Wöbbelin : Forschen, bilden, beistehen

Besucher aus den USA: Ramona Ramsenthaler erklärt Abner und Mieko Zelman den Aufbau des KZ Wöbbelin.
Besucher aus den USA: Ramona Ramsenthaler erklärt Abner und Mieko Zelman den Aufbau des KZ Wöbbelin.

Ramona Ramsenthaler schätzt Vielseitigkeit ihrer Arbeit in den Mahn- und Gedenkstätten Für Engagement mit Verdienstorden geehrt

23-11367782_23-66107803_1416392139.JPG von
01. Juni 2019, 05:00 Uhr

Ramona Ramsenthaler weist mit der Hand in Richtung Ludwigslust. „Sie fahren dort entlang und nach vier Kilometern kommt rechts das ehemalige Lagergelände“, erklärt sie Abner Zelman auf Englisch. Der New-Yorker ist mit seiner Frau Mieko in die Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin gekommen. Aus einem sehr persönlichen Grund. „Sein Vater Joseph gehörte zu den Befreiern des Konzentrationslagers“, erklärt die Gedenkstättenleiterin. Und Abner Zelman selbst ergänzt: „Er war in der 8. Infanteriedivision und hat davon erzählt.“

Solche Besuche durch Angehörige von Opfern, von Überlebenden und Befreiern des KZ Wöbbelin erlebt Ramona Ramsenthaler in den vergangenen Jahren oft. Sie zu informieren, sie auch aufzufangen, ist ein Teil ihrer Arbeit als Gedenkstättenleiterin. Ein anderer wichtiger Teil ist die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die politisch-historische Bildung. Für ihr Engagement ist die Schwerinerin nun von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier anlässlich des 70. Jahrestages des Grundgesetzes mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland geehrt worden.

Ramona Ramsenthaler leitet die Mahn- und Gedenkstätten, die sich nicht nur mit dem einstigen KZ Wöbbelin, sondern auch mit Theodor Körner beschäftigen, seit 2007. Erste Kontakte hatte es schon früher gegeben. So betreute sie als Geschichtslehrerin am Schweriner Goethe-Gymnasium 2005 eine Facharbeit von Schülern, die neu eingetroffenes Material über das KZ und dessen Befreiung aus dem Englischen ins Deutsche übersetzten. Als ihre Vorgängerin in den Ruhestand ging, wurde gezielt nach einer Nachfolgerin gesucht, die den Schwerpunkt auf die Bildungsarbeit legt und entsprechende Angebote entwickelt. „Als ich angesprochen wurde, habe ich lange überlegt, ob ich mich bewerbe“, sagt Ramona Ramsenthaler, „denn ich bin sehr gern Lehrerin gewesen.“ Aber sie sei auch ein echter Geschichtsfreak und betreibe sehr gern Forschung. „Jetzt habe ich das Glück, dass ich beides machen kann.“ Mittlerweile kommen jährlich rund 2500 Schüler zu Workshops und Projekten in die Mahn- und Gedenkstätten. „Aber das hätte ich allein nicht geschafft“, gibt Ramona Ramsenthaler einen Teil der Lorbeeren gleich weiter. „Ich bin froh, dass seit 2014 auch Frau Neumann als pädagogische Mitarbeiterin hier ist.“

Im Mittelpunkt aller Arbeit – ob mit Kindern, Jugendlichen, Reisegruppen oder Einzelbesuchern – steht ein Gedanke: „Wir möchten den Opfern ein Gesicht geben“, sagt Ramona Ramsenthaler. Nur so könne man das Geschehene begreifbarer machen, auch wenn es nie ganz zu begreifen sei. Dabei geht es um mehr als geschichtliches Wissen und Erinnerung. „Gedenkstätten sind Orte der politischen Bildung und der Demokratieerziehung“, sagt die Gedenkstättenleiterin. „In der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit an einem Ort wie dem ehemaligen KZ Wöbbelin begreift man, dass es für die Demokratie keine Alternative gibt.“ Erst während ihrer Arbeit bei den Mahn- und Gedenkstätten sei ihr bewusst geworden, dass Konzentrationslager nicht zufällig an Straßen lagen. „Sie waren ein Mittel der Disziplinierung“, so Ramona Ramsenthaler. „Unter dem Motto: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Wer gegen uns ist, den sperren wir ein.“

Und noch etwas musste Ramona Ramsenthaler in den vergangenen Jahren lernen. Akzeptieren lernen. „Man wird mit seiner Forschungsarbeit nie fertig“, sagt sie. „Wir reden immer nur über einen aktuellen Forschungsstand.“ Denn immer wieder bekommen die Mahn- und Gedenkstätten neues Material – Aufzeichnungen, Berichte, Fotos. „Auch bei den Opferfamilien hat es Sprachlosigkeit gegeben.“ So ist sie mit ihrer Kollegin und ehrenamtlichen Helfern, unter anderem von ihrer Fachgruppe Archäologie, noch immer dabei, die offizielle Liste der Häftlinge mit Listen von Häftlingen abzugleichen. Die Todesdaten geben Auskunft, ob ein Opfer in Schwerin, Ludwigslust, Hagenow oder Wöbbelin beigesetzt ist. „Aber von rund 500 Menschen wissen wir es nicht“, erklärt Ramona Ramsenthaler bedauernd. Einem Angehörigen nicht sagen zu können, wo Vater, Großvater oder Onkel liegen, mache ihr zu schaffen. „Umso wichtiger ist aber der Gedenkort am ehemaligen Lagergelände mit über 800 Namen.“

Den Verdienstorden sieht sie als Wertschätzung der Arbeit der Mahn- und Gedenkstätten, genauso wie die vielen Glückwünsche, die sie danach erhielt. Zur Verleihung war ihr Mann mit nach Berlin gereist. „Es ist wichtig, dass der Partner hinter der Arbeit steht und Verständnis hat, dass das kein Acht-Stunden-Job ist.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen