Boizenburg : Verbeugung vor einem Judomeister

Hans-Joachim Tamm(oben) hat hier seinen Schüler Dirk Spiewok sicher in der Festhalte. Beide sind Judomeister.
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Hans-Joachim Tamm(oben) hat hier seinen Schüler Dirk Spiewok sicher in der Festhalte. Beide sind Judomeister.

50 Jahre harte Arbeit als Sportler: Boizenburger Hans Joachim Tamm (64) hat ehrenhalber den 5. Dan verliehen bekommen

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05. Februar 2018, 12:00 Uhr

Mit seinen 1,97 Metern wirkt der Tischlermeister eher wie ein sanfter Riese. Einen drahtigen Meister des Judo stellt man sich etwas anders vor. Und dennoch hat der 64-Jährige seit 1968 den Judosport in ganz Westmecklenburg geprägt wie nur wenige. Er selbst hat dabei keine großen Titel oder Meisterschaften gewonnen. Doch er hat vielen anderen Judoka den Weg geebnet, sie ausgebildet, zu Titelkämpfen und Gürtelprüfungen geführt, den Judo in und um Boizenburg mit aufgebaut.  Nun sind seine Leistungen  in ganz besonderer Weise gewürdigt worden. Hans Joachim Tamm ist vor wenigen Tagen der 5. Dan verliehen worden. Mit seinen fünf schwarzen Gürteln ist er einer der höchst graduierten Judomeister im ganzen Bundesland.

Normalerweise gibt es ein strenges Prüfungsprogramm, um vom 4. zum 5. Dan zu kommen. Das ist nur mit einer sehr langen Vorbereitung über Monate und vielen Trainingspartnern zu schaffen. Dass der Boizenburger Tamm, der vier Söhne hat, diesen Grad nun ehrenhalber verliehen bekommen hat, ist eine ganz besondere Würdigung.

Judoka werden nach außen hin vor allem durch ihre Gürtelfarben unterschieden. Grundsätzlich gibt es 8 Schülergrade, offiziell Kyu genannt. Und es gibt die Meistergrade, vom 1. bis zum 10. Dan. Anfänger bekommen einen weißen Gürtel. Wer die Prüfungen mit der Vorführung den entsprechenden Techniken besteht, steigt zum 8. Kyu mit dem weiß-gelben Gürtel auf. Gelber Gürtel bedeutet 7. Kyu, gelb-orange den 6. Kyu. Mit Orange ist man beim 5. Kyu angekommen, Orange-grün bedeutet 4. Kyu. Grüner Gürtel, blauer Gürtel und schließlich brauner Gürtel führen zum höchsten Schülergrad. Ab dem 1. Dan wird dann ein schwarzer Gürtel getragen, bis zum 5. Dan. Zur Unterscheidung gibt es dann die Querbalken auf dem Gürtel (Foto), das ist aber nicht offiziell. Träger des 6. bis 8. Dans tragen rot-weiße Gürtel, für den 9. Dan und 10. Dan gibt es schließlich rote Gürtel.

Es gibt einen, der ganz besonders stolz ist auf Hans-Joachim Tamm, sein Schüler Dirk Spiewok. Der 50-Jährige war seinem Lehrer längst enteilt, denn er trägt den 5. Dan schon eine ganze Weile. „Ich habe ihn immer gedrängt, dass wir den Versuch wagen sollten und ich fand, dass ihm diese Auszeichnung auch zusteht. Er hat viel für uns alle getan“, freute sich der deutlich kleinere Judoka. Seinen 4. Dan hat Tamm schon 2009 abgelegt, regulär mit allem Drum und Dran. Die Anforderungen sind hoch - körperlich und geistig. Judo hat auch viel mit Stil und Form zu tun, nicht unbedingt mit roher Kraft.

