Parchim : Tausend Jahre „Bluetooth“ in MV

Jürgen Krakor enthüllt seine „Wikinger-Frau“ mit nachgestaltetem Schmuck.
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Jürgen Krakor enthüllt seine „Wikinger-Frau“ mit nachgestaltetem Schmuck.

Hobby-Archäologen stießen auf Zeugnisse friedlicher Kontakte der alten Slawen und Wikinger

nnn.de von
03. Januar 2018, 05:00 Uhr

50 hochpräzise GPS-Geräte zur verlässlichen Lokalisierung archäologischer Funde mittels Satellitenpeilung stellte Landesarchäologe Dr. Detlef Jantzen jüngst in Parchim den ehrenamtlichen Bodendenkmalpflegern der Region Westmecklenburg zur Verfügung, nachdem Finanzminister Brodkorb insgesamt 100 000 Euro speziell zu ihrer Förderung im ganzen Lande freigegeben hatte. Doch modernste Hochtechnologie wie diese hat unter Geschichtsinteressierten hierzulande schon immer einen besonderen Klang, beispielsweise in dem Begriff „Bluetooth“.

Allerdings meinen sie dann oft nicht jenen genialen Standard elektronischer Nahbereichskommunikation, welchen die damals noch rein skandinavischen Firmen Nokia und Ericsson für die (übrigens auch hier erfundenen) Mobiltelefone entwickelten. Vielmehr denken Hobby-Archäologen bei „Bluetooth“ an den Namensgeber Harald Blauzahn (Blåtand), den ersten christlich getauften Wikinger-König der Geschichte und seine Beziehung zum heutigen MV.

Dass es diese gab, und zwar vor über tausend Jahren, das bewiesen gerade zwei ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger mit überraschenden Funden von Wikinger-Schmuck zeitgleich bei Neubukow (Mecklenburg) und Pasewalk (Vorpommern).
Die Sensation geschah ausgerechnet am „Vatertag“ 2017 (Christi Himmelfahrt – Donnerstag der Woche vor Pfingsten), als die beiden Hobby-Archäologen Jürgen Krakor und Sylvio Barkow ohne voneinander zu wissen mit Metalldetektoren und Unterstützung ihrer jeweiligen Familien auf 170 Kilometer entfernten Ackerflächen ihrer Leidenschaft nachgingen.

„Ob da wohl die Alten Götter ihre Hände im Spiel hatten?“, überlegte Krakor verschmitzt, als er in Parchim den sensationellen Doppelfund detailliert vorstellte und im Zusammenhang mit Überlieferungen der alten nordischen Mythologie (Ragnarök) deutete. Zudem hatte er sich die Mühe gemacht, an einem lebensgroßen Modell zu veranschaulichen, wie jener Schmuck wohl einstmals von Frauen getragen wurde. Auf Raub aber fuhren gewöhnlich nur Männer ...

Die Zeit, um die es geht, umfasst die Jahre 950 bis 985, in welchen der sogenannte Jelling-Stil gepflegt wurde, benannt nach jenem Ort auf dem Festland des heutigen Dänemark, wo Harald Blauzahn und sein Vater Gorm zeitweise gemeinsam regierten. Ihr von Jütland aus beherrschter Einflussbereich umfasste nicht nur weite Gebiete Skandinaviens mit Norwegen und Südschweden, sondern reichte entlang der Ostseeküsten und einmündenden Flüsse – leicht befahrbar mit den seinerzeit revolutionären Drachenschiffen, welche hauptsächlich davor und danach zum gefürchteten Schrecken der Anwohner avancierten.

Gerade in Blauzahns Epoche erblühte die sogenannte Wikinger-Gesellschaft jedoch zu einem Imperium überwiegend friedfertigen Austausches mit den Nachbarn, zu denen im Osten und Südosten vornehmlich die Slawen gehörten. Von Harald Blauzahn ist sogar bekannt, dass er eine slawische Prinzessin ehelichte und seine persönliche Leibgarde aus so genannten Joms-Wikingern (kampferprobten Slawen von der Odermündung) rekrutierte.

Der sensationelle Doppelfund nahezu identischen Frauenschmucks der Wikinger belegt nun erstmals handfest die vermutet enge Beziehung beider Kulturen, die sich im nichtkriegerischen Alltag gar nicht so sehr voneinander unterschieden. Was man übrigens jedes Frühjahr und auch im Sommer im Archäologischen Freilichtmuseum Groß Raden miterleben kann, wenn Hobby-Wikinger aus Nah und Fern gemeinsam mit Museumsmitarbeitern und Fördervereinsmitgliedern den nach archäologischen Belegen wiedererstandenen Slawen-Burgwall zum authentischen Leben erwecken.

Bevor seine Nachfahren ihre berüchtigte Seeräuber-Tradition wieder aufnahmen, war es Harald Blauzahn durch geschickte Politik nicht nur gelungen, die bis dato verstreuten und unabhängigen skandinavischen Stämme zu vereinen – er gilt nicht von ungefähr als Gründer des Königreichs Dänemark. Neueste archäologische Befunde zeigen auch eine noch heute beeindruckende Architekturleistung etwa in Gestalt seines 13 Hektar großen, schiffsförmigen „Königshofs“ (zugleich Grabdenkmal für Vater und Mutter) in Jelling, einer – für jene Zeit beinahe autobahnähnlichen – hölzernen Flussquerung der Vejle (700 Meter zweispurig).

Durch den klug kalkulierten Schachzug, sich öffentlichkeitswirksam taufen zu lassen (ohne darüber privat den alten Götterglauben an Odin, Thor, Freya usw. zu vergessen), hielt sich Blauzahn zudem die Südflanke gedeckt. Denn hier am sogenannten Danewerk im heutigen Schleswig-Holstein grenzte Haralds Wikingerreich am „heiligen Römischen Reich deutscher Nation“ unter dem christlichen Kaiser Otto I., der von Magdeburg aus regierte und seinerseits ebenfalls regen Austausch mit den Slawen östlich der Elbe pflegte. Davon berichtete übrigens Ibn Jacub, jener Reisende im Auftrag des muslimischen Kalifen von Cordoba (Südspanien), dem wir höchstwahrscheinlich die erste schriftliche Erwähnung jener Inselburg der Slawen in einem Süßwassersee verdanken, die inzwischen als Schweriner Schloss bekannt ist.





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