Wendezeit in der Region Parchim/Lübz : Friedliche Demos statt Hassreden

Vor seiner damaligen Wohnung in der Mühlenstraße 41: Wolfgang von Rechenberg.
Vor seiner damaligen Wohnung in der Mühlenstraße 41: Wolfgang von Rechenberg.

Wendegeschichten – heute: Vor 30 Jahren begann die friedliche Revolution in Parchim mit Treffen im Haus Wolfgang von Rechenbergs

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05. Oktober 2019, 05:00 Uhr

Am 9. November ist es 30 Jahre her, dass die Mauer zwischen der DDR und der BRD fiel. Damit begann ein tiefgreifender gesellschaftlicher Umbruch, der das Leben aller Menschen in Ostdeutschland prägte, ein Umbruch, der mit großer Euphorie und vielen Hoffnungen verbunden war. Die ersehnten Veränderungen mussten erkämpft werden, viele Menschen haben dafür ihre Freiheit riskiert. In Kleinstädten wie Parchim, Lübz oder Plau, wo jeder jeden kennt, erforderte das offene Aussprechen von Kritik am DDR-Staat, das Demonstrieren auf den Straßen für Reisefreiheit und gegen Stasi-Bespitzelung vielleicht noch mehr Mut als in den Großstädten. Wir wollen hier in loser Folge von der Wendezeit in unserer Region erzählen und suchen Geschichten dafür. Schreiben Sie uns unter parchim@svz.de oder luebz@svz.de.

Heute erzählt Wolfgang von Rechenberg vom Beginn der friedlichen Revolution in Parchim. „Ich war 1989 Diakon für die Kirchgemeinde St. Marien“, erinnert er sich. Der Kirchenmann verfolgte mit Bekannten und Freunden aufmerksam die Geschehnisse in der DDR. Nach den Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 war von Beobachtern der Vorwurf der Wahlfälschung erhoben worden, seitdem formierte sich der Widerstand unter dem Dach der Kirche. Unmittelbar nach der Wahl fand im Umfeld der Leipziger Nikolaikirche die erste Demonstration statt. Seit dem Sommer suchten zudem massenweise DDR-Bürger Zuflucht in den Botschaften der BRD in Prag, Budapest oder Warschau. „Seit August 1989 gab es wöchentliche Treffen mit Gesprächen zu diesen gesellschaftlichen Ereignissen in meiner Wohnung in der Mühlenstraße 41“, erzählt Wolfgang von Rechenberg, den alle in Parchim als „Wolle“ kennen. Bekannt gemacht wurden diese Treffen nur durch Mund-zu-Mund-Propaganda. „Wir wurden jedes Mal mehr.“ Am 4. Oktober gründete sich in seiner Wohnung die Bewegung „Umgestaltung in Parchim“.

Die Privatwohnung der Rechenbergs wurde schnell zu klein, und so wurden die konspirativen Treffen in  den Stall hinter dem Haus verlegt, in dem sich der Raum der Jungen Gemeinde befand.
K. Frick

Die Privatwohnung der Rechenbergs wurde schnell zu klein, und so wurden die konspirativen Treffen in  den Stall hinter dem Haus verlegt, in dem sich der Raum der Jungen Gemeinde befand.

 

Schon beim nächsten Treffen passten nicht mehr alle in die Privaträume der Rechenbergs. „An der Rückseite unseres Hauses war ein Stall, da war der Raum der Jungen Gemeinde untergebracht. Dorthin zogen wir um.“ Doch in der Woche darauf reichte auch dort der Platz nicht mehr aus. Die 200 Menschen, die gekommen waren, versammelten sich in der St. Marienkirche gegenüber.

Bald wurde auch der Raum der Jungen Gemeinde zu klein und die Parchimer, die sich nach Veränderungen sehnten, zogen für ihre Zusammenkünfte in die St. Marienkirche direkt gegenüber um.
K. Frick

Bald wurde auch der Raum der Jungen Gemeinde zu klein und die Parchimer, die sich nach Veränderungen sehnten, zogen für ihre Zusammenkünfte in die St. Marienkirche direkt gegenüber um.

 

„Es bestand so ein großes Bedürfnis zu reden, offen auszusprechen, was den DDR-Bürgern unter den Nägeln brannte“, blickt Rechenberg zurück. „Die Leute waren es ja nicht gewohnt, öffentlich zu sprechen.“ Und so standen die Redewilligen oft nur zögernd auf, tasteten sich vorsichtig Schritt für Schritt zum Mikrofon, das mitten in der Kirche aufgestellt war. „Und wenn sie dann anfingen zu reden, strafften sich plötzlich ihre Schultern und sie standen gerade und aufrecht da. Es war so schön, der Menschwerdung der Menschen zuzusehen.“

Diese Revolution blieb vor allem deshalb friedlich, weil  sie ihren Ausgangspunkt unter dem Dach der Kirche hatte und von friedfertigen Kirchenmännern und -frauen organisiert wurde. Hier ein Bibelspruch im ehemaligen Versammlungsraum der Jungen Gemeinde.
K. Frick

Diese Revolution blieb vor allem deshalb friedlich, weil  sie ihren Ausgangspunkt unter dem Dach der Kirche hatte und von friedfertigen Kirchenmännern und -frauen organisiert wurde. Hier ein Bibelspruch im ehemaligen Versammlungsraum der Jungen Gemeinde.

 

Demonstriert wurde auch in Parchim, zum ersten Mal am 26. Oktober. „Da war so viel Wut und Hass zu beobachten“, erinnert sich Rechenberg. „Aber wir wollten kein Blut auf den Straßen. So haben wir organisiert, dass nur in den Kirchen geredet wurde.“ Bei den Demonstrationen protestierten die Parchimer schweigend mit Kerzen in der Hand.

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