Selbshilfegruppe in Parchim : Nüchtern in die Welt schauen

Urs Frank (2. v. r.) hat die Suchtselbsthilfegruppe BKE in Parchim ins Leben gerufen.
Urs Frank (2. v. r.) hat die Suchtselbsthilfegruppe BKE in Parchim ins Leben gerufen.

Selbsthilfegruppen helfen Menschen mit Süchten . BKE Parchim ist eine von drei Angeboten in der Kreisstadt.

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29. Dezember 2017, 05:00 Uhr

Sie sind neugierig: Die Männer, die sich am Dienstagabend in der Stegemannstraße in Parchim treffen, löchern den Reporter mit Fragen zur Zeitung. Manchmal wird hier eine Stunde lang intensiv nur über ein Thema gesprochen – beispielsweise über einen Traktor, sagt Urs Frank, der Leiter der Suchtselbsthilfegruppe BKE: „Wir sind fähig, uns längere Zeit auf ein Thema zu konzentrieren. Wir kommen klar, können nüchtern in die Welt schauen.“

Urs Frank hat die Selbsthilfegruppe des BKE (Blaues Kreuz in der Evangelischen Kirche) für Deutschland in Parchim ins Leben gerufen. „Zu uns kann jeder kommen“, sagt er. Jeder der sein Leben in neue Bahnen bringen will. Egal ob gläubig oder nicht, egal mit welcher Sucht. Das reicht von Alkoholkranken bis zu Spielsüchtigen, von Süchtigen nach illegalen Drogen bis hin zu Sexsüchtigen. Letztere gab es allerdings noch nicht in der Parchimer Gruppe.

„Für uns sind Selbsthilfegruppen wichtige Partner, die oft unterschätzt werden“, erklärt Marcus Müller vom Suchthilfezentrum des Diakoniewerks Kloster Dobbertin in Parchim. Das Zentrum stellt Räume für Selbsthilfegruppen zur Verfügung. Allein in Parchim treffen sich regelmäßig drei Gruppen verschiedener Anbieter, die vorrangig von Menschen mit Alkoholproblemen aufgesucht werden. Weitere Gruppen gibt es in Nachbarorten, so in Lübz und in Plau am See.

Vor allem für Süchtige, die nach der Entgiftung und der Reha trocken bzw. clean bleiben wollen, sind diese Selbsthilfegruppen ein wichtiger Anlaufpunkt. Urs Frank verweist auf statistische Erhebungen zwei Jahre nach Entgiftung und Langzeit-Reha. Danach bleiben 60 Prozent der Menschen, die eine Selbsthilfegruppe besuchen, trocken oder clean. Bei Menschen, die darauf verzichten, sind es 40 Prozent.

Urs Frank, ein kirchlicher Mitarbeiter, ist selbst trockener Alkoholiker. Auf sein Problem wurde er aufmerksam, als er sich im Team in den 1980er-Jahren in der Fastenzeit entschied, die sieben Wochen zwischen Aschermittwoch und Ostern auf Alkohol zu verzichten. „Nach drei Tagen fing ich an zu zittern!“ so Frank. Er kam von der Flasche los. Und macht sich mit seinem Kampf gegen den Alkohol selbst in der Kirche nicht nur Freunde. Beispielsweise mit dem Diskussionsthema um Wein zum Abendmahl. Trockene Alkoholiker dürfen bekanntlich keinerlei von dem Suchtmittel zu sich nehmen, wenn sie nicht wieder in ihr altes Schema verfallen wollen.

Seit 2004 arbeitet Urs Frank in der Suchthilfe. Seitdem hat er auch nebenbei die Selbsthilfe aufgebaut. In Parchim kommt ein Kern von 13 Leuten zu den wöchentlichen Treffs. Manchmal sind es weniger. Die meisten von ihnen haben Probleme mit der Volksdroge Nummer 1, dem Alkohol, verhältnismäßig viele aber beispielsweise auch mit einer Spielsucht.

Nicht nur Betroffene sind willkommen, auch Angehörige und Menschen, die Suchtkranke auf dem Weg zur Abstinenz begleiten wollen. Immer wieder ein Gesprächsthema in der Gruppe ist es, wenn jemand einen Rückfall hat. Da können andere mitreden. Man spricht über Erfahrungen: Warum ist das passiert? Urs Frank erzählt von einer Erkenntnis, die wohl jeder Alkoholsüchtige verinnerlichen muss: „Die ersten drei Gläser Schnaps waren schön, die anderen 17 konnte man nicht mehr bremsen.“ Heute verzichtet er gleich auf die ersten drei Gläser. Und es fehle ihm nichts dabei.

Die Gruppe in Parchim ist ein Schutzraum für Menschen, die dauerhaft von der Sucht frei werden und für sich ein zufriedenes Leben ohne Suchtmittel entdecken wollen.

Neben den wöchentlichen Beratungen und Gruppenstunden bietet die Parchimer BKE-Gruppe auch gemeinsame Ausflüge und Freizeitaktivitäten an, die auf dem Weg zu einem zufriedenen und suchtfreien Leben unterstützen.

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