"Wir wollen Fakten sehen" : Tausende Bauern legen Hamburg lahm: Protest gegen Umweltauflagen

Trecker auf dem Weg in die Hamburger Innenstadt.
Trecker auf dem Weg in die Hamburger Innenstadt.

Wieder gehen Tausende Bauern auf die Straße. Sie fühlen sich nicht gehört von der Politik. Ob sich das ändert?

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14. November 2019, 16:39 Uhr

Etwas am Rand vom Gänsemarkt steht Familie Hesping. Vom kleinen Lünne im Emsland haben sie sich ins große Hamburg aufgemacht. In Ihrem Fall mit dem Zug. Zahlreiche Berufskollegen kamen samt Trecker und legten so den Verkehr in und um Hamburg zeitweise lahm.

Foto: dpa/Christian Charisius
Christian Charisius
Foto: dpa/Christian Charisius


Die Titelmelodie des Western-Klassikers „Spiel mir das Lied vom Tod“ schallt aus den Boxen am Gänsemarkt. Der passende Soundtrack für die Veranstaltung, denn in Deutschlands Landwirtschaft herrscht in weiten Teilen Endzeitstimmung. Es gibt eigentlich keinen Zweig in der insgesamt weit verzweigten Branche, in dem die Bauern nicht vor erheblichen Problemen stehen.

Bei Markus und Theresia Hesping ist es die Sauenhaltung. 450 Muttertiere stehen im Stall in Lünne. 2012 hat Markus Hesping den Betrieb übernommen – „damals noch hochmotiviert“, wie er sagt. Ein Ahnenforscher soll herausgefunden haben, dass die Familie seit mehreren Hundert Jahren schon hier Landwirtschaft betreibt. Wird Markus Hesping dieses Kapitel Familiengeschichte schließen?

Ein Gericht hat entschieden, dass Sauen mehr Platz zusteht. Fast alle Ställe müssen deswegen umgebaut werden. Auch der der Hespings. Wie? Nach langem Zögern hat die Politik jetzt neue Vorgaben auf den Weg gebracht. Viel zu schwach, sagen die Tierschützer. Unmöglich umzusetzen, sagen die Bauern.

„Ich will auch noch Landwirt werden!!!“ steht auf dem Schild, dass die Hespings über dem Kinderwagen drapiert haben. Drinnen schlummern Antonia (3) und Jakob (1) – wohl nichtsahnend, welche Zukunftssorgen die Eltern plagen.

Foto: Dirk Fisser
Foto: Dirk Fisser


Auf der Bühne schildern andere Landwirte ihre Probleme. Die Schafshalter berichten davon, dass man ihre Existenznot angesichts der Wölfe nicht ernst nehme. Die Ackerbauern beklagen, dass sie das neue Insektenschutzprogramm der Bundesregierung nicht umsetzen könnten. Und so weiter.

Alle gemeinsam fordern sie, dass die Politik auf sie hört, „statt ideologischem Wahnsinn nachzueifern“, wie es auf einem Banner steht.

Foto: Dirk Fisser
Foto: Dirk Fisser


Adressat der Botschaft? Die Umweltminister der Bundesländer, die wenige Meter entfernt im Marriott-Hotel tagen. Angekündigt war auch die Teilnahme von Bundesministerin Svenja Schulze (SPD). Für viele Bauern ist sie zur Symbolfigur der vermeintlich verfehlten Agrarpolitik geworden.

Als bekannt wird, dass Schulze abgesagt hat, wird es laut. Sie ducke sich weg, heißt es. Die Ministerin ist für viele Landwirte zum Blitzableiter für all die Probleme geworden, die die Branche plagen.

Bauern wollen Fakten sehen

Ihre Resolution mit dem Titel „Kooperation statt Verbote - Dialog statt Konfrontation“ überreichen die Bauern trotzdem – in dem Fall an die Landesumweltminister. Die bedanken sich und tagen weiter. Reicht den Bauern das? „Wir wollen Fakten sehen“, sagt einer auf der Bühne. Aber was heißt das?

Viele sind enttäuscht, dass sich nach der ersten Großdemo in Bonn vor einigen Wochen so wenig getan hat. Das Insektenschutzprogramm der Bundesregierung gibt es immer noch. Auch die strengeren Düngeauflagen zum Schutz des Grundwassers sind nicht wieder einkassiert worden.

Foto: Philipp Schulze/dpa
Philipp Schulze
Foto: Philipp Schulze/dpa


Markus Hesping sagt: „Wir machen so lange weiter, bis Frau Schulze mit uns redet." In Bonn war er dabei, jetzt in Hamburg. Und den nächsten Termin dürfte er sich auch schon im Kalender notiert haben: Für den 26. November haben Landwirte bereits die nächste Großdemonstration angekündigt. Dieses Mal in der Bundeshauptstadt. Man erwarte, dass sich Svenja Schulze hier dem Protest der Bauern stelle, hieß es.

Foto: imago/Joko
Foto: imago/Joko


Wieder wollen die Landwirte mit Tausenden Treckern anrollen. In Hamburg zeigten dafür viele Stadtbewohner Verständnis. „Wenn es Bauern nicht mehr gibt, gibt es nichts zu essen. Das müssen wir uns bewusst machen und dafür muss man auch mal einen Stau in Kauf nehmen“, so ein Rentnerpaar.


Aber nicht alle teilten die Forderungen der Landwirte. David Grünhaldt, Geschäftsmann mit Büro am Gänsemarkt meinte: "Wenn Sie mich fragen, glaube ich, dass die Landwirtschaft schon genug subventioniert wird und in ihrer jetzigen Form künstlich am Leben erhalten wird." Er verwies auf den Bergbau, ein Wirtschaftszweig der in den vergangenen Jahrzehnte niedergegangen ist in Deutschland. Genau vor solch einer Entwicklung graut auch den Landwirten.

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