Wendegeschichten : Die erste Demo in Parchim

Aus dem Fenster des heutigen Fahrradhauses Nickel hielt Wolfgang von Rechenberg am 26. Oktober 1989 eine Rede an die friedlichen Demonstranten.
Aus dem Fenster des heutigen Fahrradhauses Nickel hielt Wolfgang von Rechenberg am 26. Oktober 1989 eine Rede an die friedlichen Demonstranten.

Wendegeschichten: Am 26. Oktober wagten die Menschen in der Kreisstadt zum ersten Mal, ihren Willen zur Veränderung öffentlich auf den Straßen zu zeigen

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26. Oktober 2019, 05:00 Uhr

Es ist genau 30 Jahre her. Am 26. Oktober 1989 gingen die Parchimer zum ersten Mal auf die Straße. Sie demonstrierten für Meinungs- und Reisefreiheit, gegen die Gängelung durch die Sozialistische Einheitspartei (SED) und die Stasi. Seit August hatte sich eine stetig wachsende Zahl von Kritikern zuerst in der Wohnung des Diakons Wolfgang von Rechenberg getroffen, dann im Gemeindezentrum und später in der Marienkirche (SVZ berichtete).

Einer, der von Anfang an dabei war und diese Momente sogar fotografiert hat, ist Willy Voß. „Ich habe damals als Bahnmeister gearbeitet und seit den 1970er Jahren nebenberuflich als ,Volkskorrespondent‘ der SVZ“, erzählt der heute 80-Jährige in seiner Wohnung im Parchimer Juri-Gargarin-Ring.

Fotograf der Wendezeit: Willy Voss, Bahnmeister und nebenberuflich „Volkskorrespondent“ der SVZ.
K. Frick
Fotograf der Wendezeit: Willy Voß, Bahnmeister und nebenberuflich „Volkskorrespondent“ der SVZ.
 

„Ich war schon immer politisch interessiert und hatte keine Angst. Mir war von Anfang an klar, dass meine Fotos historische Dokumente werden.“Allerdings hätten viele der demonstrierenden Menschen Angst gehabt, fotografiert zu werden. Zumindest noch am 26. Oktober. Auch die Redakteure der Schweriner Volkszeitung, die damals noch im Dienste der Partei erschien, seien zunächst zurückhaltend gewesen. Doch sie berichteten über die Demonstration in einer kleinen Notiz.

Etwa 5000 Menschen wagten sich nach übereinstimmender Aussage von Zeitzeugen am 26. Oktober auf die Straßen Parchims. „Pastor Hartmut Küssner hat am 25. Oktober zu der Demonstration aufgerufen“, erzählt Wolfgang von Rechenberg. Plakate wurden aufgehängt. „Ich bin zum Rat des Kreises, um dort Bescheid zu sagen.“ Der Stelllvertreter für Inneres Rühe habe ihn und seine Mitstreiter von der „Interessengemeinschaft Umgestaltung“ darauf hingewiesen, dass eine Demonstration nicht erlaubt sei. „Das hörte sich aber tolerierend an. Es wurde kein Verbot ausgesprochen“, so von Rechenberg.

Zu diesem Zeitpunkt in einer Kleinstadt wie Parchim auf die Straße zu gehen, dazu gehörte Mut. Es gab Gerüchte, in einem nahe gelegenen Waldstück seien Kampfgruppen und Bereitschaftspolizei zusammen gezogen worden, um die Demonstration niederzuschlagen. „Der Verfasser kann aufgrund seiner Nachforschungen diese damalige Annahme nicht bestätigen“ schreibt Fred Mrotzek, der über den „Zusammenbruch der DDR am Beispiel der mecklenburgischen Stadt Parchim“ 1996 eine Doktorarbeit veröffentlicht hat.

Alle an der Organisation Beteiligten sorgten sich darum, ob die Demonstration friedlich bleiben würde. „Es gab viele aufgebrachte Menschen“, erinnert sich Wolfgang von Rechenberg. Deshalb wurden Handzettel unter der Bevölkerung verteilt, auf denen zur Gewaltlosigkeit aufgerufen und die Hauptziele der Demonstration beschrieben wurden. „Außerdem haben wir gesagt, dass es ein Schweigemarsch sein soll.“

Töpferin Irla Wulf zeigte in der Marienkirche Forderungen der Demonstranten.
Willy Voß

Töpferin Irla Wulf zeigte in der Marienkirche Forderungen der Demonstranten.

 

Die Demonstranten liefen zunächst von der Marienkirche zum Neuen Markt „Niemand hatte damit Erfahrung, sich im öffentlichen Raum ohne die Regulierung der staatlichen Ordnungsmacht zu bewegen“, stellt von Rechenberg fest. Er entwickelte sich damals zu seiner eigenen Überraschung zu einer zentralen Figur der friedlichen Revolution in Parchim. Am Neuen Markt bat er spontan den Inhaber des damaligen Möbelhauses Paul Dürrast – heute das Fahrradhaus Nickel – aus einem der Fenster eine Rede zu den Demonstranten halten zu dürfen. Danach zogen die Bürgerer weiter über die Straße des Friedens bis zum Thälmannplatz, vorbei am Rathaus, an der Apotheke und über den Fischerdamm sowie die Mühlenstraße zurück zur Marienkirche. Dort fand im Inneren eine Andacht statt. Alles blieb friedlich.

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