Parchim : „Handschuhe nach Maaß angefertigt“

Heute:Der Ziegenmarkt in Richtung Moltkeplatz gesehen vom etwa selben Standort aus fotografiert wie 1905
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Heute:Der Ziegenmarkt in Richtung Moltkeplatz gesehen vom etwa selben Standort aus fotografiert wie 1905

SVZ-Serie „Parchim früher – heute“: Der Ziegenmarkt

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27. Juni 2020, 05:00 Uhr

Das heute im Rahmen unserer Serie „Parchim früher – heute“ ausgesuchte, um das Jahr 1905 aufgenommenes Foto zeigt den Ziegenmarkt mit dem Moltkeplatz im Hintergrund. Zu erkennen sind die trapezförmige Fläche und die Bebauung mit stattlichen Häusern rundherum. In dem ganz links stehenden Gebäude hat ein „Materialwarenhändler“ sein Geschäft. Der Zugang zu seinen Kellerräumen ragt weit in den Fußgängerweg hinein. An dem Kellereingang stehen einige Männer, die vermutlich ihre Arbeit eine Weile für die Fotografie unterbrochen haben. Im Vordergrund ist eine herrschaftliche Kutsche zu sehen und vor den Häusern stehen Sitzbänke, die zum Verweilen einladen, wovon – wie man sehen kann – Gebrauch gemacht wird.

Auch in diesem Bereich Parchims gibt es in mehreren Gebäuden Geschäfte. Das von Inhaber M. Trenck am Ziegenmarkt 1 firmiert unter dem Namen Carl Schumacher. Hier gibt es, wie in einer Anzeige von damals zu lesen, „Kolonialwaren“ und Getreide. Erstere Bezeichnung ging aus den deutschen Kolonien hervor, die vom Deutschen Kaiserreich vor allem in Afrika seit den 1880er-Jahren erworben und nach dem Ersten Weltkrieg gemäß des Versailler Vertrages von 1919 abgetreten wurden. Man hatte durch sie ursprünglich den deutschen Handel schützen wollen. Das Geschäft besaß schon damals eine viel seltenere, technische Ausstattung: Einen „Fernsprecher“, der unter der Nummer 79 zu erreichen war.

Im Haus mit der Nummer 4 war das „Erste Handschuh-Geschäft am Platz“ zu finden. K. Runert bietet damals unter anderem „Träger-Strümpfe, Taschentücher, Kragen und Manschetten, Krawatten, Herren-Unterwäsche und Portemonnaies“ an. Ein besonderer Hinweis darauf, dass den Menschen damals Waren nicht wie heute als Pfennigartikel mit geringer Lebenserwartung hinterhergeworfen wurden, ist folgender, ebenfalls in der alten Anzeige zu findender Satz: „Handschuhe werden nach Maaß angefertigt“.

Heute befinden sich in den Häusern auf der rechten Straßenseite unter anderem eine architektonisch sehr schöne Apotheke, ein Frisiersalon und eine Fleischerei, in deren Räumlichkeiten sich früher ein Blumengeschäft befand. Das Gebäude neben der Fleischerei wurde einst im Erdgeschoss rechts ebenfalls vom Blumenhandel und links von einer Partei genutzt. Es steht seit der Wende leer und ist dem Verfall preisgegeben. Alle alten, einst zum Molteplatz hin stehenden Häuser wurden schon in den 1960er-Jahren abgerissen – leider auch auf der anderen Straßenseite auf großer Breite.

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