Angefangen hat der Tischler im April 1968, bereits 1976 war er ein anerkannter Braungurt, 1978 bestand er die Prüfung für den ersten Meistergrad. Zum Judo kam er damals eher zufällig, wie er sich erinnert. „Fußballspielen war einfach nichts für mich.“  BSG Motor Boizenburg mit der Sektion Judo war seine sportliche Heimat, und schon sehr früh kümmerte er sich als Übungsleiter um andere. Das sollte sich sein ganzes Sportlerleben fortsetzen.  Noch zu DDR-Zeiten belegte Frank Borkowski, einer seiner Schüler, bei den Junioren-Europameisterschaften U 21 in Wien den ersten Platz.

Tamms aktive Zeit fiel in eine Periode, in der Judo im heutigen Westmecklenburg eine ganz wichtige Rolle spielte. Viele Impulse kamen damals aus Schwerin, wo Post Schwerin mit der Trainerlegende Heinz Stiller (7. Dan) sich zum heimlichen vierten Judoclub in der DDR entwickelte und auch im Umland viele Impulse setzen konnte. Dirk Spiewok, der unter Tamms Regie 1981 immerhin eine Bronze-Medaille bei den DDR-Meisterschaften erreichen konnte, brachte es zum Gaststarter in der Post-Mannschaft. Darauf ist Spiewok, der derzeit Bürgermeister der Gemeinde Nostorf ist, bis heute stolz.

Die Boizenburger Judomeister zu Gast beim Wittenburger Judoverein, hier bei der Begrüßung zum Trainingsbeginn.
Pohle
Die Boizenburger Judomeister zu Gast beim Wittenburger Judoverein, hier bei der Begrüßung zum Trainingsbeginn.
 

Zwei eng beschriebene Seiten voller Belege über den sportlichen Werdegang und  die Erfolge von Hans Joachim Tamm umfasst der Antrag zur Verleihung des Dans ohne Prüfung. Der Antrag stammt vom Februar 2014. Da hatten die Boizenburger Judoka die gewaltigen Umstellungen nach der Wende längst hinter sich.

Die machte auch um den Dan-Träger Tamm keinen Bogen. Im Jahre 1993 nahm er sich mit dem Schritt in die Selbständigkeit auch eine sportliche Auszeit. Doch zwei Jahre später stand er schon wieder als Berater seinem Schüler Spiewok, der jetzt die Judo-Geschicke in Boizenburg lenkte, zur Seite. Jahre später hatte der Mann, der bis heute Fertighäuser mit errichtet, eine neue Trainerlizenz. Seit 2005 hat er damit vielen anderen Judoka den Sprung in die Meisterebene  durch umfangreiche Prüfungen möglich gemacht. Rainer Severin, Maik Hamdorf,  Frank Matthias und Dirk Spiewok und sein Vater Peter  haben auch dank ihm die Meisterprüfungen bestanden.

Denn die bestehen nicht nur aus den Würfen in allen denkbaren Varianten, den Festhalte- und Würgetechniken. Wer  sich einen schwarzen Gürtel verdienen will, der muss auch die Katas, die Formübungen beherrschen.  Hier geht es um größtmögliche Exaktheit bei der Vorführung ganzer Technikreihen. Das ist nur durch lange Übung und höchste Konzentration  und nur mit guten Trainingspartnern  zu  erreichen.

Auch wenn es drei Jahre dauerte, am Ende stimmte der Landesverband der Verleihung des neuen Meistergrades für den Boizenburger zu. Überreicht wurde die bescheidene Urkunde auf der Kata-Meisterschaft  des Judoverbandes des Landes.

Vorgestellt hat sich der Judomeister dann während einer Übungsstunde bei den im Nachwuchsbereich erfolgreichen Nachbarn vom Judoverein Wittenburg. Mit Zustimmung der beiden sehr engagierten Trainer Thorsten Beyer und Sven Dittmann  nahmen gleich drei hoch graduierte Judoka am Training teil.

In Boizenburg ist die Judowelt inzwischen zweigeteilt. Für die alten Kämpfer ist jedoch wichtig, dass ihre Arbeit weitergeht. Nicht nur in Wittenburg haben die Judovereine  zur  Zeit deutlichen Zuwachs. Denn Judo fordert  vor allem die Vielseitigkeit und den Mut. 

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