Bützow : Post aus Mexiko

In einem separaten Zimmer des Kaiserhofes (heute Bützower Hof) tagten vor dem Ersten Weltkrieg regelmäßig die Brüder des Stammtisches Zur ewigen Lampe.  Repro: Fritz Hossmann (2)
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In einem separaten Zimmer des Kaiserhofes (heute Bützower Hof) tagten vor dem Ersten Weltkrieg regelmäßig die Brüder des Stammtisches Zur ewigen Lampe. Repro: Fritz Hossmann (2)

Geschichten aus dem Schuhkarten – Teil 199: Die Auswanderer-Agenten.

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13. Juli 2019, 05:00 Uhr

Eine Postkarte aus Mexiko machte in der Adventszeit 1907 am Stammtisch im Kaiserhof die Runde. Köstlich amüsierten sich in der separaten Kaiserstube, die Gastwirt Paul Utesch im Kaiserhof für Honoratioren der Stadt eingerichtet hatte, die Stammtischbrüder um Schlossermeister Ludwig Krügel über einen Reim ihres Freundes Dr. Dietrich Lohmann.

Unter einer von ihm skizzierten Standuhr, dessen Zeiger des Zifferblattes auf 3.30 Uhr stand, einer hängenden Gaslampe und einem Bierhumpen hatte er seine Grüße gesendet: „Schön ist’s wenn man durch Palmen wandelt, doch wo es um den Durst sich handelt, ich von der ewigen Lampe träume, die schöner ist als Palmenbäume. So lang die ewige Lampe glüht, man dort froh die Becher schwingt, der Wirt das Bier halt selber trinkt, so lang Herr Krügel Witze macht, so lang bleibt mein geliebt‘ Bützow doch schöner noch als Mexico.“

Datiert war die Karte vom 21. Oktober 1907, fast acht Wochen war sie von Mexico-Stadt über Loredo in Neu Mexico und New York bis an den Stammtisch zur Ewigen Lampe in Bützow unterwegs gewesen. Immer wenn Dietrich Lohmann in Bützow weilte, so auch vor seiner Abreise nach Mexico, hatte ihn sein Vater mit zum Stammtisch genommen, an dem bis in die frühen Morgenstunden unter dem Bild von Kaiser Wilhelm Zwo feuchtfröhlich gezecht wurde. Sein Vater Theodor, gebürtiger Lehrersohn aus Oettelin und langjähriger Gutsadministrator in Deinewitz bei Wittenburg, hatte sich als Rentier in Bützow zur Ruhe gesetzt.

Als Kaufmann Julius Horwitz im Januar 1908 das Journal über die bei ihm gebuchten Schiffsreisen von Auswanderern aus Bützow und Umgebung bei der Stadtverwaltung ablieferte, schauten Stadtsekretär Moldt und Stadtkassenberechner Krüger argwöhnisch auf die Liste.

Ihnen fehlte die Eintragung über Dr. Lohmann. Längst hatte sich in der Kleinstadt rumgesprochen, dass der Sohn von Theodor Lohmann nach Übersee ausgewandert sei. Moldt witterte bei dem jüdischen Kaufmann erhebliche Gesetzesverstöße und drohte mit Konzessionsverlust, Krüger vermutete Steuerhinterziehung. Julius Horwitz war sich keiner Schuld bewusst. Als ordentlicher Kaufmann hatte er sorgfältig über alle bei ihm gebuchten Schiffsreisen Journal geführt und die Provision ausgewiesen. Für Auswanderer hatte er eine zweite Liste mit den persönlichen Daten für die Stadtverwaltung angelegt. Lohmann habe nicht bei ihm gebucht! Es kostete erhebliche Zeit, bis Horwitz sich durch ein Schreiben der HAPAG in Hamburg entlasten konnte. Der ledige Chemiker Dr. Dietrich Lohmann aus Hannover habe bei der Hamburg-Amerikanischen-Packetfahrt-Actiengesellschaft (HAPAG) die Schiffsreise direkt gebucht und sei mit der „Kronprinzessin Cecilie“ am 25. Mai 1907 von Hamburg über Southampton, Le Havre, Coruna und Kuba nach Vera Cruz abgereist. Das Schiff sei kein Auswandererschiff und Lohmann kein Auswanderer.

Nun bekam Julius Horwitz Oberwasser. Welche gesetzlichen Bestimmungen seien gemeint? Etwa das Regierungs-Blatt Nr. 15 für das Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin vom 10. Juni 1852, das vergilbt in seiner Schublade lag? Sein Vater, der Schutzjude Carl Horwitz, der seit 1884 neben seiner Manufakturwarenhandlung in der Gödenstraße 12 eine Agentur für die Reederei und Schiffsmaklerei Knorr&Holtermann in Hamburg betrieb, hatte bis zur Reichsgründung 1871 streng danach gearbeitet.

Von David Leopold, ebenfalls Schutzjude und Manufakturwarenhändler, der von 1881 bis 1895 Am Gänsemarkt (zuletzt Textilwaren Kolz) die Reederei August Bolten aus Hamburg vertrat, hatte er nach dessen Ableben den Kontrakt übernommen.

Vorgänger von Leopold und Horwitz war seit 1852 der Kaufmann Friedrich Krüger in Bützow zur Durchsetzung des von Großherzog Friedrich Franz erlassenen Gesetzes.

Tausende Mecklenburger hatten bereits ihre Heimat nach Amerika, Südafrika und Australien legal mit großherzoglicher Zustimmung (Entlassung aus der mecklenburgischen Staatsbürgerschaft) oder illegal bei Nacht und Nebel verlassen.

Allzu oft waren sie von Werbern, die durchs Land zogen, übers Ohr gehauen worden. So manches Mal lag für die bezahlte Schiffspassage gar kein Segler am Kai in Hamburg oder Bremen. Nach dem erlassenen Gesetz war es nur noch den in den Städten ansässigen Personen mit Konzession gestattet, „eine Agentur für auswärtige Unternehmer zur Beförderung von Auswanderern über See nach fremden Weltteilen zu übernehmen und darauf bezügliche Geschäfte zu vermitteln und abzuschließen.“ Im Grunde waren zwei Konzessionen notwendig. Die Vorlage eines Agenturvertrages mit einem Reeder und die Zulassung durch den Magistrat. „Die Obrigkeiten dürfen die Concession nur solchen Personen ertheilen, welche zum selbstständigen Geschäftsbetrieb berechtigt, sich eines unbescholtenen Rufes erfreuen und über deren Vermögen weder Concurs besteht, noch concursmäßige Einleitungen getroffen sind“, so das Gesetz. Der Bewerber hatte als Kaution die enorme Summe von 500 Talern „in baare Deposition oder sicheren Papieren zu bestellen.“ Bereits im ersten Jahr 1852 schloss Kaufmann Krüger Verträge für 353 Personen nach Übersee ab.

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