie noch immer liegen. Doch auch ohne Lametta hat das Schmücken des Baumes seinen Glanz in der Familientradition über die Generationen nicht verloren. Bis ich es blöd fand, für zwei Tage einen Baum auszureißen und einen federleichten, weißen, püscheligen – zugegeben enorm kitschigen – Federbaum ins Haus holte. Er erfreut nicht alle Familienmitglieder, aber Weihnachten ist Kitsch! Man braucht ihn nur aus dem Keller tragen, unter Strom setzen und schon erstrahlt er in exotischem Licht – fast wie Lametta. Seine kuscheligen Flügel umschlingen himmlisch das übrige Interieur, er hinterlässt keine Herzflecken auf dem Parkett, keine Nadeln im Teppich und nach dem Fest verschwindet er sang- und klanglos in der Versenkung. Sein biologisch abbaubares Gänsekleid hat eine akzeptable Ökobilanz, auch wenn man davon ausgeht, dass ein künstlicher Baum mindestens zehnmal das Licht des Festes erblicken muss, um in etwa die eines natürlichen Weihnachtsbaumes zu erreichen. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Die Enkelkinder schneien zum Fest ins Haus und der Baum im Entenkostüm strahlt auf sie so gar keine Faszination aus. Einmal mehr muss ich mich der Frage nach dem richtigen Weihnachtsbaum stellen. Der Ruf nach mehr metallischem Glanz im Sinne der Familientradition ist unüberhörbar. Obwohl die weihnachtliche Federboa noch ganz gut in Schuss ist, fürchte ich, in diesem Jahr landet ein.  Federvieh lediglich auf dem Tisch. Christine Preuß

Besinnlichkeit auch ohne Requisiten

Natürlich haben wir einen Weihnachtsbaum. Aus Plastik. In mehreren Einzelteilen. Im Keller. In einem Anflug missionarischen Eifers hatte die Familie vor Urzeiten einmal versucht, uns zum Aufstellen dieses grünen Ärgernisses zu bewegen. Dieses Ansinnen schlug fehl, direkten Weges trat das gute Stück seinen Weg ins finstere Exil der Rumpelkammer an. Ob er in diesem Jahr sein Verlies zum Verbreiten weihnachtlicher Pseudostimmung verlassen darf? Eher nicht. Denn wir sind Reisende. Sie ist Berufspendlerin und nur am Wochenende zu Haus, ich arbeite im Schichtsystem. Die Zeit, die dann für ein gemeinsames Dahinschmelzen in Plätzchenduft und Lichterkettenglanz bleibt, ist einfach zu kurz, um die elende Weihnachtskrücke hervorzukramen. Den Heiligabend verbringen wir abwechselnd bei unseren (Schwieger-)Eltern. Wie herrlich ruhig die Straßen am 24. Dezember abends so sind! Nein, unser Fest der Liebe schließt sowohl das Plastebäumchen als auch seine echten Gebrüder aus dem Wald nicht mit ein. Während rund um uns herum im vorweihnachtlichen Dekorierungswahn präparierte Neubaubalkone funkeln, bleibt unsere Wohnung so, wie sie ist. Gemütlich, aber bar jeder feiertagsexklusiven Baumarktprodukte. In erster Linie ist der Advent doch die Zeit für zahllose Online-Kalender mit fragwürdigen Gewinnchancen. Für uns ist Weihnachten eine Zeit der Besinnlichkeit, in der wir uns daran freuen, uns selbst zu haben. Für ein paar Stunden, mit Glück ein paar Tage. Dafür benötigen wir keine Requisiten. Und somit eben auch keinen Weihnachtsbaum in der Wohnung. Also bleibt das Plasteteil zerlegt in Kisten im Keller und darbt ungeliebt und verstoßen vor sich hin. Eike Moldenhauer