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Kolloratur-Sopranistin Diana Damrau Die singende Missionarin

Von Christoph Forsthoff | 03.06.2017, 16:00 Uhr

Die Kolloratur-Sopranistin Diana Damrau verbindet eine Weltkarriere mit Familienglück.

Starallüren und Divengehabe? Nein, solch ein Auftreten liegt Diana Damrau völlig fern. Mag die Koloratursopranistin auch weltweit als eine der Besten ihres Fachs gefeiert werden, im Interview faszinieren vor allem ihre Natürlichkeit und ihr offenes, herzliches Lachen. Und zu lachen gibt es viel, wenn die zweifache Mutter etwa von ihren Söhnen Alexander und Colyn erzählt oder ihrer Leidenschaft für Michael Jackson. Vor ihrem Konzert in Hamburg haben wir die bodenständige Bayerin getroffen, die ihre Karriere einst als Musical-Sängerin begann.

Auf Ihrer aktuellen Tournee treten Sie gemeinsam mit Ihrem Mann, dem Bassbariton Nicolas Testé, auf – wer gibt da den Ton an?
Wir sind ein Chor – unsere beiden Kinder, ihre Lehrerin, die Großeltern, mein Mann und ich (lacht). Diesmal kommen Oma und Opa als Hilfe dazu, denn gerade im zweiten Teil unserer Tournee sind wir fast jeden Tag woanders, und da sausen unsere Söhne dann lieber im Garten unseres Ferienhaus in Frankreich herum und die Großeltern und die Lehrerin passen auf sie auf.

Psychologen raten Paaren in der Regel davon ab, Privates und Berufliches zu vermischen – Sie scheint das nicht weiter zu beeindrucken…
Wir sind ein Spezialfall, denn wir sind ja keine sesshaften und normal arbeitenden Menschen (lacht). Wir haben uns entschieden, Familie zu haben und die Kinder nicht bei den Großeltern zu parken oder in ein Internat zu schicken, sondern wir wollen wirklich eine Familie sein. Und unser Beruf gibt uns die Möglichkeit, dass wir sie mitnehmen – ein Riesenaufwand, aber das ist es uns wert.

Dabei müsste Ihr älterer Sohn doch in die Schule gehen?
Ja, er ist jetzt eigentlich schon in der zweiten Klasse, aber wir machen Homeschooling. Das ist ein französisches Programm und bedeutet, dass wir eine Lehrerin haben, die mit uns lebt wie eine Nanny und dann am Tag die beiden unterrichtet – nur eben nicht so extrem wie in der Schule, denn sie sind ja lediglich zu zweit und da reichen dann drei Stunden Unterricht am Tag….

Und wie erleben Ihre Söhne die Mutter: Als gefeierte Primadonna im Rampenlicht?
Irgendwann hat ihnen die Nanny mal gesagt, dass ich eine tolle Sängerin sei, doch für sie singt die Mama einfach. Jüngst in New York an der Met bei Bizets „Perlenfischern“ haben sie das erste Mal durchblickt, dass es eine ganze Geschichte ist, die dort auf der Bühne erzählt wird. Wir trugen da indische Kostüme, und das fanden sie ganz toll, vor allem die Henna-Tattoos, die wir bekommen haben – da wollten sie dann auch welche. Aber im Moment fasziniert sie besonders Michael Jackson…

Mehr Informationen:

Info

Diana Damrau live: Hamburg: 7. Juni Elbphilharmonie, 20 Uhr, Restkarten evtl. 90 Minuten vor Konzertbeginn an der AbendkasseCD: Diana Damrau – Meyerbeer Grand Opera (Erato).

…Michael Jackson?
Ja, der Moonwalk! Mein Mann und ich, wir lieben die 80er und Michael Jackson, das ist eine Ikone wie Elvis und die Beatles, das war einfach ein irrsinniger Künstler und seine Musik ist toll. Und dann seine körperliche Ausdrucksfähigkeit, das fasziniert alle von klein bis groß – und darauf sind auch unsere Söhne voll abgefahren.

Wobei Michael Jackson in den klassischen Medien ja nicht mehr wirklich präsent ist…
…aber es gibt ja Youtube – und dort können sie nicht genug von ihm bekommen (lacht). Und dann versuchen sie selbst den Moonwalk, und zwar nicht nur zuhause, sondern überall wo wir sind: Guck mal, Mama, ich kann Moonwalk.

