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Zuhause oder im Büro Ist es ok, vergammelte Lebensmittel zurück in den Kühlschrank zu stellen?

Von Marie Busse | 16.09.2021, 16:23 Uhr

Vergammelte Lebensmittel im Kühlschrank zu finden, ist nicht nur ärgerlich, sondern auch ekelhaft. Aber warum stelle ich verdorbene Dinge überhaupt zurück?

Vielleicht kommt Ihnen diese Situation bekannt vor: Sie freuen sich am Morgen auf den ersten Kaffee. Sie riechen den Duft der frisch gemahlenen Bohne und holen nur noch schnell die Milch aus dem Kühlschrank und kippen einen Schluck in die Tasse. Dann der Ekel: Säuerlicher Geruch aus der Milchtüte steigt in die Nase und in der Tasse bilden sich weiße Flocken. Die vergammelte Milch also schnell wieder zudrehen und zurück in den Kühlschrank. Dann gibt es den Kaffee heute eben ohne Milch.

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Ich bin mir ziemlich sicher, dass es nicht ok ist, den Ekel-Job der Milchentsorgung zu ignorieren und anderen zu überlassen. Regelmäßig frage ich mich, warum ich es trotzdem tue. Denn es ist per Definition einfach dumm:

„"Dummheit, die mangelnde Fähigkeit, aus Wahrnehmungen die richtigen Schlüsse zu ziehen." “
Meyers Konversationslexikon

Die Menschheit versucht, die Dummheit zu bekämpfen

In einer Gesellschaft, in der die Vernunft das Maß aller Dinge sein soll und wir an den Verstand glauben, treffe ich also völlig unvernünftige Entscheidungen. Verstehen Sie mich nicht falsch, das mache ich sonst selten. Ich halte mich für vernünftig: Ich trenne meinen Müll, mache meine Steuererklärung und lese sogar Wahlprogramme, bevor ich meine Stimme abgebe.

Unsere Gesellschaft tut außerdem einiges dafür, Dummheit zu bekämpfen. Die Menschen sollen schließlich die richtigen Schlüsse aus ihren Wahrnehmungen ziehen. Dazu gibt es die allgemeine Schulpflicht und Fördermaßnahmen für Minderbegabte. In der Arbeitswelt ist von "lifelong learning" die Rede.

Trotzdem ist meine Dummheit nicht besiegt. Wenn ich nach einem schnellen Blick nach links und rechts die vergammelte Milch zurück in den Kühlschrank stelle, taucht sie ganz plötzlich wieder auf.

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KOLUMNE "IST ES OK, DASS..."

In unserer Kolumne "Ist es ok, dass..." analysieren unsere Autoren ganz alltägliche Situationen. Ist es zum Beispiel in Ordnung, die Freunde des Freundes nicht zu mögen oder ungeliebte Geschenke weiter zu verschenken? Regelmäßig gehen wir diesen und weiteren Gewissensfragen auf den Grund.Alle Beiträge finden Sie unter www.svz.de/xl

Warum haben wir ein Problem mit Dummheit?

Das scheint Menschen in meinem Umfeld zu verwirren. Sie haben offenbar ein – völlig nachvollziehbares – Problem mit dummen Verhalten. Daher suchen sie nach Gründen. Will ich auf passiv-aggressive Art sagen, dass irgendjemand endlich mal frische Milch kaufen sollte? Oder dass der Kühlschrank wirklich einer Grundreinigung bedarf?

Die deprimierende Antwort lautet schlicht: Nein. Mein Verhalten hat keinen tiefer liegenden Grund und ist darum menschlich. Wer von sich behauptet, in allen Dingen klug zu handeln, ist bereits als Dummer entlarvt, wusste bereits der niederländische Humanist Erasmus von Rotterdam. Das einzige, was der Mensch erreichen könne, sei ein gewisser Grad an Selbsteinsicht.

Vielleicht habe ich diesen Grad allein schon durch das Schreiben dieses Textes erreicht. Und vielleicht sind dumme Schrullen einfach in Ordnung. Auf jeden Fall tröstet es mich, dass mich meine eigene Dummheit am Kühlschrank einholt – es gibt wirklich schlimmere Orte und Situationen.

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