Wenn der Partner einem schadet : „Zum Scheitern verurteilt“: Toxische Beziehungen erkennen und beenden

Toxische Beziehungen zehren an den Betroffenen. Häufig ohne, dass sie wissen, woran sie sind.
Toxische Beziehungen zehren an den Betroffenen. Häufig ohne, dass sie wissen, woran sie sind.

Vergiftete Liebe, die gar keine ist, hält Menschen in toxischen Beziehungen fest. Obwohl beide Partner darunter leiden, ist es schwer, sich zu trennen. Doch es führt kein Weg daran vorbei.

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01. Juli 2021, 14:00 Uhr

Hamburg | Nähe, Wertschätzung, Rückhalt – diese Dinge suchen Menschen in einer Liebesbeziehung. Doch fühlt sich die Partnerschaft nach einem anfänglichen Höhenflug auf Wolke sieben plötzlich immer destruktiver an, entwickelt sie sich eventuell in eine toxische Beziehung. Toxische Beziehungen sind von Streit, Abwertung und psychischer und/oder physischer Gewalt geprägt. Betroffene sollten sich trotz aller Widrigkeiten daraus befreien.

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"Verbal besoffen geschmust"

Gisa Steeg arbeitet als Resilienztrainerin für Frauen, die in toxischen Beziehungen gefangen sind. Und auch sie selbst ist gleich zwei mal einer solch vergifteten Liebe verfallen. "Es beginnt immer mit dem sogenannten Lovebombing", erzählt sie unserer Redaktion. Schon beim ersten Date werden Betroffene wie Gisa Steeg mit Liebesbekundungen bombardiert: 'Du bist meine Traumfrau, wir sind seelenverwandt, das Rote Kleid steht dir so toll' – solche Schmeicheleien seien es, mit denen man "verbal besoffen geschmust wird". Doch das sei nur der Köder, der ausgeworfen wird.

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Gisa Steeg
Zur Person: Gisa Steeg

Gisa Steeg ist ausgebildete Handelsfachwirtin, Business-Coach, und unter anderem zur Selbstbewusstseinstrainerin, zum Hypnose-Coach und als systemische Beraterin ausgebildet.
Frauen in co-abhängigen Beziehungspositionen unterstützt sie als Steh-auf-Coach und Resilienztrainerin, das heißt, sie stärkt die psychische Widerstandskraft und die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen.
Inzwischen hat sie mehr als 25 Jahre Erfahrung als Coach und Unternehmerin. Als Buchautorin hat sie acht Bücher, unter anderem über toxische Beziehungen und andere Lebenskrisen, veröffentlicht. Als Co-Autorin wirkte Steeg an sieben Büchern mit, leitet Seminare und Kongresse.

Zwar gebe es keine wissenschaftliche Definition toxischen Verhaltens, und doch erkenne man die Muster von außen recht deutlich. Ein Partner bombardiert den anderen zunächst mit überbordender Hingabe, in der sich der andere suhlen kann. Diplompsychologe Christian Hemschemeier meint: "Gerade, wenn jemand ein angeknackstes Selbstbewusstsein hat – und wer hat das nicht – fühlt es sich unglaublich gut an, endlich so richtig gewollt zu werden." Doch die vermeintliche Liebe eines toxischen Partners sei eine Illusion:

In aller Regel läuft es wie nach dem Uhrwerk: Nach drei Monaten gibt es den ersten großen Knall. Christian Hemschemeier, Diplompsychologe aus Hamburg

Von Wolke sieben auf eine Höllenfahrt

"Kaum ist die Katze im Sack, kommen die ersten Spitzfindigkeiten", erzählt Steeg aus ihrer Erfahrung heraus. "Am Anfang war es toll, dass ich viel unterwegs und eine selbstständige Frau war." Doch für dieselben Dinge, die ihrem Expartner zunächst so gefallen hatten, wurde sie plötzlich angegriffen: 'Ach, gehst du schon wieder weg? Mit wem bist du da? Sind da auch andere Männer? Immer musst du Rot tragen und dich in den Mittelpunkt stellen!' Gisa Steeg habe es mit krankhafter Eifer- und Kontrollsucht zu tun gehabt. "Ich war immer in der Beweispflicht, nicht fremdzugehen", erzählt sie.

Die Beziehung lebt von Extremen: Nach dem Höhenflug kommt die Talfahrt - und immer so weiter.
imago images/Chris Emil Janßen
Die Beziehung lebt von Extremen: Nach dem Höhenflug kommt die Talfahrt - und immer so weiter.

"Gaslighting, Lügen, Schuldzuweisungen und Abwertung", zählt Hemschemeier die vielen Waffen des toxischen Beziehungspartners auf. Hemschemeier vergleicht den Verlauf der Beziehung mit einer Achterbahnfahrt. "Es gibt große Ausschläge, die nach oben hin immer weniger werden und nach unten hin immer mehr. Man weiß auch gar nicht mehr, warum man überhaupt in der Beziehung bleibt, kann sich aber nicht trennen, weil man eine Art Abhängigkeit entwickelt", erklärt er.

