Bützow : Wlassow-Soldaten im Elend

Gedanken über ein dunkles Kapitel Bützower Geschichte, Teil 2.

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16. März 2019, 05:00 Uhr

Auf diesem Weg sind im Juni/Juli 1945 Tausende Wlassow-Soldaten und auch Kosaken nach Bützow gekommen. Inge Leonhardt geborene Schmitt, Musikpädagogin und Mitinitiatorin der Chiemsee Musik-Festspiele, Tochter des Bützower Pastors Otto Schmitt, erzählte mir 2014 während eines Treffens ehemaliger politischer DDR-Häftlinge in Bützow, wie sie als elfjährige Schülerin mit ihrer Klasse auf der großen Wiese am Vierburgweg beim Kräutersammeln für den Bützower Apotheker Sperling war.

Sie erzählte mir: „Im Frühsommer 1945 war das. Da habe ich die Männer gesehen. Ein Elendszug, der sich quer über die Wiese bis zum Ziegelhof erstreckte. Wo sie lang gingen, blieb eine Spur wie von einer Walze gezogen im Gras- und Blumenmeer. Es war unheimlich still. Die Vögel verstummten. Wir scharten uns völlig verängstigt um unseren Lehrer. Ich werde die Worte nicht vergessen, wie er sagte: ,Das sind die Wlassow-Soldaten. Die gehen einen schweren Weg.’“

Nach dem Gespräch mit Inge Leonhardt saß ich noch eine Weile mit dem alten Bützower Kaufmann Peter Hollien (†) zusammen. Ich erzählte ihm, dass mir bis heute Bewohner der Siedlung am Ziegelhofweg auf russische Schriftzüge aufmerksam machen, die da in ihre Hauswände eingeritzt sind. Ich sagte, dass in den rund 50 Siedlungshäusern etwa 800 bis 1000 Mann interniert gewesen sein könnten. „Nee Jung`, datt wiern wiet mihr as Dusend Mann“, sagte Peter Hollien. Gibt es denn keine Dokumente oder Fotos aus dieser Zeit?, bohrte ich weiter. „Wo denkst du hen Jung`. De dor wahnt hemm mößten all rut. Dor keem doch keen een nich ran. Allens wür mit Stacheldraht un Waktürms ümfat. Bet hüt föllt de Lüüd dat swor doröwer tau räden. Tau DDR-Tieden wier höchste Gefohr ansecht för den Fall.“

Ich wurde still und musste an meinen Freund Rosenberg denken. Immer wieder habe ich nach der Wende nach Zeitzeugen gesucht. Die fast 90-jährige Frau Matz, zu DDR-Zeiten Leiterin einer HO-Einrichtung, erzählte mir, dass sie mit ihrem Vater, der selbst Wachmann auf Dreibergen war und ihrer Mutter in einem der Ziegelsteinhäuser im so genannten kleinen Dorf vor dem Zuchthaus Dreibergen wohnte. „Nachts und in den frühen Morgenstunden waren ständig einzelne Schüsse, auch in schneller Reihenfolge, hinter den Festungsmauern zu hören. Auch vom Friedhof her knallte es manchmal herüber. Wir lebten in ständiger Todesangst in den ersten Monaten nach dem Krieg.“ Ein guter Bekannter erzählte mir von seiner Tante, die als Leichenwäscherin arbeitete. Sie hatte im Dorf in einem der Beamtenhäuser – im Dorf wohnten ausschließlich höhere Bedienstete der Wachmannschaft – zu tun. Sie erzählte, wie in den frühen Morgenstunden ein Hänger voller Leichen zum Friedhof gebracht wurde. Das muss im Winter 1945/46 gewesen sein. Das Zuchthaus Bützow-Dreibergen war bis auf einige Kriminelle und festgesetzte Nazis von den Russen leergeräumt worden.

Hier nun erscheint es mir zeitgemäß, etwas Persönliches, Familiäres einzuflechten. Bereits ab Juni/Juli 1945 sind Wlassow-Soldaten kolonnenweise durch das eiserne Tor des Zuchthauses getrieben worden, welches mauer- und turmstrotzend wie ein lauerndes Raubtier auf den Hügeln liegend über den Bützower See ragt. Mein Großvater Hans Iben, von 1936 bis1945 als Beamter auf Dreibergen im Dienst, wurde nach seiner Entnazifizierung durch die sowjetische Militäradministration von 1946 bis 1948 erneut als Wachmann eingesetzt. Gerade der Hölle entronnen und schon wieder in die Glut geworfen. So mag er gedacht haben. Die Todesmaschinerie war wieder in Gang gebracht. Dieses mal waren es Russen, die Russen töteten. Mein Großvater konnte nicht helfen.

Ganz anders als 1944/45. Er war mit zuständig für die dänischen und norwegischen politischen Gefangenen. Die international hoch geehrte Widerstandskämpferin, Ärztin und Schriftstellerin Dr. Hiltgunt Margret Zassenhaus schrieb mir im Juni 1990 aus Baltimore, Maryland, einen bewegenden Brief. „ Ihr Großvater wusste als Einziger über mich und meine Arbeit, die zur Befreiung der norwegischen und dänischen Gefangenen führte, Bescheid, aber anstatt mich zu verraten, unterstützte er mich. Ohne ihn wäre meine Arbeit auf Dreibergen kaum möglich gewesen. Ich werde ihren Großvater nie vergessen.“ Mein Großvater war wieder mal mittendrin in diesen Menschen vernichtenden Apparatismus. Eine Zeit, über die er nie ein Wort, dessen ich mich erinnern könnte, verlauten ließ. Nach ihrer Ansprache im Curio Haus der Hamburger Universität, wo Hiltgunt Margret Zassenhaus als Ehrensenatorin geehrt wurde, erfuhr ich Unvermutetes über meinen Großvater. Mein Großvater hat nie ein Wort des Dankes für seine mutige, unter Lebensgefahr geleistete Arbeit zu hören bekommen, aber man hätte laut Protokoll-Aussagen ehemaliger Gefangener davon wissen müssen. Ich habe etliche Protokoll-Kopien in meinem Besitz.

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