Interview mit Frank Skowronek : So steht es um den Ausbildungsmarkt in Nordwestmecklenburg

Kennt den Ausbildungsmarkt wie seine Westentasche: Frank Skowronek.
Kennt den Ausbildungsmarkt wie seine Westentasche: Frank Skowronek.

Frank Skowronek, Vize-Chef der Schweriner Agentur für Arbeit, im Interview über den Ausbildungsmarkt in Nordwestmecklenburg zu Zeiten der Pandemie

von
07. Juli 2020, 16:32 Uhr

Was soll aus mir werden? – Gerade in Corona-Zeiten finden nicht alle Jugendlichen eine befriedigende Antwort auf diese Frage. Wo um einen Ausbildungsplatz bewerben? Und welcher Beruf soll es sein? Bieten Unternehmen in diesen unsicheren Zeiten überhaupt noch Ausbildungsplätze an? Wo gibt es noch freie Lehrstellen? Und: Macht es Sinn, sich jetzt noch für das Ausbildungsjahr 2020/21 zu bewerben? Im Interview beantwortet Frank Skowronek, Vize-Chef der Schweriner Agentur für Arbeit, die Fragen von SVZ-Redakteur Holger Glaner.

Wie gestaltet sich wenige Wochen vor dem neuen Lehrjahr die Situation auf dem Ausbildungsmarkt in Nordwestmecklenburg?

Frank Skowronek: Trotz Corona haben wir weiterhin einen Ausbildungsmarkt mit mehr freien Plätzen als Bewerbern. Die jungen Leute haben also nach wie vor die Möglichkeit, auszuwählen. Aktuell stehen 1554 unbesetzten Ausbildungsstellen insgesamt 1134 nicht versorgten Jugendlichen gegenüber. Das ist in etwa das Vorjahresniveau.

Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie mit sich gebracht?

Wir haben eine leicht rückläufige Entwicklung auf dem Ausbildungsmarkt. Das liegt daran, dass es Unternehmen gibt, die sich in einer Art Standby-Modus befinden. Die warten schlicht die wirtschaftliche Entwicklung ab. Die Unternehmen, die ausbilden, investieren in die Zukunft und wollen dies möglichst erfolgreich tun. Das bedeutet, dass die Firmen, die momentan noch nicht wissen, wo der Zug hinfährt, im Laufe der nächsten Wochen aus der Deckung kommen und ihre Angebote erneuern.

Einen Rückgang an Lehrstellen haben wir überwiegend im Bereich der Dienstleistungen zu verzeichnen. Das Handwerk hingegen ist nach wie vor gut am Markt, arbeitet wie vorher und bildet entsprechend auch weiter aus. Da merken wir keinen Unterschied.

Wie beeinflusst die Pandemie die Berufswahl der jungen Menschen?

Berufswahl war schon immer ein Entscheidungsprozess, der mit Informationen verknüpft ist. Zwar war die persönliche Beratung, um an Informationen zu kommen, in den vergangenen Wochen nicht wie gewohnt möglich. Aber dank des digitalen Zeitalters, der unterschiedlichen Internet-Plattformen und der Jobbörse der Arbeitsagentur waren diese Informationsmöglichkeiten durchgängig gegeben und wurden auch genutzt. Darüber hinaus haben wir beispielsweise viele Jugendliche telefonisch beraten. Insofern beeinflusst Corona die Berufswahl meines Erachtens eher nicht.

Welche Berufsgruppen, Stichwort systemrelevante Berufe, gewinnen durch Corona an Bedeutung?

Kranken- und Altenpflege, alle medizinischen Berufe spielen da eine Rolle. Auch Berufe in der Landwirtschaft und Ernährungsgüterwirtschaft sind von systemrelevanter Bedeutung. Diese hat aber auf die Berufswahl keinen Einfluss.

In welchen Berufen werden aktuell die meisten Azubis gesucht?

Wenig Nachfrage von jungen Menschen gibt es nach Ausbildungsplätzen im Bereich Verkauf, im gesamten Bereich des Hotel- und Gaststättengewerbes sowie Lager und Logistik. Zwischen Nachfrage seitens der Jugendlichen und Angebot durch die Unternehmen bei diesen Berufen haben wir die klassische Schere, die immer weiter auseinandergeht.

Können sich Jugendliche trotz Corona um einen Ausbildungsplatz bewerben?

Auf jeden Fall! Unternehmen, die wir betreuen und Auszubildende suchen, haben auch ein Bewerbungsverfahren dahinter. Und diese Verfahren finden auch statt. Das kann– dank Corona – auch mal virtuell via Facebook oder Skype stattfinden. Das ist vielleicht ungewohnt und muss auch mal geübt werden. Aber das ist das, was Unternehmen auch machen. Vorstellungsgespräche führen auch wir als Agentur für Arbeit via Skype. Den Menschen, der dahinter steckt, sehen wir vielleicht erst zum Ausbildungsbeginn. Einstellungsverfahren finden also nach wie vor statt, nur die Form ist eine andere.

