Dokumentation : Menschenraub im Auftrag der Stasi

„Auftrag: Menschenraub“: Die Historiker Jens Gieseke und Susanne Muhle bei der Buchvorstellung in Berlin
„Auftrag: Menschenraub“: Die Historiker Jens Gieseke und Susanne Muhle bei der Buchvorstellung in Berlin

Dokumentation zeigt wenig beleuchtetes DDR-Kapitel / „Verräter“ mit perfiden Tricks aus Westen entführt

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26. März 2015, 11:55 Uhr

Dieser Tag vor 60 Jahren hat sich bei Karl Wilhelm Fricke eingebrannt. Er habe am 1. April 1955 ganz arglos mit einem Bekannten in dessen Wohnung in West-Berlin geplaudert und einen Cognac getrunken. Zu sich sei er erst Stunden später wieder gekommen – im Ost-Berliner Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen, berichtet der heute 85-Jährige im Besucherzentrum der Mauer-Gedenkstätte in der Hauptstadt. Im Glas von Fricke war ein Betäubungsmittel, die Bekanntschaft ein Stasi-Mann. „Das war ein Schock für mich.“

Das Schicksal von Fricke ist Teil der Dokumentation „Auftrag: Menschenraub“, die am Dienstagabend von der Stiftung Berliner Mauer, der Bundesstiftung Aufarbeitung sowie der Stasi-Unterlagen-Behörde als erste umfassende Untersuchung zu diesem Thema präsentiert wurde.

Etwa 400 Menschen, zumeist frühere DDR-Bürger, seien aus dem Westen mit perfiden Tricks entführt worden, hat Autorin Susanne Muhle akribisch recherchiert. Das Stasi-Ministerium habe gerade in den 50er-Jahren Inoffizielle Mitarbeiter mit geheimen Aufträgen nach West-Berlin und in die Bundesrepublik geschickt, um „Verräter“ oder „Abtrünnige“ zurückzuholen und zu bestrafen. Die Stasi habe für die Geheimoperationen auch Kriminelle angeheuert. Nach dem Mauerbau 1961 ging die Zahl der Entführungen stark zurück.

„Das war eine Machtdemonstration“, sagt die Historikerin zu den Stasi-Methoden in den Hochzeiten des Kalten Krieges. Die Entführten landeten in DDR-Gefängnissen, meist völlig isoliert. Potenzielle Nachahmer sollten abgeschreckt werden, im Westen habe die Stasi zudem Verunsicherung schüren wollen. Der aus dem heutigen Sachsen-Anhalt stammende Fricke hat erfahren: Angst sollte verbreitet werden. Und immer wieder hätten Offiziere in Verhören „illegale Nachrichtenverbindungen“ und vermeintliche Hintermänner herausbekommen wollen. 1949 in den Westen geflohen, war der junge Journalist den DDR-Oberen durch kritische Beiträge aufgefallen. Nach monatelanger U-Haft wurde er zu vier Jahren Zuchthaus wegen „Boykott- und Kriegshetze“ verurteilt. 1959 kam er frei. Muhle befasst sich in ihrer Studie auch mit den Tätern. „Es ist davon auszugehen, dass die MfS-Spitze grünes Licht für die Entführungen gab“, sagt die 35-Jährige. Eine extra Abteilung dafür habe es aber nicht gegeben. Was die SED-Spitze genau wusste – dazu fehlten Unterlagen. Historiker Jens Gieseke vom Zentrum für Zeithistorische Forschung meint: „Die Entscheidungen wurden immer von Walter Ulbricht getroffen.“ Nach dem Mauerfall kamen laut der Autorin 20 Anklagen gegen 29 Verdächtige zustande. Nicht einer der früheren Stasi-Leute sei zu Haft verurteilt worden, 16 Bewährungsstrafen seien verhängt worden. Entweder waren die Fälle verjährt, Entführer gestorben oder die Rechtslage unklar.

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