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Hommage an die DIN-Norm : Nichts für Querdenker

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Vorschriften machen alles kompliziert? Das Deutsche Institut für Normung beweist seit 100 Jahren das Gegenteil

von
erstellt am 10.Nov.2017 | 12:00 Uhr

Achtung! An alle Querdenker, an alle Individualisten und Nonkonformisten: Dieser Text ist nichts für euch! Denn er ist korrekt ausgelotet, akribisch ins Maß gebracht und zum mit dem Strom schwimmenden Einheitsbrei verarbeitet. Von der Schrift bis zur Pointe hat alles das richtige Format. Denn dies ist eine Hommage an die DIN-Norm.

Sind wir doch mal ehrlich: Wir Deutschen lieben die Akkuratesse. Wenn der Deckel auf den Topf passt. Oder der Stecker in die Dose. Wenn der Automat stoppt, kurz bevor der Kaffee den Rand des Bechers erreicht. Diese Normierungen der spießbürgerlichen Gleichförmigkeit geben uns irgendwie ein befriedigendes Gefühl. Sie sind kein Zufall. Sondern das Werk des Deutschen Instituts für Normung, kurz DIN. Kaum überrascht es, dass die in Berlin ansässige Organisation die größte dieser Art weltweit ist. Heute feiert das DIN seinen 100. Geburtstag.

Wahrscheinlich genormt. Mit 100 Kerzen nach der DIN EN 15426 auf der Torte. Diese Richtlinie beschreibt die „Spezifikation für das Rußverhalten“ von Kerzen. Denn ja, selbst dieser schwarze, schmierige Rückstand ist in Deutschland fest beschrieben. Dabei handelt es sich um nur einen von knapp 34 000 Standards, die das DIN bisher kreiert hat. Jedes Jahr kommen etwa 2000 neue hinzu.

<p>DIN-Normen am Schweriner Marienplatz</p>

DIN-Normen am Schweriner Marienplatz

Foto: Volker Bohlmann
 

Zumindest was das angeht, scheint unsere Gesellschaft also quasi wortwörtlich im Lot: Die Stäbe eines Grillrosts liegen bratwurstfreundlich maximal 20 Millimeter auseinander (DIN EN 1860-1), das Fell von Kuscheltieren muss feuerresistent sein (DIN EN 71-1) und die Abstände der beweglichen Teile einer Schultafel betragen immer weniger als acht beziehungsweise mehr als 25 Millimeter (DIN EN 14434). Fingereinklemmen ausgeschlossen.

Nichts ist vor DIN sicher. Selbst die Wochentage unterliegen einer konkreten Regulierung. Die Norm DIN ISO 8601 besagt, dass eine Kalenderwoche „ein Zeitintervall von sieben Tagen“ ist, „das an einem Montag beginnt.“ Und wem das nicht schon bürokratisch genug ist, wird sich über die DIN EN ISO 20126 freuen. Dabei handelt es sich um den Standard der „Büschelauszugsprüfung“ bei Zahnbürsten. Diese müssen mindestens einer Kraft von 15 Newton widerstehen, damit die Borsten beim hoffentlich täglichen Gebrauch im Bürstenkopf und nicht im Mund bleiben.

Etwa 400 Mitarbeiter und 32  000 externe Experten des DIN sorgen dafür, dass Borsten, Ruß und Co. nicht aus der Norm fallen. Zumindest theoretisch. Denn praktisch ist die Anwendung der Standards grundsätzlich freiwillig. Vorausgesetzt, sie sind nicht Inhalt von Verträgen oder Gesetzen.

Doch in welcher Welt würden wir leben, wenn Gullydeckel in die vorgesehenen Löcher fielen, wenn es unendlich viele Schrauben und noch mehr Muttern und keine passenden Schraubenzieher gäbe, wenn die Kühlschranktür zwei Zentimeter zu kurz wäre oder... wenn der Kaffee im Automaten immer über den Becherrand liefe?

Daher: Ein Hoch auf die Normierung. Auf ihre unermüdliche Ordnung. Auf passende Schuhgrößen, standardisierte Ladekabel und gleichförmige Treppenstufen. Ein Hoch auf die Kompatibilität von Werkzeug und Baumaterialien, von Topf und Deckel und Kaffeebecher und Kaffeeautomat. Ein Hoch auf DIN.

Was war die DIN 1?

An Bedeutung gewannen Normen mit der Industrialisierung, die Standards im Handel und effiziente Produktion in Fabriken erforderte. Zur Jahrhundertwende gab es mitunter 25 Varianten für ein Ventil einer Dampflok. Nach und nach entstanden in Europa Normungsorganisationen. Die erste DIN-Norm war 1918 jene zu Kegelstiften, einem Verbindungselement im Maschinenbau.

Wie entsteht eine Norm?

Jeder kann einen Antrag auf Normung stellen. 30 Prozent der in Europa geltenden Normen entstehen unter deutscher Führung. Mit 32 000 Experten aus Wirtschaft und Forschung, von Verbraucherseite und der öffentlichen Hand hat das DIN Fachleute für jeden Lebensbereich. Sie prüfen, ob eine Norm nötig ist. Komplexe Standards können bis zu drei Jahre dauern und 300 Seiten umfassen. Andere passen auf zehn Seiten. Spätestens alle fünf Jahre werden Normen überprüft.

Wie finanziert sich DIN?

Die Normung ist eine Selbstverwaltungsaufgabe der deutschen Wirtschaft. DIN finanziert sich zum überwiegenden Teil aus dem Verkauf von Normen, anderen Verlagsprodukten und Dienstleistungen. Wer etwa die Anforderungen zur Herstellung einer Elektrozahnbürsten braucht, muss dafür mindestens 55,40 Euro bezahlen. Hinzu kommen u.a. Mittel der Wirtschaft und öffentlichen Hand und Mitgliedsbeiträge. Durch den Kauf der Normen durch Nutzer bleibt die privatwirtschaftliche Organisation erhalten.

 

Quiz

Es gibt einen sogenannten Normschwimmkörper, der bei der Funktionsprüfung von neuen Toilettenspülungen eingesetzt wird. Er wiegt laut DIN EN 997 105 Gramm.

A) Stimmt
B) Stimmt nicht

Es gibt eine Norm, die festlegt, dass Kleidungsstücke von Kleinkindern keine Kordeln und Zugbänder haben dürfen.

A) Stimmt
B) Stimmt nicht

Die DIN EN ISO 15088 „Bestimmung der akuten Toxizität von Abwasser auf Zebrafische“ legt fest, wie das Abwasser mit Hilfe von Fischeiern kontrolliert werden soll.

A) Stimmt
B) Stimmt nicht

Es gibt eine Norm, die den zulässigen Krümmungsgrad einer Gurke bestimmt.

A) Stimmt
B) Stimmt nicht

Die DIN EN 10691-2 legt die Haltung fest, die man beim Nutzen einer Wasserrutsche einnehmen soll.

A) Stimmt
B) Stimmt nicht

Seit 2005 gibt es die DIN-Norm, die bestimmt, wie sich Arbeitnehmer vor der Sonne zu schützen haben. Da ein Dirndl-Dekolleté besonders sonnenbrandgefährdet ist, dürfen auf dem Oktoberfest Kellnerinnen nur noch mit hochgeschlossenen Blusen außerhalb der Zelte arbeiten.

A) Stimmt
B) Stimmt nicht

Lösung

1. A / 2. A / 3. A / 4. B / 5. A / 6. B

 

 

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