Zum Einschlafen hingegen dürfte Michael Jacksons Musik nicht so wirklich passend sein – singen Sie Ihren Kindern stattdessen ein klassisches Gute-Nacht-Lied vor?
Nein, zur Schlafenszeit halte ich mich zuhause und in Hotels mit dem Singen zurück. Ansonsten singen wir aber natürlich gemeinsam: „Hänsel und Gretel“ kennen sie in- und auswendig, desgleichen Brahms’ „Guten Abend, gute Nacht“ und die ganzen Volkslieder, die mir schon meine Großmutter und meine Mutter beigebracht haben und die ich nun auch für sie singe. Allerdings nicht mit Opernstimme: Sonst schläft nämlich keiner – nessun dorma… (lacht).

Aktuell steht auf der Tournee bei Ihnen nun nicht Verdi im Fokus, sondern Meyerbeer – nicht gerade ein Komponist, dem man tagtäglich im Konzert- und Opernleben begegnet.
Als Koloratursopran – also hoher Sopran mit viel Beweglichkeit in der Stimme und auch im Körper – stolpert man indes schon im Studium über Meyerbeers „Dinorah“. Und ich dachte mir damals: Hübsch, das musst du irgendwann einmal singen. Dann wurde ich eingeladen die „Gli amori di Telolinda“ zu singen…

…eine dramatische Kantate Meyerbeers…
… und ich war völlig überrascht, denn diese allzu weltliche Kantate ist eigentlich wie ein Konzert für Sopran und Klarinette! Schon diese Idee fand ich damals äußerst spannend und ungewöhnlich und habe mich dann mit Meyerbeer weiter beschäftigt und entdeckt: Der hat ja auch noch deutsche Opern geschrieben, war eigentlich ein deutscher Jude und Schüler von Salieri – und wo der damals überall herumgekommen ist! Der war ein Superstar seiner Zeit!

So wie Sie heute – nicht nur Ihre Fans bejubeln Sie, auch die Kritik schwärmt häufig in den höchsten Tönen: Wie groß ist da die Gefahr abzuheben?
Ich glaube, die ist bei mir nicht gegeben. Klar freue ich mich, wenn alles gut geklappt hat, doch auch wenn eine Kritik super war, weiß ich sehr wohl, dass es noch dieses oder jenes gab, was ich beim nächsten Mal anders machen werde. Wobei es natürlich schön ist, Anerkennung zu bekommen und zu spüren: Das hat jetzt gepackt. Doch zu kritisieren gibt es immer irgendetwas – nobody is perfect.

Zweifellos – sorgt hier auch der Glaube für eine gewisse Erdung? Als Kind waren Sie ja regelmäßig in der Kirche, haben also jeden Sonntag erfahren, dass es da noch etwas Größeres gibt.
Der Glaube spielt schon eine Rolle – ich würde mich da als frei praktizierende Christin mit buddhistischem Einschlag bezeichnen. Im Moment ist zwar überhaupt keine Zeit, in die Kirche zu gehen, aber ich liebe es, Kirchenmusik zu singen. Meine Kirche ist die Natur – und mein Glaube ist die Musik (lacht). Und meine Mission ist, diese wunderbare Musik an die Menschen weiterzugeben und sie weiterleben zu lassen. Und das genieße ich auch

Schwester Diana, die singende Missionarin…
(lacht): Es macht einfach unglaublich viel Freude, die Liebe und die Gefühle weiterzugeben! Aber andererseits eben auch mal den Menschen einen Spiegel vorzuhalten und nicht nur eine rosarote Brille aufzusetzen, sondern sie mal zu schocken: Ich muss nicht immer die schöne Prinzessin spielen – im Fasching wollte ich früher stets die böse Stiefmutter oder die Königin der Nacht sein (lacht).

Tragen Sie selbst auch solch eine dunkle Seite in sich?
Ich denke, die hat jeder – oder doch zumindest ein Verständnis dafür (lacht). Und wenn ich zu meinen Jungs mal sage „Zurück!“, dann erstarren auch sie: Hilfe, Mama mutiert. (lacht) Es macht einfach Spaß, diese Charaktere zu spielen – umso mehr, als die meisten Koloratursopran-Partien eher die sexy, süßen, netten, armen Mädchen sind, die zwar kämpfen, aber doch immer das Mädchen bleiben.

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