Kommentar nach dem Anschlag von Halle : Steigt aus! Wer einen Funken Ehre hat, besinnt sich

Rechte Demonstranten im vergangenen Jahr in Chemnitz. Wer schwenkt nur Fahnen, wer würde auch selbst am liebsten mal schießen, wer macht Extremisten Mut? Jeder hat eine Verantwortung, auch, wer nur mitläuft. Foto: Odd Andersen/AFP
Rechte Demonstranten im vergangenen Jahr in Chemnitz. Wer schwenkt nur Fahnen, wer würde auch selbst am liebsten mal schießen, wer macht Extremisten Mut? Jeder hat eine Verantwortung, auch, wer nur mitläuft. Foto: Odd Andersen/AFP

Nächstes Mal darf nicht nur eine Tür verhindern, dass es zu einem Massaker an Juden in Deutschland kommt. Die ersten Reaktionen auf den Anschlag in Halle genügen jedenfalls nicht, schreibt unser Kommentator und plädiert zugleich für eine ausgestreckte Hand für Aussteiger.

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10. Oktober 2019, 18:27 Uhr

Schwerin | Man möchte sich gar nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn die Synagogentür von Halle nicht standgehalten hätte. Man muss es aber, und zwar im Detail. Nur so lässt sich verinnerlichen, was um ein Haar mitten in Deutschland geschehen wäre. Um es nicht vage zu umschreiben, sondern direkt zu benennen: Es hätte ein Massaker gegeben. Ein Blutbad, angerichtet durch einen deutschen Neonazi, der in dem Gemeindehaus so viele feiernde Juden wie möglich zu töten trachtete, gerne wohl alle.

Der gestörte Täter, Stephan B., war ein Einzelgänger. Aber er ist nicht alleine. Er gehört zu einer Szene, die längst nicht nur einen braunen Sumpf im Osten bildet. Sie ist weltweit vernetzt, durchaus mobil und absolut morbid. Sie treibt sich mit einer Selbstverständlichkeit in digitalen Netzwerken herum, von denen Normalbürger noch nie gehört haben. Sie bildet eine Subkultur, die in manchem Club, in mancher Stadt ganz unverhohlen auch öffentlich auftritt.

Geistige Mittäter

Selbst, falls es keine direkten Mitwisser geben sollte, gab es Mittäter, die an der Radikalisierung teilhatten, die das Weltbild des Täters teilten, die ihm Rückhalt gaben, deren Bewunderung er suchte. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass der Attentäter illegale Kontakte hatte. Er hat sich Waffen besorgt, er hatte kiloweise Sprengstoff. So etwas geht nicht alleine, so etwas bleibt nicht verborgen, blieb es jedenfalls in der Vergangenheit nicht.

Diese Szene gilt es zu zerschlagen, auch und gerade in den Grauzonen des Internets. Wichtig bleibt eine ausgestreckte Hand. Gerade jetzt könnte es Menschen geben, denen bewusst wird, in welcher stumpfen, dummen, widerwärtigen Gesellschaft sie sich befinden, wenn sie grölen und johlen und protzen und Halt und Anschluss suchen bei rechten Extremisten. Wann, wenn nicht jetzt, gibt es Anlass, sich zu besinnen. Wer einen Funken Ehre hat, steigt aus.

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