Zur Sache: Was ist Gaslighting?

In der Psychologie bezeichnet Gaslighting eine Form von psychischer Gewalt, mit der Opfer gezielt desorientiert, manipuliert und zutiefst verunsichert werden. Betroffenen wird eingeredet, dass das, was sie denken, sagen, fühlen oder tun, falsch und nicht real ist. Dadurch schwinden das Realitäts- und Selbstbewusstsein.
Der Begriff stammt aus dem Jahr 1938 vom Titel des Theaterstücks „Gas Light“ des englischen Dramatikers Patrick Hamilton. Hier wurde diese Art von psychischer Gewalt zum ersten Mal genauer beschrieben.
Beispiele für Gaslighting:
  • Behaupten, das Opfer hätte etwas gesagt oder getan, woran es sich selbst jedoch nicht erinnern kann
  • Bestreiten, dass ein bestimmtes Ereignis stattgefunden hat
  • Manipulieren von Dingen im Umfeld des Opfers; die Wohnungstür oder das Auto bewusst nicht abschließen und dem Opfer vorwerfen, es sei desorganisiert
  • Das Opfer für alles mögliche beschuldigen: Streit in der Beziehung, scheiternde Freundschaften, Probleme am Arbeitsplatz, jemandes Tod u.v.m.
  • Dem Opfer unangemessenes Verhalten oder Bekleidung vorwerfen

Gisa Steeg sagt, sie habe sich "total hinten an gestellt, mein Business ist den Bach runtergegangen. Wie ein Tsunami hat mein Expartner mich und mein Leben in einem Jahr platt gemacht, bis ich nicht mehr konnte. Selbst als ich aus der Beziehung rausgekrochen bin, kam er immer noch hinterher und hat mich gestalkt." Hemschemeier betont, dass es häufig "bis zu 15 Anläufe braucht, um da wieder raus zu kommen".

Ein trügerisches Tauschgeschäft

Nicht immer seien die Rollen eindeutig verteilt, doch in der Regel gebe es einen Partner, der kontrolliert und einen, der kontrolliert wird. Hemschemeier beschreibt die Positionen als Minus- und Pluspol. Der Minuspol habe meist narzisstische Tendenzen oder verspüre große Bindungsängste. Einerseits lasse er seinen Partner emotional nicht an sich heran und andererseits nutze er ihn aus, um sein eigenes Ego aufzuwerten.

In toxischen Beziehungen ist ein Part oft selbstsüchtig - der andere liebessüchtig.
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In toxischen Beziehungen ist ein Part oft selbstsüchtig - der andere liebessüchtig.

Der Pluspol wiederum sei von Verlustängsten und einem exzessiven Bedürfnis nach Liebe geprägt. Er gerate schnell in eine Co-Abhängigkeit, in der er versuche, seinen geringen Selbstwert durch die Zuwendung und Anerkennung des Partners zu steigern. Selbst wenn dieser ihn schlecht behandle. "Eine solche Beziehung beruht auf einem unbewussten Tauschgeschäft", schreibt Hemschemeier auch auf seiner Website. "Es gibt eine magnetische Anziehung, die für echte Liebe gehalten wird. Der Schmerz wird unter Leidenschaft verbucht".

Das treibt Menschen in vergiftete Beziehungen

Von echter Liebe könne in einer toxischen Beziehung jedoch nicht die Rede sein. "Das hat ganz viel mit der eigenen Psyche zu tun", weiß Steeg. "Die eigenen Prägungen aus der Kindheit – abgelehnt oder nicht geliebt worden zu sein – solche Dinge machen einen anfällig für solche Beziehungen im Erwachsenenalter".

Steeg selbst sei mit zwölf Geschwistern aufgewachsen, "meine Eltern waren geschieden und mein Vater war der stadtbekannte Alkoholiker. Ich musste oft still sein, durfte nicht auffallen, um mich der Gewalt von meinen Geschwistern zu entziehen". Auch sexueller Missbrauch sei ihr angetan worden, offenbart sie. "Da war keiner, der mir geholfen hat".

Wer als Kind Vernachlässigung oder emotionalen Missbrauch erfahren hat, trägt oft noch im Erwachsenenalter seelische Schäden davon. Und ist besonders anfällig, sich in toxische Beziehungen zu verfangen.
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Wer als Kind Vernachlässigung oder emotionalen Missbrauch erfahren hat, trägt oft noch im Erwachsenenalter seelische Schäden davon. Und ist besonders anfällig, sich in toxische Beziehungen zu verfangen.