Macht es Sinn, sich jetzt noch für das Ausbildungsjahr 2020/21 zu bewerben?

Das macht auf jeden Fall Sinn. Das Angebot ist noch so breit vorhanden, dass wir ohne weiteres fast jeden Wunsch des Jugendlichen berücksichtigen können. Mitunter braucht es bei den jungen Menschen auch nur noch einiger weniger Informationen, um eine Entscheidung treffen zu können, wohin die Reise gehen soll. Immerhin gibt es einige Berufe, die in ihrem Namen etwas beschreiben, bei denen in der Vorstellungskraft der Jugendlichen aber nicht ganz klar sein dürfte, welche Tätigkeit eigentlich dahinter steckt. Beispielsweise wird in Gadebusch ein Naturwerksteinmechaniker der Fachrichtung Maschinenbearbeitungstechnik gesucht, ein künftiger Verfahrensmechaniker Kunststoff Kautschuktechnik/Fachrichtung Formteile könnte in Schönberg seine Ausbildung beginnen und die Kreisverwaltung Nordwestmecklenburg bietet eine Ausbildung zur Fachkraft Hygieneüberwachung – alles interessante Berufe, aber mit einigen dicken inhaltlichen Fragezeichen dahinter. Da macht es Sinn, mal nachzufragen, dann findet man auch etwas in der Nähe des eigenen Kirchturms. Denn nicht jeder Jugendliche will nach Hamburg oder Schleswig-Holstein gehen, sondern in der Nähe seines gewohnten Umfelds bleiben.

Welche Unterstützung kann die Agentur für Arbeit anbieten?

Ganz konkret die neutrale Beratung. Wir versuchen, gemeinsam mit den Jugendlichen die Berufswahlentscheidung zu priorisieren. Wir schauen, was passt zu seinen Fähigkeiten, seinen Neigungen, seinen kognitiven Fähigkeiten. Man muss ja beispielsweise wissen, dass man in handwerklichen Berufen Mathe können muss. Das gehört auch in fast allen Maschinenbau-Berufen dazu. All das wird in der Berufsberatung mit den jungen Menschen durchgesprochen. Dann kommt man der Entscheidung schon relativ nahe, was selbst zu jemandem passt und wo man sich eine Perspektive vorstellen kann.

Wir wollen nicht, dass eine Ausbildung angefangen wird, nur um eine Ausbildung anzufangen. Wir wollen, dass diese bis zum Ende durchgeführt wird und auch zu einem Einstieg ins Berufsleben führt.

Was können Unternehmen tun, damit sich Jugendliche bei ihnen bewerben?

Bei Unternehmen hängt es ganz stark davon ab, wie sie es schaffen, ihr Angebot darzustellen. Der Jugendliche will auch ein bisschen umworben werden. Da muss der Vorteil der Ausbildung in dem jeweiligen Unternehmen schon nach vorne kommen. Beispielsweise durch ein bisschen Marketing, ein bisschen jugendgerechte Ansprache. Benzingutschein, Auto oder Fahrgemeinschaften zum Ausbildungsort, finanzielle Unterstützung fürs Berufsschulinternat – die Unternehmen können da eine Menge Anreize schaffen, um potenzielle Azubis anzulocken. Denn wenn ich den Fisch erst einmal an der Angel habe, muss ich nur noch schauen, dass ich ihn auch schmackhaft zubereite. Dann bekomme ich den einen oder anderen Jugendlichen auch von meinem Unternehmen begeistert. Aber natürlich hängt auch viel von Entwicklungsperspektiven und Karrierechancen ab. Und das wiederum muss natürlich immer auch ans Entgelt gekoppelt sein.

Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf die Jugendarbeitslosigkeit aus?

Der aktuelle Anteil in Westmecklenburg liegt bei knapp zehn Prozent, das ist viel, immerhin knapp 1800 betroffene Jugendliche. Aber es ist doch so: In Krisenzeiten werden immer die Menschen zuerst arbeitslos, die den geringsten Ausbildungsstand haben. Insofern ist eine Ausbildung, ein guter Berufsabschluss so enorm wichtig.

Ich bin überzeugt davon, wenn man in diesen Wochen arbeitslos gewordene Jugendliche ohne Ausbildung befragt, dass fünf von zehn Betroffenen sagen würden „Ach, hätte ich damals in einen Berufsabschluss investiert, dann wäre ich jetzt nicht in dieser Situation.“ Deshalb sage ich: Der Beginn einer Ausbildung ist der Einstieg in eine berufliche Karriere.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen