Demografie im Wandel : Er ist wieder da: der Begriff Heimat

Warum hat ein Wort, das für viele Leute altbacken klingt, wieder Konjunktur? Jetzt ist sogar der Bundesinnenministerium zuständig

nnn.de von
08. Februar 2018, 21:00 Uhr

Deutschland soll mit der neuen großen Koalition ein neues beziehungsweise ergänztes Ministerium bekommen: Der Bundesinnenminister soll dann auch für „Heimat“ zuständig sein. Manche denken bei dem Wort nur an Heimatfilm, heile Welt, Kitsch – der Spott in sozialen Netzwerken folgte prompt. Andere denken aber vor allem an Positives; an Familie, Freundschaft, Kindheit, an Omas Apfelkuchen oder das Bier in der Stammkneipe.

Laut „Duden“ ist Heimat „ein Land, Landesteil oder Ort“, in dem man geboren und aufgewachsen ist oder sich zu Hause fühlt. Es sei ein gefühlsbetonter „Ausdruck enger Verbundenheit“ gegenüber einer Gegend. Das Wort wirkte lange verpönt – zurzeit erlebt es ein Comeback.

Die zwei bevölkerungsreichsten Bundesländer haben bereits Ministerien mit der Bezeichnung Heimat: in Bayern seit 2014 unter Markus Söder das „Staatsministerium der Finanzen, für Landesentwicklung und Heimat“, in Nordrhein-Westfalen unter Ina Scharrenbach wird das Wort seit 2017 sogar als erstes im Titel geführt: „Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung“.

Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier griff das Trendwort am Tag der Deutschen Einheit auf. „Ich bin überzeugt, wer sich nach Heimat sehnt, ist nicht von gestern“, sagte er. „Im Gegenteil: Je schneller die Welt sich um uns dreht, desto größer wird die Sehnsucht nach Heimat.“ Das dürfe man nicht den Nationalisten und dem rechten Rand überlassen. Heimat sei ein Ort des „Wir“, ein Ort, der verbinde.

Dass Heimat wieder an Bedeutung gewinnt, hängt nach Ansicht der CSU-Politikerin Marlene Mortler –Drogenbeauftragte der Bundesregierung und früher mittelfränkische Bezirksbäuerin – auch mit der hohen Zahl an Zuwanderern zusammen: „Unter anderem führt die weltweite Flüchtlingsproblematik dazu, dass der Begriff Heimat in der letzten Zeit eine Renaissance erlebt“, sagte sie am Dienstag dieser Woche vor rund 300 Landfrauen.

„Wir sehen, was andere aufgeben müssen und haben gleichzeitig Sorge, ein Stück unserer Heimat zu verlieren“, meinte sie beim Landfrauentag in Zirndorf, der das Motto „Heimat“ hatte. Die Menschen seien in Sorge, dass regionale Besonderheiten und kulturelle Vielfalt zugunsten des Kapitalismus verloren gingen.

Kulturwissenschaftler sehen ganz grundsätzlich eine Suche nach Halt angesichts der Globalisierung, aber auch des Wandels der Geschlechterrollen oder des Generationenverhältnisses. Ein Gefühl des Kontrollverlusts führe zu einer Sehnsucht nach Identität. Der Publizist Christian Schüle hat 2017 das Buch „Heimat – Ein Phantomschmerz“ veröffentlicht und lehrt an der Berliner Universität der Künste im Fachbereich Kulturwissenschaft. Seine These: „Über Heimat spricht man dann, wenn sie einem verloren geht. Und ich glaube, dass es in den vergangenen Jahren einige Heimatverluste gegeben hat.“ Die klare Bipolarität von Ost und West sei weg, durch die Computerisierung und die Globalisierung verschwinde ein bisschen die deutsche Sprache durch immer mehr Englisch. „Und in den ländlichen Räumen, egal ob in Baden-Württemberg oder Mecklenburg-Vorpommern, gingen Gasthäuser verloren, Buslinien wurden eingestellt, Clubhäuser, Vereinsräume: Dann entsteht das Gefühl, selber weniger wert zu sein.“

Mit der Aufnahme der Flüchtlinge seien dann gefühlt auf einen Schlag viele Menschen gekommen, die aus Kulturkreisen stammten, die aus Sicht der Kritiker mit dem unsrigen nichts zu tun haben, sagt Schüle.„Und dann fangen die Leute an zu sagen, das sei ungerecht, hier geht mir die Heimat verloren und die Politik tut nichts.“ Das seien oft sozialpolitische Ängste, die weniger mit dem Hass auf andere Menschen als vielmehr mit dem Gefühl des Verlusts des Eigenen zu tun hätten. Er sieht den Begriff Heimat so angesagt, weil Wörter wie Vaterland, Nation und Volk belastet seien aus der Nazi-Zeit. „Um all das zu umgehen, aber trotzdem einen Begriff zu haben, der aufs Gefühl der Geborgenheit und Zugehörigkeit zielt, wird Heimat genommen.“

Der ganze Trend habe auch mit der Fußball-WM 2006 in Deutschland zu tun, zumindest sei ein gewisser Normalisierungsprozess in Sachen Nation damals verstärkt worden, auch wenn es nationalkonservative Sehnsüchte eigentlich immer gegeben habe. Jahrzehntelang seien sie aber nicht politisch repräsentiert worden. Jetzt werde sich darum vielleicht umso mehr gekümmert.

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