Zukunft für Bruchstücke

Im Kloster Rühn: Holger Klaiber hat hier eine Werkstatt eingerichtet.
Im Kloster Rühn: Holger Klaiber hat hier eine Werkstatt eingerichtet.

Holzwerkstatt im Kloster Rühn.

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09. September 2019, 05:00 Uhr

Wer sich in seiner Werkstatt umschaut, findet Bruchstücke aus Holz, Holzreste. Irgendwo im Müll gefunden oder in der Natur. Bretter, die ohne Wert eigentlich schon verbrannt werden sollten. Aber sie haben Glück, diese Bruchstücke, diese Fundstücke aus Holz, die eine große, vielleicht auch nur kleine Vergangenheit hinter sich haben. Sie haben Glück, weil sie in Holger Klaibers Werkstatt noch einmal eine Zukunft bekommen.

Der Mann ist eigentlich Schäfer. Doch auch da gab es eine perspektivlose Zeit, die ihn zur Umschulung zwang. Er wurde in zwei Jahren Tischler. Aber: Schon in der Ausbildung begab er sich auf einen Findungsprozess, denn „mir war schon relativ früh klar, dass diese klassische Tischlerei nicht meins war.“ Sein Meister hatte sich über ihn immer geärgert, weil er oft etwas anders machte als die anderen: „Wir sollten ein Schachbrettmuster fertigen. Ich fertigte in der gleichen Verfahrensweise, nur komplizierter und aufwendiger, eine Blumenintarsie.“

Natürlich hat der Bützower in den ersten Jahren als mehr oder weniger klassischer Tischler gearbeitet und auch viele Jahre Lehrlinge ausgebildet. Nebenbei aber machte er immer seins und stellte das auch aus. So kam er ins Kloster Rühn. Zeitgleich fegte der Tornado über Bützow. Die Bruchstücke, die er hinterließ, waren Holger Klaibers Fundgrube für neue, tolle Ideen. In dieser Zeit entstand sein „Trümmerengel“,. Sein Markenzeichen, seine Philosophie: „Meine Bruchstücke haben eine Geschichte. Doch Geschichte ist nicht nur Vergangenheit, sie kann auch Zukunft sein. Ich mache Zukunft daraus.“

Und dann war Holger Klaiber auf dem Adventsmarkt des Klosters Rühn „nur“ Nachrücker für einen abgesprungenen Händler. Nach dem Markt kam der Vereinsvorstand des Klosters auf ihn zu und fragte, ob er nicht ein Schaufenster in diesen alten Gemäuern dauerhaft bestücken wolle. Da seine Holzlampen, Uhren, Kerzenständer, Holzbilder und andere Deko-Objekte teilweise groß sind, reichte ihm ein Schaufenster nicht. Der Vorstand bot ihm einen großen Raum an.

Klaiber war begeistert, aber auch etwas skeptisch. Seine Befürchtungen waren bald verflogen. Zum Ausstellungsraum kam eine Werkstatt dazu und nun kann man dem 46-Jährigen auch mal über die Schulter schauen, sich aus seinen Arbeiten im Ausstellungsraum etwasaussuchen oder ihm sagen: Ich habe hier ein Stück Holz,. Können Sie mir daraus eine Lampe fertigen? Dann lässt Holger Klaiber aber gern diese Menschen ihr Wunschstück unter seiner Anleitung selbst anfertigen. Bedenken räumt er schnell aus. In der Winterzeit bietet er entsprechende Workshops und Kurse an. Das Atelier und die Werkstatt des „Trümmerengels“ im Kloster Rühn sind sowohl Laden, Ausstellung, Ideenschmiede, Werkstatt, Workshop- und Kurs- als auch Lehrraum. Lehrraum deshalb, weil seine wenig bearbeiteten, noch mit Gebrauchsspuren behafteten Bruchstücke einen neuen Zweck für den Alltag bekommen. „Ich habe das Glück, mich nicht als Greenpeace auf der Straße mit erhobenem Zeigefinger hinstellen zu müssen. Ich mahne zur Achtung der Natur, indem ich jemandem meine Bruchstücke, meine Trümmerengel, als Gebrauchsgegenstand mit nach Hause gebe.“

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