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Träger des Deutschen Umweltpreises Forscher Hans Joosten: Darum brauchen wir die Moore für den Klimaschutz

Von Laura Nowak | 09.10.2021, 03:00 Uhr

Das Moor ist sein Fachgebiet: Professor Hans Joosten wird am Sonntag für sein jahrzehntelanges Engagement mit dem Deutschen Umweltpreis ausgezeichnet. Er spricht darüber, warum Moore Klimaretter sind und ihr Potenzial trotzdem nicht genutzt wird.

Herr Joosten, warum sind Moore wichtig für den Klimaschutz?

Moore enthalten in ihrem Torf doppelt so viel Kohlenstoff wie die Biomasse aller Wälder dieser Welt. Dabei wachsen Wälder auf 30 Prozent der Landfläche, Moore machen nur drei Prozent aus. Das zeigt, dass die Moore über die Jahrtausende sehr viel CO2 aus der Luft geholt und als Klimakühler funktioniert haben. So lange sie nicht entwässert sind, halten sie diese Funktion.

Was passiert denn, wenn Moore entwässert werden?

Ich vergleiche Moore gern mit einem Topf Spreewaldgurken. Organisches Material wird konserviert, denn unter Wasser wird der Sauerstoff ausgeschlossen. Aber wenn man eine Gurke herausholt und auf einen Teller legt, verrottet sie. Das passiert auch mit Mooren: Wenn man das Wasser ablässt, hört diese Konservierung auf. Es tritt Luft in den Boden ein und das organische Material zehrt weg und wird in CO2 umgesetzt.

Wie ist die Lage in Deutschland?

In Deutschland sind 95 Prozent der Moore entwässert. Sie sind für fast sieben Prozent der Treibhausgasemissionen hier verantwortlich, in Mecklenburg-Vorpommern sogar für 30 Prozent. Wenn wir das Pariser Klimaabkommen schaffen und die Klimaerwärmung auf 1,5 Grad beschränken wollen, müssen wir die Moore wiedervernässen und das Problem so schnell wie möglich angehen.

Was macht die Politik dagegen?

Die neue Nationale Moorschutzstrategie des Bundesumweltministeriums gibt vor, dass der CO2-Ausstoß von Mooren bis 2030 um zehn Prozent reduziert werden muss. Das nationale Klimaschutzziel Deutschlands spricht von einer Reduktion bis 2030 von mindestens 65 Prozent für alle Sektoren zusammen. Warum gilt etwas entsprechendes nicht für die Moore? Umso länger man Planung und Maßnahmen herauszögert, desto größer wird das Problem und desto schwieriger wird es für die Landwirte, sich anzupassen.

Warum müssen die sich denn anpassen?

Der Großteil der entwässerten Moore wird landwirtschaftlich genutzt, in Deutschland sind es 88 Prozent. Wenn man sie wiedervernässen will, kann man die gegenwärtige Nutzung nicht weiterführen. Man kann keine Kartoffeln unter Wasser anbauen. Man hat die Wahl: Will man diese 1,8 Millionen Hektar in Deutschland zu neuer, nasser Wildnis machen oder will man Verfahren entwickeln, mit denen man unter nassen Bedingungen Pflanzen anbauen kann? Das Letzte nennen wir Paludikultur.

Mehr Informationen:

Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Joosten wurde am 15. März 1955 in Liessel in den Niederlanden geboren. Nach seinem Biologiestudium und verschiedenen beruflichen Stationen in den Niederlanden kam er 1996 an die Universität Greifswald. Bis zu seiner Emeritierung Anfang 2021 war Joosten dort Professor für Moorkunde und Paläoökologie. Er prägte den Begriff "Paludikultur". Auch als Experte der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen UNFCCC und als Co-Autor im Weltklimarat IPCC habe Joosten entscheidend zum Moorschutz beigetragen, so die Deutsche Bundesstiftung Umwelt.

Wie funktioniert Paludikultur?

