Raden : Winkelhäuser prägen Raden

Tief in die Geschichte der Aufsiedlung tauchte Christiane Schilf ein.
Tief in die Geschichte der Aufsiedlung tauchte Christiane Schilf ein.

Schrift der Verwaltungsfachhochschule befasst sich mit Siedlungsgeschichte ländlicher Räume.

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01. August 2019, 20:00 Uhr

Die Winkelhäuser entlang der Straße in Raden, die mächtigen Bauernhäuser, die Wohn- und Stallgebäude sowie Scheune unter einem Dach vereinen wie in Nieglewe oder die etwas kleiner geratenen Varianten in Diekhof prägen Struktur und Erscheinungsbild vieler Dörfer in der Region Güstrow und sind Ergebnis einer bewussten Siedlungspolitik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 100 Jahre ist es her, dass in der Zeit der Weimarer Republik das Reichssiedlungsgesetz am 11. August 1919 verabschiedet wurde. „Junge Familien aus dem Rheinland, Westfalen und Franken werden zu Mecklenburgern“, ist der neue Band in der Schriftenreihe der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung, Polizei und Rechtspflege des Landes MV überschrieben, der aus diesem Anlass erscheint.

Christiane Schilf hat sich des Themas angenommen und recherchiert. Die Leiterin des Institutes für Fortbildung und Verwaltungsmodernisierung stammt selbst aus einer Siedlerfamilie und ist in Raden großgeworden, so dass sie die Siedlungsgeschichte an den Beispielen Raden, Niegleve, Tolzin und Schlieffenberg deutlich macht. Beeindruckt hat sie, wie systematisch und strukturiert vorgedacht und gehandelt wurde. „Nach dem 1. Weltkrieg ging es darum, wirtschaftliche und soziale Strukturen zu stärken und die Ernährung der Bevölkerung zu sichern“, berichtet Christiane Schilf. Mecklenburg gehörte nicht eben zu den Wirtschaftszentren. Die Landwirtschaft hinkte in ihrer Effektivität hinterher. Auf der Grundlage des Gesetzes wurde die Mecklenburgische Landgesellschaft gegründet. Sie kümmerte sich um Landbeschaffung, Vermessung, Bau der Höfe und um das Anwerben interessierte Siedler. In den Jahren zwischen 1924 und 1939 erhielten 2169 Interessierte mit ihren Familien Neusiedlerstellen mit einer Fläche von mehr als 37 000 Hektar.

Zu Beginn sei es das Ziel gewesen Mecklenburger anzusprechen und gegebenenfalls ein Viertel außerhalb, also westlich der Elbe zu suchen. Am Ende waren mehr als die Hälfte der siedelnden Familien aus Mecklenburg, weit mehr als die avisierten 25 Prozent kamen aus westelbischen Gebieten. Die Landbeschaffung war in Mecklenburg nicht das große Problem. Misswirtschaft und später die Weltwirtschaftskrise führten dazu, dass viele Güter wirtschaftlich danieder lagen.

So wurden beispielsweise 1930 Flächen des Rittergutes des Grafen von Schieffen angekauft. Das Lehngut Raden wurde als erste Ortschaft erworben. Niegleve, Tolzin und Schlieffenberg verkaufte Georg von Schlieffen zunächst an den Rittmeister Walter Wilken. Zwei Jahre später musste auch dieser Insolvenz anmelden, so dass die Mecklenburgische Landgesellschaft auch diese Flächen erwarb und etwa 100 Neusiedlern zum Kauf bereitstellte.

Die Siedler – oftmals zweit- und drittgeboren Söhne, die den elterlichen Hof verlassen mussten – brachten landwirtschaftliches Know how mit, aber beispielsweise auch den Karneval. Der Radener Karnevalsklub ist der älteste in Mecklenburg. Die Aufsiedlung brachte einen Bauboom mit sich. Handwerker wurden in der Phase, aber auch später gebraucht. Ein Winkelgebäude wie in Raden wurde für 17 000 Reichsmark, der gesamte Hof mit in der Regel 15 Hektar Land für 40 000 Reichsmark verkauft. Unterstützt wurden die Siedler außerdem mit günstigen Krediten.

„Man ist geneigt, Parallelen ziehen zu wollen“, sagt Christiane Schilf, denkt an den Bevölkerungsrückgang in MV und fragt, ob es nicht auch heute eine Art Aufsiedlung geben müsste, nicht in der Landwirtschaft, sondern in zukunftsträchtigen Branchen.

Die Broschüre finden Interessierte auf der Webseite der Fachhochschule. In gedruckter Form will Christiane Schilf einige Exemplare dabei haben, wenn sie mit dem Thema in die genannten Dörfer geht. Termine dafür gibt es noch nicht. Und: Das Thema schreit nach Fortsetzung. Beabsichtigt sei die Entwicklung der Dörfer nach 1945, in den DDR-Jahren sowie nach der Wende mit ihren Folgen für die Dorfgemeinschaft zu untersuchen.

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