Ein Angebot des medienhaus nord

Streitbar TV-Zuschauer werden für dumm verkauft

Von Redaktion svz.de | 25.11.2017, 16:00 Uhr

Wo nur Gewinne zählen, bleibt die gesellschaftliche Verantwortung auf der Strecke, analysiert Stephan Richter.

Medienschelte ist nichts Neues. Ungewöhnlich ist die umgekehrte Variante. Nicht Fernsehzuschauer schimpft übers Programm, sondern Medienmanager lästert über seine Kunden. So geschehen durch den scheidenden Vorstandschef von ProSiebenSat1, Thomas Ebeling.

Vor Börsenanalysten, die den schwächelnden Münchner Medienkonzern auf dem Kieker haben, äußerte er sich abfällig über jene, die das Programm seiner Sender schauen. „Ein bisschen fettleibig und ein bisschen arm“ seien die Zuschauer und säßen gern auf der Couch, um sich unterhalten zu lassen. Ebeling wollte sich mit dieser Argumentation als Konzernchef aus der Schusslinie nehmen, geriet dadurch aber erst recht in sie hinein und muss nun im Februar 2018 vorzeitig gehen. Da half auch kein Zurückrudern. Seine Äußerung sei eine „plakative Zuspitzung zur Illustration unterschiedlicher Mediennutzungsweisen“ gewesen, verteidigte er sich.

Seine Aussage verrät indes weniger über das Verhalten von Fernsehzuschauern als etwas über den wachsenden Hochmut von Managern großer Firmen, deren Millioneneinkommen sich von der allgemeinen Einkommensentwicklung abgekoppelt hat und die oft in einer Parallelwelt leben. Mittelständische Unternehmen, an deren Spitze noch die Eigner stehen, sind vor einer solchen Abkoppelung besser gefeit als Dax-Konzerne.

Die Entfremdung zwischen Unternehmensführungen und Kunden, aber auch zwischen den Vorstandsetagen eines Konzerns und den Mitarbeitern wächst, weil Bindungen verlorengegangen sind. So verlieren Beschäftigte – siehe aktuell der angekündigte Personalabbau bei Siemens trotz Milliardengewinnen – das Vertrauen in ihre Geschäftsführungen. Man spricht nicht mehr dieselbe Sprache. Auch die Kunden merken das. Wenn sie die Service-Hotline einer Firma erreichen wollen und endlos hingehalten werden, wird den Letzten klar, dass sie nur zum Geschäftemachen gut sind

Da werden Medienhäuser wie Firmen geführt, die Joghurtbecher oder Blumentöpfe herstellen.

In der Medienbranche fällt eine solche Entzweiung zwischen „oben“ und „unten“ besonders auf, weil mit der unternehmerischen Tätigkeit auf diesem Gebiet eine besondere gesellschaftliche Verantwortung verbunden sein sollte. Gerade die regionalen Zeitungsverlage wurden so zu „Institutionen“ in der Region: bodenständig, verwurzelt, nah am Leser. So etwas verpflichtet. Doch spätestens bei den großen Medienkonzernen, die wie ProSiebenSat1 als Aktiengesellschaften agieren, stehen immer seltener Persönlichkeiten an der Spitze, die mehr als nur den Gewinn des Unternehmens im Blick haben. Da werden Medienhäuser, deren Angebote für den gesellschaftlichen Diskurs und vor allem auch für die Demokratie grundlegende Bedeutung haben, wie Firmen geführt, die Joghurtbecher oder Blumentöpfe herstellen.

Die rechtlichen Privilegien, die der Gesetzgeber Unternehmern bei publizistischer Betätigung zugesteht, nimmt man zwar gerne mit, aber ansonsten kommt Gewinn vor Inhalten. Symptomatisch für den nun scheidenden ProSiebenSat1-Chef: Als er vor neun Jahren sein Amt antrat, startete er ein Kostensenkungsprogramm und verkaufte den Nachrichtenkanal N24. Logisch. Wer seine Zuschauer für dick und arm hält, braucht sie nicht mit Informationen zu versorgen. Außerdem wollte Ebeling auch bei den verbleibenden Fernsehsendern die Nachrichtenprogramme billiger machen. Wie? „Einfach mehr Standbilder senden“, empfahl er. So verkauft man sein Publikum für dumm.

Spätestens im fernen Silicon Valley mit seinen Internet-Jüngern kommt gesellschaftliche und publizistische Verantwortung ganz zum Schluss. Quote, Klickzahlen und – vor allem – Milliardengewinne zählen. Die Oligarchen des digitalen Zeitalters wie Facebook treiben es auf die Spitze: Ob in ihren Netzen Hasskommentare und kriminelle Inhalte verbreitet oder gar – wie in den USA vermutet – Wahlen manipuliert werden, interessiert weniger als Schlupflöcher, um Steuern zu sparen. Erst kommt das Geld, dann die Moral. Die Globalisierung hat die Gewinne der Konzerne steigen lassen. Die gesellschaftliche und soziale Verantwortung in der Wirtschaft ist durch sie nicht gewachsen.

Die Programm-Macher unterschätzen ihre Kunden, halten die Zuschauer für blöd.

Die Äußerung Thomas Ebelings zeigt schließlich, wohin die Reise in der modernen Medienwelt geht. Im Internet ziehen sich viele Nutzer in ihre Filterblasen zurück, schauen nicht mehr nach links oder rechts, sondern surfen nur noch auf den Seiten, die ihre Meinung bestätigen. Auch im Fernsehen spaltet sich die Gesellschaft je nach sozialer Herkunft und Bildung. So bietet das Medienzeitalter zwar allen Menschen mehr Zugang zu Information und Unterhaltung auf jedem Niveau. Aber der Horizont wird dadurch bei den einzelnen Mediennutzern nicht zwangsläufig breiter. Im Gegenteil. Die moderne Klassen-Gesellschaft trennt nicht nur nach Einkommen oder sozialer Herkunft, sondern nach Art und Form des Medienkonsums.

Können sich die Verantwortlichen in den Medienkonzernen mit dem Hinweis aus der Verantwortung ziehen, sie lieferten nur, was der „Markt“ verlangt? Wenn dies so einfach wäre, hätten die besagten Fernsehsender und Onlineportale ihre besondere gesellschaftliche Funktion in einer Demokratie verspielt. Deshalb muss die Aufgabe gesellschaftlicher Verantwortung jene Medien auf den Plan rufen, die täglich mit sorgfältigem Journalismus und guter Unterhaltung versuchen, in doppelter Hinsicht erfolgreich zu sein. Niveau und wirtschaftlicher Erfolg schließen sich keineswegs aus.

Aber genau hier liegt das Problem des ProSiebenSat1-Chefs und vieler anderer Programm-Macher vor allem in den elektronischen Medien. Sie unterschätzen ihre Kunden, halten die Zuschauer für blöd. Dadurch wird eine inhaltliche Abwärtsspirale in Gang gesetzt, die sich in immer mehr zweifelhaften Programmangeboten widerspiegelt. Beschämend ist dies vor allem für jene Verleger, die in den 1980ern mit dem Beginn des privaten Radios und Fernsehens eine neue Ära der Vielfalt und journalistischen Qualität versprochen hatten. Stattdessen hat sich Verflachung breitgemacht, von der Angebote der öffentlich-rechtlichen Senderanstalten nicht mehr ausgenommen sind. Und auch bei den Printmedien werden große Verlegerpersönlichkeiten, die Haltung zeigen, weniger.

Stephan Richter setzt sich streitbar mit gesellschaftlichen Themen auseinander. Ihre Meinung zur Meinung an: chefredaktion@medienhausnord.de