Paludikultur ist einfach ausgedrückt die Nutzung von wiedervernässten Mooren, sodass das Moor nicht weiter sackt und die Treibhausgasemissionen minimiert werden. Man muss auf die Suche gehen nach Sumpfpflanzen, die unter diesen Bedingungen wachsen können und auch einen ökonomischen Wert haben. Glücklicherweise haben wir schon welche von alters her. Schilf beispielsweise wird in Norddeutschland genutzt, um Dächer zu decken und lässt sich einfach nach der Wiedervernässung anbauen. Das ist ökonomisch interessant, weil über 80 Prozent des verwendeten Schilfs in Deutschland aus Länder wie Rumänien, der Türkei und China importiert wird – obwohl wir es selbst anbauen könnten.

Warum wird Paludikultur noch nicht großflächig genutzt?

Erstens kann es keiner. Man lernt als Landwirt zwar Mais aber nicht Schilf anzubauen. Zweitens sind die Gesetze und Fördermaßnahmen nicht für eine vollständig andere Landwirtschaft geeignet. Beispielsweise bekommt jeder Bauer Direktzahlungen von der EU in Höhe von 300 Euro pro Hektar pro Jahr, etwa für Maisanbau auf einem entwässerten Moor. Wenn der Landwirt sich entscheidet, seine Fläche wieder zu vernässen und darauf Schilf oder Rohrkolben anbaut, verlor er sofort seinen Anspruch darauf. Denn Schilf wurde nicht als landwirtschaftliches Gewächs anerkannt. Langsam ändern sich diese Regeln, aber es ist alles noch viel zu kompliziert. Ein weiterer Grund ist, dass es für viele Produkte noch keine vollständige Produktionslinien gibt: Der Landwirt hat noch keine Abnehmer und der Abnehmer hat noch keine produzierende Landwirte.

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Es stehen aber auch Häuser auf entwässerten Mooren.

Das muss man differenziert betrachten. Ein zu wenig anerkanntes Problem ist, dass entwässerte Moore immer weiter absacken. In den Niederlanden hat man so einen jährlichen Schaden von drei Milliarden Euro an gerissenen Gebäuden, versackten Straßen und geplatzten Abwassersystemen. Da wird der Wasserstand im Moor angehoben, gerade um dies zu verhindern. Bauwerke im Moor können die notwendige Wiedervernässung aber auch erschweren. Da kann man teils technische Maßnahmen zur Trockenhaltung nehmen. Aber manche, völlig falsch platzierte Häuser werden wir auch aufgeben müssen, wie wir das bei den Überflutungen in Nordrhein-Westfalen sehen: Da werden Häuser nicht wiederaufgebaut, weil sie an der falschen Stelle standen.

Sie haben gesagt, wenn man das Ziel des Pariser Klimaabkommens erreichen will, müssen alle Moore in Deutschland wiedervernässt werden. Für wie wahrscheinlich halten Sie das?

Für sehr wahrscheinlich. Die landwirtschaftliche Nutzung von Moorböden in Deutschland verursacht nach Angabe des Bundesumweltministeriums schon jetzt einen Klimaschaden von mehr als zehn Milliarden Euro pro Jahr und kriegt dabei über 400 Millionen Euro Subventionen. Das ist doch krank. Wenn man für die Emissionsreduktion durch Wiedervernässung von Mooren ähnliche Summen zu Verfügung stellen würde wie für den Kohleausstieg, hätte man ein Budget von 35 bis 40 Milliarden Euro. Um einen jährlichen Schaden von zehn Milliarden vorzubeugen, wäre eine solche Investition billig. Und ich denke, dass man diesen hohen Betrag gar nicht braucht, weil man mit der Paludikultur ökonomische Modelle entwickeln kann, die gewinnbringender sind als die meiste gängige Landwirtschaft auf entwässertem Moor.

Man kann die Lösung der Probleme aber nicht den einzelnen Bewohnern oder Bauern in die Schuhe schieben. Das ist als ob man einem Braunkohl-Baggerfahrer fragen würde den Kohleausstieg zu organisieren. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe einen Masterplan zu machen, um vernünftig mit den Mooren umzugehen, und das umzusetzen. Aber man muss sich beeilen, denn die Zeit läuft uns davon.