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Nächtliche Führung Mit der schwarzen Witwe auf dem Friedhof

Von mayk | 05.11.2017, 21:00 Uhr

Nächtliche Führung über den Boizenburger Friedhof übte am Sonnabend für mehr als 80 Boizenburger einen ganz besonderen Reiz aus

Wenn an einem Wochenende mehr als achtzig Personen bei stockfinsterer Nacht über den Boizenburger Friedhof schleichen, dann kann es sich hierbei nicht um eine ganz gewöhnliche Aktivität handeln. In der Elbestadt ging am vergangenen Sonnabend Halloween in die Verlängerung.

Die studierte Kunsthistorikerin Dr. Anja Kretschmer aus Bad Doberan führte die Besucher, als schwarze Witwe, verkleidet über den städtischen Friedhof. „Im Rahmen meiner Promotion habe ich die Friedhofsführungen zum Leben erweckt. Damit möchte ich die Besucher mit ihrer eigenen Endlichkeit konfrontieren und sie wieder auf die Friedhöfe locken. Schließlich hat in den vergangenen Jahren eine Verdrängung dieser Thematik eingesetzt, der ich hiermit entgegenwirken wirken möchte“, erzählt Anja Kretschmer unmittelbar vor der Führung im Gespräch mit der SVZ.

Die Kunsthistorikerin hat nach einer Möglichkeit gesucht, die Menschen auf eine unterhaltsame und zum Teil auch humoristische Art und Weise an dieses Thema wieder Stück für Stück heranzuführen. Mittlerweile bietet Anja Kretschmer schon drei verschiedene Friedhofsführungen für ihre Besucher an, mit denen sie sich vor zwei Jahren selbstständig machte. Unter der Woche verdient die 36-Jährige als Trauerrednerin ihre Brötchen.

Am vergangenen Sonnabend verkörperte sie die schwarze Witwe, die als historische Figur aus dem 19. Jahrhundert den Tod und die Trauerkultur anhand der vergangenen Zeiten sowie die Bedeutung von Ritualen um das Sterben erklärte. „Am Kindergrabfeld aus den 1950-er Jahren werden wir alle gemeinschaftlich Seifenblasen als ein Grabsymbol aufsteigen lassen. Schließlich kann unser Leben so plötzlich wie eine Seifenblase zerplatzen“, gibt Anja Kretschmer unserer Zeitung einen Ausblick auf die kurz bevorstehende Friedhofsführung.

Die Idee für diese außergewöhnliche Veranstaltung auf dem Boizenburger Friedhof hatte Friedhofswart Alexander Jordt. „Auf der Friedhofstagung im März dieses Jahres in Salem konnte ich Anja Kretschmer im Rahmen eines Vortrages erstmalig kennenlernen. Sehr schnell war ich davon überzeugt, dass die Kunsthistorikerin mit ihren Führungen auch die Boizenburger in ihren Bann ziehen wird“, war sich Alexander Jordt schon seinerzeit sicher. Mit mehr als achtzig Besuchern sollte der 39-Jährige letztendlich auch recht behalten und freute sich gemeinsam mit seinem Vater Manfred über die große Resonanz. Letzterer zeigte sich siebzehn Jahre als Friedhofswart in der Elbestadt verantwortlich und übergab diese Aufgabe im vergangenen Jahr an seinen Sohn Alexander. „Ich möchte mit diesen Veranstaltungen versuchen, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.

Schließlich ist der Friedhof nicht nur ein Ort des Trauerns, sondern auch des Treffens und der gemeinsamen Gespräche“, sagt Alexander Jordt. Im Übrigen habe Anja Kretschmer keine Angst vor ihrem eigenen Tod, lediglich vor dem Sterben. „Trotz meines Alters habe ich schon alles in die Wege geleitet, damit meine Familie genau weiß, was ich mir in diesem Fall wünsche, damit ich dann auch meine Ruhe finden kann“, gibt die Kunsthistorikerin preis.