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Schlagsdorf : Historische Glocken sollen wieder läuten

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Iwan der Schreckliche hatte eine dieser drei Glocken aus Groß Nowgorod geraubt

nnn.de von
erstellt am 11.Nov.2017 | 05:00 Uhr

Hanna Blumenschein strahlt. Denn die Wiederinbetriebnahme der drei historischen Glocken in der Schlagsdorfer Kirche nimmt Stück für Stück konkretere Züge an. Erst am Mittwoch konnte die Pastorin der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Schlagsdorf einen weiteren Förderbescheid für die 20 000 Euro teure Restaurierung in Empfang nehmen. Wenn alles klappt, wie sich die 34-Jährige das wünscht, könnten die Klangkörper aus Bronze nach zweijähriger Unterbrechung im Dezember 2018 wieder zum weihnachtlichen Gebet rufen.

Vor einem Jahr hatte sich die Kirchengemeinde entschlossen, das Geläut stillzulegen. „Die Wartungsfirma konnte nicht garantieren, wie lange die Glocken noch hängen bleiben würden“, erzählt Hanna Blumenschein. Der Stahl der Tragbalken – den sogenannten Jochen, an denen die Glocken befestigt sind – wurde langsam spröde und drohte durch die ständigen Schwingungen zu reißen. So etwas kündige sich allerdings nicht an. Kann sein, dass das Ganze noch 40 Jahre gut geht. Könnte aber auch sein, dass die Glocken schon morgen aus 16 Metern Höhe in die Tiefe rauschen. Ein Risiko, mit dem niemand mehr leben wollte.

Nun sammelt die Kirche also Geld für die Neuaufhängung der jahrhundertealten Glocken. Glocken mit ganz besonderen Geschichten. Die größte ist im Jahr 1649 von reisenden Glockengießern aus Lothringen gefertigt worden. Die mittlere wurde 1578 in Lübeck gegossen. Ganz besonders hervorzuheben jedoch ist die Geschichte der kleinsten Glocke, die eine kyrillische Umschrift trägt. Diese Glocke wurde demnach im Jahr 1559 in Groß Nowgorod für die Kirche der 40 Märtyrer gegossen. Elf Jahre lang war sie dort in Russland, bis Iwan der Schreckliche die Stadt überfiel, verwüstete und auch diese Glocke raubte. Hanseatische Kaufleute erwarben die Glocke und brachten sie auf einem abenteuerlichen Schiffsweg über die Ostsee nach Lübeck. Vor genau 400 Jahren, also im Jahr 1617, kam die Glocke nach Schlagsdorf, wo sie fortan eine 1612 gesprungene Glocke ersetzte.

Seit zwölf Monaten leben die Schlagsdorfer nun erneut mit einem Glockenersatz. „Islamische Lösung“, nennt dies Hanna Blumenschein. Denn wie in vielen islamischen Moscheen, rufen seit der Stilllegung nun auch hier zwei große Lautsprecher die Gläubigen zum Gebet. „Vor der Stilllegung haben wir das Läuten unserer Glocken einfach per Mikrofon aufgenommen und auf CD gebrannt. Das klingt zwar nicht so schön wie in echt, ist aber eine gute Notlösung“, sagt die Geistliche. Stille Nacht sei ja schön und gut, aber in der heiligen Nacht auch irgendwie schade.

Im Rahmen des ersten Abschnitts der 500 000 Euro verschlingenden Turmsanierung sollen nun die alten, noch vorhandenen Eichen-Joche wieder mit den Glocken verbunden werden. Diese wurden während der Umstellung vom manuellen auf das Läuten mittels Elektromotor vor schätzungsweise 50 Jahren aus technischen Gründen durch die nun maroden Stahlträger ersetzt.

Und für die beiden Lautsprecher findet sich nach der Wiederinbetriebnahme des Original-Geläuts bestimmt auch eine Lösung. Die Pastorin: „Vielleicht zur Beschallung für Kino in der Kirche.“

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