Hemschemeier ergänzt, dass uns auch einschneidende Lebensereignisse im Erwachsenenalter in die Falle der toxischen Beziehung tappen lassen. "Wenn ich beispielsweise einen Todesfall im näheren Umfeld erlebt habe, meinen Job oder viel Geld verloren habe und mein Energielevel ganz unten ist" – ausgerechnet dann gerate man in der Rolle als Co-Abhängiger in toxische Beziehungen hinein.

Es gibt kein Gegengift

Das einzige, was man als Betroffener tun könne, sei es, "sich selber bewusst zu werden, wie man sich dem Anderen zur Verfügung stellt. Den anderen kann man niemals ändern, sondern immer nur sich selbst", sagt Steeg. Hemschemeier ist der Meinung:

Toxische Beziehungen sind zum Scheitern verurteilt. Meiner Ansicht nach sind sie nicht zu retten. Christian Hemschemeier, Diplompsychologe aus Hamburg

Diese Beziehungen seien wie Drogen – "und wenn ich alkoholsüchtig bin, werde ich auch nicht gesund, wenn ich weitertrinke", vergleicht Hemschemeier. Selbst wenn beide eine Therapie machen würden und gewillt seien, sich zu ändern, führe das aus Hemschemeiers Sicht zwangsläufig dazu, "dass man die Anziehung zueinander verliert. Dann gibt es keinen Grund mehr, in der Beziehung zu bleiben, die nur durch diese völlig verrückte Dynamik aufrecht erhalten wird."

Für eine Trennung braucht es viel Willenskraft

Nach einem Jahr schaffte Gisa Steeg es, sich von ihrem Expartner zu trennen. Es habe sie mehr Stärke gekostet, als sie glaubte, zu besitzen. "Ich war echt fix und fertig von diesen Demütigungen und Entwertungen", erzählt sie. Doch Steeg ist sicher:

Wer noch einen Funken Selbstachtung hat, der schafft es irgendwann zu gehen. Gisa Steeg, Steh-auf-Coach und Buchautorin

Vier Gebote für eine erfolgreiche Trennung

Für eine erfolgreiche Trennung gibt Christian Hemschemeier Betroffenen die folgenden vier Gebote an die Hand:

  1. Null Kontakt: Sämtliche Verbindungen müssen gekappt werden, "alles andere ist Augenwischerei". Auch wenn es schwerfalle: "Ich darf auch nicht mehr das Facebook-Profil stalken oder überlegen, wen die Person als nächstes datet. Ich muss diese Person als für mich gestorben betrachten".
  2. Abbau der eigenen Co-Abhängigkeit: Hemschemeier empfiehlt, eine Art Bestandsaufnahme des eigenen Lebens zu machen: "Wo zahle ich überall drauf, wo mache ich viel für andere Menschen, ohne etwas zurück zu kriegen?" Man müsse sich selbst wieder priorisieren und die Abhängigkeit von seinem Partner bewusst ablehnen, um sich abgrenzen zu können.
  3. Die eigenen Themen bearbeiten: "Was ist in meinem Leben vor der Beziehung passiert? Was sind da noch für Verletzungen aus der Vergangenheit, die mich im Erwachsenenleben noch tangieren?", weist Hemschemeier an, sich selbst zu fragen. "Wenn ich das Gefühl habe, mein Leben noch gut im Griff zu haben, kann ich viel in Eigenregie machen", ansonsten solle man nicht vor einer Psychotherapie zurückschrecken, um diese Dinge aufzuarbeiten.
  4. Zeit für Selbstliebe: Sich direkt in die nächste Beziehung zu stürzen, sei keine gute Idee. Stattdessen könne man eine bewusste "Datingpause einlegen, sich eigene Hobbies suchen, an seiner Eigenständigkeit arbeiten". Denn das Problem sei, dass Co-Abhängige etwa 80 Prozent ihrer Bestätigung im Außen suchen und sich nur 20 Prozent selbst geben können. Das Ziel sei zunächst ein 60-40-Verhältnis, "dann ist man erstmal aus dieser Todeszone raus".
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Christian Hemschemeier
Zur Person: Christian Hemschemeier

Christian Hemschemeier ist Diplompsychologe aus Hamburg und leitet eine therapeutische Privat-Praxis, in der er schwerpunktmäßig mit Paaren und Gruppen arbeitet. Seine therapeutische Arbeit hat er heute um verschiedene digitale Angebote ergänzt. Er schreibt eigene Kolumnen, produziert Youtube-Videos, veranstaltet Workshops und Coachingprogramme.

Damit man gar nicht erst in eine toxische Beziehung hineingerät, rät Gisa Steeg, schon beim ersten Kennenlernen das Bauchgefühl abzuhorchen: "Das springt an und sagt 'da stimmt was nicht'. Wenn etwas zu schön ist, um wahr zu sein", dann sei es das meist auch.

Sollten Sie von psychischer und/oder physischer Gewalt betroffen sein, finden Sie hier Hilfe:
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