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Bundesparteitag Petry: „AfD jetzt in Höckes Hand“

Von Tobias Schmidt | 03.12.2017, 21:00 Uhr

Ex-Parteichefin lästert über chaotische Neuwahl der Führungsriege. Gauland spricht von „gefährlicher Situation für die Partei“

Hinter Frauke Petrys Kritik an ihrer Ex-Partei steckt keine wohlwollende Absicht. Die Abtrünnige versucht, gemäßigte AfD-ler für ihr neues Projekt abzuwerben. Ihre Analyse ist aber durchaus zutreffend: Die „Alternative für Deutschland“ ist auf ihrem ersten Bundesparteitag nach dem Einzug in den Bundestag nach rechts gerückt, der ultranationale Höcke-„Flügel“ hat sich eiskalt durchgesetzt, Absprachen gebrochen und die Partei vor die Zerreißprobe gestellt. Doch der Reihe nach.

Nationalisten und Liberalkonservative hatten abgemacht, Höcke-Sympathisant und Wirtschaftsprofessor Jörg Meuthen werde als Parteisprecher bestätigt und der Ex-Bundeswehroffizier Georg Pazderski vom liberalen Flügel dafür zum Co-Chef gewählt. Die Strömungen sollten austariert werden. So berichten es viele in Hannover hinter vorgehaltener Hand. Doch als Pazderskis Wahl am Samstagabend ansteht, taucht mit Doris von Sayn-Wittgenstein plötzlich eine bis dahin weitgehend unbekannte Gegenkandidatin auf, „neben der Höcke liberal wirkt“, wie es einer ihrer Gegner aus Schleswig-Holstein formuliert. Und nachdem Pazderski in einer blassen Rede dafür warb, die Partei nach Rechtsaußen abzugrenzen und auf Regierungskurs zu trimmen, begeisterte die 63-jährige von Sayn-Wittgenstein, erst seit 2016 in der Partei, mit strammem Nationalismus, EU-Kritik und Abgrenzung zur Mitte statt zum rechten Flügel. „Ich möchte nicht, dass wir in der sogenannten Gesellschaft ankommen“, geht sie auf Konfrontation zu Pazderskis Entdämonisierungskurs. „Doris! Doris!“- Rufe branden plötzlich durch die Eilenriedehalle im Kongresszentrum. In zwei Wahlgängen erreichen beide jeweils knapp 50 Prozent, erst liegt Sayn-Wittgenstein vorn, dann Pazderski, für keinen reicht es.

Das Pazderski-Lager ist erschüttert und schockiert, seine Galionsfigur gedemütigt. „Das war, wenn nicht ein lebensgefährlicher, so doch ein gefährlicher Moment für die Partei“, erklärt „Übervater“ Alexander Gauland am späten Abend vor der Presse. Müde wirkt der 76-Jährige, als er vor den Kameras steht, versichert, er habe den Posten nicht angestrebt, sich „in die Pflicht nehmen lassen“ und gibt den Parteisoldaten. Doch Gauland selbst hatte vor dem Parteitag gegen Pazderski Stimmung gemacht, dem Höcke-Lager die Treue gehalten.

Der entzauberte Hoffnungsträger der Realos, wurde am Sonntag immerhin als Parteivize gewählt, ebenso wie Beatrix von Storch, die ihren Auftritt nutzte, um Kanzlerin Angela Merkel (CDU) als „größte Rechtsbrecherin der deutschen Nachkriegsgeschichte“ zu diffamieren. Scharfe Kritik an Islam und Flüchtlingspolitik bestimmten die Reden am Sonntag. Bei der Wahl weiterer Vorstandsposten fielen mehrere Kandidaten von Rechtsaußen allerdings durch, darunter der enge Höcke-Verbündete André Poggenburg. Alice Weidel, die mit Gauland die Bundestagsfraktion führt und sich hinter Pazderskis Kurs gestellt hatte, wurde als Beisitzerin des Vorstands bestätigt.

Kommentar des Autors: Gäriger Haufen
Der Fünf-Minuten-Auftritt einer Novizin, der Jubel für ihre Forderung, die anderen Parteien müssten um eine Regierungsbeteiligung der AfD „betteln“, der Beifall für ihren Satz, sie wolle nicht, dass die AfD in der „sognannten Gesellschaft“ ankomme, reichen aus, um dem Realo-Lager den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die größte Begeisterung gibt es für Protest und Nationalismus statt für Kompromissbereitschaft und das Streben nach Regierungsverantwortung. Die AfD bleibt ein „gäriger Haufen“. Ob es Meuthen und Gauland gelingen wird, den Gärprozess zu kontrollieren, ein Umkippen des Gebräus zu verhindern, ist völlig offen. Ob sie es überhaupt wollen, ebenso.